Die Droge Liebe – Sharon Van Etten

Es ist wahrlich kein Geheimnis, dass sich in der Popmusik nahezu alles um die Liebe dreht, denn schließlich ist sie es, die unserem Dasein Sinn verleiht. Und da Musik generell unsere Emotionen abbildet, Gefühle verstärkt, oftmals sogar anstiftet, wird es Lieder über die Liebe geben, solang es Menschen gibt. Über die Euphorie der Verliebtheit zu singen, gehört zur dankbarsten Beschäftigung mit Liebe. Über Abschied oder Verlust zu sinnieren, wirkt sich wiederum verlässlich auf die Tränendrüsen derer aus, die nahe am Wasser gebaut sind. Liebe zwischen ihrem Anfang und ihrem Ende zu betrachten, sie im Alltag, im Zweifel und in der Hörigkeit näher zu beäugen, das bedarf fortgeschrittener Reflektion. Die US-Singer-Songwriterin Sharon Van Etten widmet sich auf ihrem neuesten Album Are We There dieser Sichtweise, interpretiert Liebe als Abhängigkeit, oft sogar als physischen Schmerz. In ihren Texten wird Liebe zur Droge, die alles bestimmt und sämtliche Gedanken bündelt. Im besten Fall eine Hoffnung, ein Paradies verspricht, vielfach aber eben auch Angstreaktionen zeitigt. Are We There gerät speziell in solch Momenten großartig, wo Van Ettens unvergleichliche Stimme dramatisch hochschnalzt, einige Töne lang ganz und gar im Sentiment erblüht. Ihre Artikulation, dieser spezielle gesangliche Ausdruck der Inbrunst mit Resignation und Leiden mit Erwartungen verbindet, verfehlt die Wirkung nicht.

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Photo Credit: Dusdin Condren

Schon mit dem eröffnenden Afraid Of Nothing machen sich all die geschilderten Empfindungen breit. „I can’t wait/ ‚Til we’re afraid/ Of nothing/ I can’t wait/ ‚Til we hide/ From nothing“ sieht in der Liebe die Möglichkeit zur Überwindung aller Furcht, sie erfolgt nicht aus einer Lust und Laune heraus, sie stellt sich als existenzielle Notwendigkeit dar, wie die finale Zeile „I need you to be afraid of nothing“ unterstreicht. Zuneigung ist kein unbeschwert flatternder Schmetterling, sie ist auch Mittel zum Zweck, sie wird gesucht, um Sinn zu finden. Man nimmt Risiko, wenn man sich in die Liebe stürzt, man wagt, wenn man sie über Bord wirft. Taking Chances überlegt aus einer Liebe flüchten – und zögert und zaudert. Denn Are We There steht kaum für Entscheidungsfreude, es ist eine Platte der Lethargie, deren Tun im Hoffen oder Erinnern besteht. Your Love Is Killing Me wird zum pathetischen Aufschrei, zum selbstzerstörischen Bekenntnis: „Break my legs so I won’t walk to you/ Cut my tongue so I can’t talk to you/ Burn my skin so I can’t feel you/ Stab my eyes so I can’t see/ You like it when I let you walk over me/ You tell me that you like it/ Your love is killing me„. Dieses Lied ist der drastische Höhepunkt, ein ätherisches Winseln voller Klage. Der dichte Sound des Refrains mit seinem unbarmherzigen Schlagzeug stachelt die Verzweiflung weiter an. Quasi mit dem nächsten Lied Our Love kommt freilich wieder zweckoptimistische Geborgenheit durch, Liebe als Mantra, an welches man sich klammern muss. So vage Tarifa textlich auch bleibt, so viel zärtliche Wärme strahlt es aus, wenn die Orgel vor sich hin rödelt und kleine Bläser-Fanfaren für wohlige Tupfer sorgen. Dergestalt klingt souliger Dream-Pop. Mit der von Piano und Drums dominierten Ballade I Love You But I’m Lost keimt tatsächlich Zuversicht auf, scheint die Überwindung von Stillstand möglich, jedwede Verlorenheit temporär: „To know somebody in and out, after a while it’s a real challenge/ Come in here and be yourself again/ I love you but I’m not somebody who takes shots/ See me after I recoil, I’m better than I know/ There is room to grow„. Wie sie sich im Nu von lamentierender Traurigkeit zu mächtiger Engelsgleiche aufschwingt, darin liegt oft – und speziell hier – Anflug von Erlösung. Bei You Know Me Well sorgt das Schlagzeug für eine Kriegstanzatmosphäre und tatsächlich fühlt man sich inmitten von Konfrontationen und Wortwechseln: „I told you then/ I’d hold you when you need it/ And there you are/ Lookin’/ Away„. Einmal mehr gerät Liebe zum Kampf, den es auszufechten gilt. Das Wir ist bei Van Etten selten Trutzburg, sondern oft eher brüchige Ruine. Ein blecherner Klang durchwabert Break Me, kontrastiert einen seltenen Moment von Aufbruch und Optimismus. Gelungener fällt da I Know aus, das wieder in reinstem Piano erstrahlt und die Songwriterin Van Etten am Zenit ihrer Ausdruckskraft zeigt: „You see me turn around and try to hide my sigh/ I know the ancient melodies will come at night/ I sing about my fear and love and what it brings/ I know, I know„. Hier begründet Liebe nicht den Schmerz, hier ist Liebe nicht länger verhängnisvolle Droge, hier wird Liebe zur Medizin, zum Lebenselixir. Alles Grübeln scheint überwindbar, alle Ängste besiegbar, Widrigkeiten werden hinnehmbar. I Know deutet ein unausgesprochenes Wissen an, ein endgültiges Finden, einen Sieg über die Destruktivität. Dieses Lied wäre der absolut alles überragende Schlusspunkt eines intensiven, vielleicht sogar schmerzlichen Albums, doch folgt mit Every Time The Sun Comes Up ein Nachklapp, auf den ich mir keinen Reim machen kann. Dieser Song wäre in der Mitte der Platte besser aufgehoben gewesen.

Sharon Van Etten ist kein Poetin vor dem Herren, der die Metaphern nur so aus den Händen rieseln. Ihre Lyrics wirken dennoch beklemmend nahe, unmittelbar wie Tagebucheinträge, vor Realismus strotzend. Ihre Worte sind nie Haut und Knochen, an ihnen klebt ein Fleisch voller Wunden. Darin besteht der Reiz von Are We There, dass es nie im Elfenbeiturm gezimmert wirkt, sondern ungeheuer real Licht und Schatten darstellt. Dieses Werk liebt und leidet, ist jener Liebe völlig ausgeliefert – und wird letztlich auch von ihr beschützt. Van Ettens Stimme scheint ohnehin seit jeher über jeden Makel erhaben. Sie schillert schon lange als einer der hellsten Sterne am Singer-Songwriter-Firmament. Und dies mit jedem Album ein bisschen heller!

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Are We There erscheint am 23.05.2014 auf Jagjaguwar.

Konzerttermine:

01.06.2014 Köln – Studio 672
02.06.2014 Berlin – Privatclub

Links:

Offizielle Homepage

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