Ein sachtes Bunt – Pale Grey

Irgendwann wird uns die Facebook-Mentalität noch auf den Kopf fallen. Wenn wir zwar frisch und fröhlich und oft ein „Gefällt mir“ verteilen, aber eben nicht mehr als diese diffuse Beifallsbekundung beizusteuern imstande scheinen. Auf diesem Blog versuchen wir Musik nicht immer ganz und gar zu ergründen, vielmehr auch die verursachten Emotionen darzustellen. Das ist manchmal sehr einfach, wenn das Album den Hörer an die Hand nimmt, mitunter aber scheint die Affinität zu einer Platte eben nicht mit ein paar blumigen Adjektiven erklärt. Dann steht man einer Band voll Wohlwollen – und zugleich ratlos – gegenüber. Über die belgische Formation Pale Grey würde ich nämlich unbedingt mehr sagen wollen, als dass mir ihr Album Best Friends nun schon eine Woche lang so manche Stunde versüßt hat. Mein Mitteilungsbedürfnis geht also über eine „Gefällt mir“ hinaus, aber warum mir dieser Indie-Synthie-Pop-Rock nun den Tag veredelt, das kann ich auch nach dem zehnten Hördurchlauf bestenfalls im Ansatz erklären.

Was vermittelt mir also Best Friends, weshalb ich die gut 50 noch auszubaldowernden Alben im Plattenregal schmoren lasse? Zuvorderst im Ikea-Schränkchen steht eine ganz großartige Platte aus der Kategorie World Music, gleich daneben ein zum Niederknien wunderbares Album der vielleicht besten amerikanischen Singer-Songwriterin der Gegenwart und ebenfalls in Griffweite die drei CDs umfassende Deluxe-Version eines vor 20 Jahren veröffentlichten Meilensteins des Britpop. Und trotzdem höre ich mir Pale Grey an, obwohl mir diese (laut Pressetext) Mischung aus Indietronic, Pop und Hip-Hop eigentlich gar nicht so gefallen sollte. Sie tut es aber, ungemein. Der Song Seaside beispielsweise beschreibt ein Idyll am Meer, mild tönt der Pop, entspannte Aktivität glimmt auf. Es ist ein Song, der ein relaxtes Pfeifen auf den Lippen trägt, während er auf ein kleines Glück zusteuert. Auch das zwischen lassen Synthie-Intermezzos und schmissigem Refrain schwankende Bottle geht mir nicht so schnell aus dem Ohr, hinter der Aufgewecktheit verbirgt sich freilich der Vorwurf, vor lauter Mitträllern fällt die böse Zeile „You know that behind your sparkle you are like an empty bottle“ fast unter den Tisch. Die Strategie von Pale Grey liegt in gedämpften Farben, im Midtempo, aus dessen Behaglichkeit heraus sie durchaus die eine oder andere Erregung abfeuern. Etwa bei Spiral, dessen Monotonie in einer Instrumental-Passage aufbricht. Selbige gerät ausgerechnet zum beredtsten Teil der Nummer, lässt lärmigen Rock von der Leine. Dass der Sound der Band auch ohne Gesang funktioniert, zeigt sich beim robusten wie lieblichen Milopoy, wenn lediglich ein aus dem Hintergrund erschallender Lalala-Chor den frühlingshaft aufblühenden Track ziert. Mit Shame erreichen die Belgier freilich ihren Zenit, schaumgebremste Linkin Park treffen auf Phoenix treffen auf irgendeine auf sophisticated getrimmte New-Wave-Brit-Band. Und just in dem Moment, wo man die einzige Schwäche von Pale Grey in hin und wieder ungelenken Lyrics verorten möchte, leisten sie sich bei Confession einen kleinen Brüller: „You can’t hear me now I can confess/ How could I express with politeness/ Have you had a close look at your son/ Doesn’t he remind you of an old friend„. Mit dem abschließenden Homeland wird die vor allem zu Beginn der Platte vorherrschende Leichtigkeit wieder aufgegriffen, es strömt und schwebt behaglich und ein bisschen erhaben, ehe die Stimmung kippt und die Band Math-Rock auspackt und einen auf Party macht. Vielleicht steckt in dieser nie plumpen, dennoch wirkungsvollen Überraschungshaftigkeit auch der Hauptgrund, warum es mir Best Friends momentan so angetan hat.

Pale Grey haben ein sachtes Bunt geschaffen, das immer wieder helle Sprengsel aufweist. Das Album hat etwas von einem Wimmelbild, welches die Vertiefung lohnt und nach und nach ein Aha erlaubt. Wer sich in solch Bildern verlieren kann, sie entspannt durchforsten mag, wird bei Best Friends bestens unterhalten. Und dann will man auch manch anderes starkes Album gern noch einen Tag länger im Plattenschrank ruhen lassen.

palegrey_bestfriends_cover

Best Friends ist am 02.05.2014 auf JauneOrange erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Pale Grey auf Facebook

SomeVapourTrails

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