Genie und Rowdytum, das erste Kapitel – Oasis

Es existiert diese Legende, wonach Oasis im Februar 1994 – noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums – eine Fähre nach Amsterdam bestiegen, um dort ein Konzert zu spielen. Während der Überfahrt dürfte es unter der Federführung Liam Gallaghers zu einem ordentlichen Alkoholexzess gekommen sein, was darin gipfelte, dass Liam und der Bassist Paul „Guigsy“ McGuigan wegen einer tätlichen Auseinandersetzung an der Bar noch an Bord eingesperrt und gleich zurück nach Großbritannien verfrachtet wurden. Lediglich Noel Gallagher soll Amsterdam erreicht haben. So zumindest will es die Anekdote, die immerhin auch von der BBC verbreitet wurde. Und tatsächlich versinnbildlicht diese Geschichte das Genie und das Rowdytum, welches Oasis Zeit ihres Wirkens begleitet haben. Diese Band hat Britpop in seiner schillerndsten und zugleich ungestümsten Form dargeboten. Bereits mit ihrem vor zwanzig Jahren erschienenen Erstlingswerk Definitely Maybe wurde der Grundstein für den Mythos Oasis gelegt. Und so sehr sich auch andere Bands um Kultstatus mühten, was Oasis Mitte der Neunziger entfachten, bleibt wohl unerreicht. Wo Pulp und Blur noch zur Fußnote in der Musikgeschichte taugen, gehört die Kapitelüberschrift dieser Zeit letztlich Oasis. Die Gebrüder Gallagher bescherten Großbritannien die deftige Renaissance des Rock. Nach all dem Synthie-Pop und dem durchgestylten New Wave legten Oasis wieder den Grundstein fürs Grobe und Dreckige. Doch wo der amerikanische Grunge etwa noch mit Leidensmiene in die Saiten griff, durchwob Definitely Maybe die Euphorie des Seins. Definitely Maybe und die folgenden Alben der Neunziger waren das triumphale letzte Kapitel europäischer Musikgeschichte, ehe durch Internet und Filesharing das Musikbusiness in seinem Fundament für immer erschüttert wurde. Der Songwriter Noel Gallagher schien von Anfang an von sich sehr überzeugt, betrachtete sich als die einzig existiernde Inkarnation der Beatles. All der Größenwahn war jedoch noch Untertreibung. Noel war das kompositorische Ausnahmetalent, wie es nur eines pro Generation geben kann. Zusammen mit der impulsiven Rampensau Liam hat Noel ein Zeitgefühl geprägt, die Musikhistorie nachhaltig beeinflusst. Definitely Maybe war dabei das erste Kapitel.

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Photo Credit: Jamie Fry

Dieser Tage nun erscheint eine 3 CDs umfassende Remastered Deluxe Edition, die neben dem regulären Album noch B-Seiten, Extra-Tracks, Live-Aufnahmen und Outtakes und Demoversionen aufbietet. Nun könnte man sich ein geseufztes „Wer braucht schon sowas?“ aus der Kehle stöhnen. Doch speziell beim Mythos Oasis lohnt es, diesem auf den Grund zu gehen. Sehen wir uns also den Mehrwert dieser Deluxe-Edition an, denn zur eigentlichen Platte ist in den letzten 20 Jahren ohnehin schon alles gesagt worden. Die Debüt-Single von Oasis erblickte im April 1994 das Licht der Welt. Dem unvergesslichen Track Supersonic wurde neben der B-Seite Take Me Away je nach Format auch noch I Will Believe (Live) und Columbia (White Label Demo) beigefügt. Vor allem das akustische Take Me Away mit Noel Gallaghers Gesang zählt zu den fraglos untypischen Oasis-Tracks, I Will Believe dagegen ist ein knackiger Rocktrack, der es gut und gern auch auf das Album hätte schaffen können. Alle sind auf Disc 2 dieses Box-Sets zu finden. Im Juni folgte die zweite Single-Auskoppelung, nämlich Shakermaker. Auch von dieser Single sind mit D’Yer Wanna Be A Spaceman? und Alive (Demo) die B-Seiten auf dem Box-Set vertreten, nicht jedoch die Live-Version von Bring It On Down. Speziell Alive mag denen, die in der Regel nur die Songs der Alben kennen, ins Ohr stechen. Kurz vor der Veröffentlichung des Albums Ende August 1994 wurde Anfang des Monats mit Live Forever die dritte Single auf den Markt gebracht. Dank Zeilen wie „Maybe I will never be/ All the things that I wanna be/ Now is not the time to cry/ Now’s the time to find out why/ I think you’re the same as me/ We see things they’ll never see/ You and I are gonna live forever“ galt der Grundstein für ein Lebensgefühl gelegt. Es war das erste Lied der Band, das sich unter den Top Ten der britischen Charts platzieren konnte. Mit Up In The Sky (Acoustic), Cloudburst und Supersonic (Live) sind auch hier die drei B-Seiten auf der Deluxe-Edition vertreten. Zumindest Cloudburst fällt gelungen aus, auch die Live-Dynamik von Supersonic lässt sich nicht lumpen. Im Oktober 1994 koppelte man schließlich noch Cigarettes & Alcohol aus, diesmal ergänzt durch das Beatles-Cover I Am The Walrus (Live), welches im Glasgow Cathouse im Juni 1994 aufgenommen wurde, sowie Listen Up und Fade Away. Speziell letzteres mit seinem Refrain „While we’re living/ The dreams we have as children/ Fade Away“ ist ein veritabler B-Seiten-Klassiker. Natürlich finden sich jene Tracks im Box-Set wieder. Mit Whatever ist auch eine im Dezember dieses Jahres erschienene Single auf dieser Zusammenstellung vertreten, die eine echte Einzelveröffentlichung darstellt, also die Wartezeit bis zur Fertigstellung des nächsten Albums (What’s The Story) Morning Glory? verkürzen sollte. Whatever kündigte bereits den nächsten Schritt in Richtung Genialität an, war der erste große Single-Hit, der es sogar bis auf Platz 3 der britischen Charts schaffte. Die dazugehörigen B-Seiten (It’s Good) To Be Free, Half The World Away und der noch von Definitely Maybe entnommene Song Slide Away sind allesamt hochkarätig. Nun gab es es bereits in den Neunzigern Zusammenstellung der ersten Singles von Oasis, etwa ein 1996 veröffentlichtes Singles-Box-Set von Definitely Maybe, welches jedoch Whatever unberücksichtigt ließ. Die 1998 erschienene Zusammenstellung The Masterplan wiederum fokussierte sich zwar auf Lieder, die es nicht auf die Studioalben geschafft hat, vernachlässigte dabei aber leider das geniale Whatever. Sad Song, das ursprünglich nur als Bonus-Track auf dem Vinylalbum in Großbritannien sowie auf der japanischen CD-Edition zu finden war, ergänzt die B-Seiten-Sammlung von Disc 2 dieser Jubiläumsausgabe. Nur wo Cigarettes & Alcohol (Demo) bereits vorher veröffentlicht wurde, vermag ich nicht zu sagen.

Kommen wir nun zu Disc 3, die mit bislang unveröffentlichten Live-Auftritten und einigen Demos aufwarten kann. Hier bekommen wir es unter anderem mit akustischen Versionen von Live Forever und Shakermaker bei einem Ladenauftritt in Paris zu tun. Vor allem Digsy’s Dinner (Live Paris In-store) überzeugt im abgespeckten Ambiente. Die Live-Mitschnitte von der Manchester Academy bestechen durch ihren Bootleg-Flair, insbesondere Cigarettes & Alcohol (Live At Manchester Academy) ist mehr Zeitdokument denn Füllmaterial, selbiges darf man auch von Supersonic (Live At Glasgow Tramshed) behaupten. Von den Rohfassungen scheint zweifelsohne Strange Thing (Demo) erwähnenswert, das der originalen Demokassette aus 1993 entstammt und die Band noch sehr auf der Suche nach einem eigenen Sound zeigt. Cloudburst (Demo) mutet im unbehauenen Zustand sogar besser an als die spätere B-Seite, nämlich luftiger und weniger zugedröhnt. Neben diesen hörenswerten Tracks fehlt jedoch auch die eine oder andere Obskurität nicht, etwa die Streicher-Aufnahmen zu Whatever (Strings), welche glatt anmuten, als wären sie dem Soundtrack einer pittoresken Fernsehserie der BBC entrissen. In der Summe bietet Disc 3 allerdings authentisches Oasis-Flair aus der Anfangszeit.

Kommen wir zur eingangs erwähnten Anekdote zurück. Oft ist man geneigt zu spekulieren, was wohl aus Oasis geworden wäre, wenn die ganzen Eskapaden nicht ihr künstlerisches Schaffen überlagert hätten. Damit tut man den Gebrüdern Gallagher jedoch Unrecht. Denn Genie und Wahnsinn bedingen sich nun einmal. Der Hang zum Exzess hat diese musikalische Inbrunst erst ermöglicht. Noel und Liam waren schon Rockstars – lange bevor sie eigentlich erst zu Kultgestalten wurden. Nicht sie wurden für die großen Bühnen geschaffen, vielmehr wurden Stadien und Arenen nur zum Behufe eines Oasis-Auftritts überhaupt erst ersonnen. Dem Mythos Oasis wird diese Remastered Deluxe Edition von Definitely Maybe vollumfänglich gerecht. Sie dokumentiert den Beginn von etwas Großem. Und wer möchte daran denn nicht teilhaben?

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Definitely Maybe (Remastered Deluxe Edition) erscheint am 16.05.2014 auf Big Brother Recordings.

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

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