Im Sog der Entschleunigung – Fredrik Kinbom

Vor ein paar Monaten habe ich erstmals über das Berliner Label Späti Palace geschrieben, dass auf seinen Zusammenstellungen aus allerlei Ländern nach Berlin gepilgerte Musiker präsentiert. Auf der Collection #1 war auch ein schwermütiger, atmosphärisch dichter Track des schwedischen Gitarristen Fredrik Kinbom vertreten. Dieser Tage nun ist sein Album Oil erschienen. Grund genug also in dieses Werk reinzuhören. Kinbom hat nämlich eine Schwäche für die Lap-Steel-Gitarre, die er jedoch aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißt. Seine Herangehensweise hat nichts mit Hawaii-Flair oder Country-Aura zu tun. Oil ist ein gedanken- und stimmungsvolles Album, das dahinsinniert und einer entschleunigten Ästhetik frönt. Es etabliert eine sachte Wehmut, die von der Wärme der Lap-Steel-Gitarre mal kontrastiert und dann wieder unterstützt wird. Kinbom versucht sein Singer-Songwritertum zunächst über diesen so speziellen, behutsamen Sound und erst in zweiter Linie über die Textebene zu definieren. Das gelingt ausnehmend gut.

Oil entwickelt eine geradezu mitreißende Langsamkeit, beschert Entrückung. Die Platte lässt jede Note funkeln, sie versteht es, Musik voller Andacht zu zelebrieren. In diese Liedern vermag man zu versinken, im sachten, steten Sog geradezu aufzugehen. Schon der Titeltrack Oil fließt gemächlich dahin. Im Strom der Zeit treiben ewigliche Sehnsüchte vorbei: „All along this ancient trail/ I can see rows and rows/ And rows of men/ Looking for life/ Looking for love„. Kinbom reibt in seinen Lyrics Widersprüche aneinander, das flüchtige Hier und Jetzt trifft auf eine stoische Ewigkeit, Zukünfte begegnen Vergangenheiten. Wo Oil noch in zeitlosen Dimension fühlt, spitzt Ought To die Gegenwart zu („This is real/ This is now/ Slipping away/ Through my fingers and out of sight/ Vanishing dust„). Man unterstellt ja unaufgeregter Musik gerne einmal kontemplative Vorzüge, hier jedoch werden die verschiedenen Qualitäten von Zeit auf magische Weise greifbar. Doch auch wenn Kinbom nicht singt, schlagen die Empfindungen sanfte Wellen. Das instrumentale Siena transportiert nostalgische Schauer, wenn das Becken gestreichelt wird und die Gitarre in edle Klage verfällt. This Old Machine forscht in die Zukunft: „What joys and what disasters/ Lie between now and ever after?„. Es gibt sich auch im Sound einer unerwartet dumpfen, dystopischen Hoffnungslosigkeit hin. Das abermals instrumentale Cotton Curve verscheucht die kleinen, dunklen Wolken, schweift grüblerisch in eine heimelige Weite hin. Solch schlichte Klarheit wirkt ungemein beseelt, meditiert sich ins Herzen des Hörers. Love And Luck wendet sich der Vergangenheit zu, allerdings keiner unbestimmten. Erinnerungen werden ins Gedächtnis gerufen, erwecken eine schicksalergebene Traurigkeit. In diesem Lied sticht Reduktion und Repetition hervor, Kinboms Songs treten nämlich manchmal auf der Stelle, verharren kurz im Gedanken, versuchen den Moment zu greifen, ehe alles wieder den gewohnten Gang geht, in gleichförmige Bewegung verfällt. Sirenengleich lockt die australische Sängerin Sarah Blasko bei Roots And Rumble, haucht und wispert geheimnisvoll. Es entwickelt sich zum würdigen Abschluss eines reifen, besonnenen Werks, das seine Gitarrenkunst mit Ernsthaftigkeit betreibt und in den Texten ein Gespür für Vergänglichkeit beweist.

Mehr als einmal dachte ich mir beim Erlauschen von Oil, dass solch zurückgenommene Schönheit eigentlich großes Potential für Filmmusik hätte. Wohl speziell für eine Dokumentation mit starker Bildersprache wären Fredrik Kinboms in sich ruhende Fertigkeiten überaus geeignet. Oil funktioniert freilich ohne einen Film vor den Augen, davon kann und soll sich der geneigte Leser unbedingt selbst überzeugen. Es ist eine dieser kleinen, feinen Platten, die ich aus tiefster Überzeugung und mit größtmöglicher Inbrunst empfehlen möchte. Also husch, husch ans Hören!

oil_cover

Oil ist am 12.05.2014 auf Capstan Records erschienen.

Konzerttermine:

12.06.2014 Osnabrück – Big Buttinsky
16.06.2014 Winterthur (CH) – Portier
19.06.2014 Berlin – Monarch Club
27.06.2014 Dresden – Veränderbar

Links:

Offizielle Homepage

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