In der Wüste gefrorener Monolithen – Collapse Under The Empire

Dem Hamburger Post-Rock-Duo Collapse Under The Empire habe ich schon so manche Zeile auf diesem Blog gewidmet. Und dies fast immer zum Anlass genommen, ein geradezu flammendes Plädoyer für jenes Nischengenre zu halten. Dieser Musikrichtung mangelt es nicht an vielfältigen Darreichungsformen, doch eint alle Musiker und Bands ein Ernst, ein Wille zur Vision, eine besondere handwerkliche Ausgestaltung. Der oftmaligen Flüchtigkeit von Musik wird hier Zement um die Füße gegossen, der Kleinteiligkeit des Lieds eine theatralische Inszenierung entgegensetzt. Aber machen wir uns nichts vor, Post-Rock in seinen ästhetischen Höchstgefühlen bleibt dennoch meist eine Sache für Puristen. Speziell das neueste Werk von Collapse Under The Empire vermag dem geschulten Hörer die Wonne in die Ohren zu treiben. Sacrifice & Isolation lässt die Vorzüge des Duos einmal mehr leuchten. Es verzettelt sich nicht, besticht durch ungeheure Kompaktheit. Tracks werden wie bereits bei früheren Alben auf durchschnittlich fünfeinhalb Minuten verdichtet, kommen ohne viel Pipapo auf den Punkt. Dazu gesellt sich noch eine futuristische Eisigkeit, die den Sound durch eine weite, kühle, von kristallinen Strukturen dominierte Wüste schweben lässt. Den visionären, entmenschten Klängen wohnt eine Ferne inne, eine brachiale Distanz, die man als Hörer kaum zu überwinden vermag.

Sacrifice & Isolation knüpft an das 2011 veröffentlichte Shoulders & Giants an, ist als Vollendung eines zweiteiligen Albumkonzepts zu verstehen. Wie auch schon bei Shoulders & Giants wird im neuen Werk eine fantastischen Dystopie, ein fröstelndes Sci-Fi-Mosaik entworfen. Die Tracks türmen sich gleich gefrorenen Monolithen auf, ragen imposant und zeitlos empor. Oftmals wird der Hörer von den Ausmaßen und der Dynamik der Szenerie geradezu erschlagen. Denn die Stücke wirken wie durch den Sucher einer Kamera aufgenommen, die anfänglich in die Horizontale filmt, sich an Erhebungen festkrallt und dann Meter für Meter nach oben neigt. Bei vielen Nummern dampfen zunächst Beats und elektronische Schnörkel über Synthie-Schichten, ehe der Gitarrensound aufwärtsstrebt, wuchtig den Äther erklimmt. Die Herren Chris Burda und Martin Grimm haben einen mit besonderer Ästhetik ausgestalteten Klangkosmos ersonnen, der stets in Cinemascope getauchte Landschaften kreiert. Zu den Highlights der Platte zählen die einleitenden Titeltracks Sacrifice und Isolation, wobei speziell letzteres dank monströsem Pathos wirkt. Am Gipfel des Ausdrucks, in den letzten 2 Minuten nämlich, tost und brodelt es, intensiviert sich das Stück in all seiner triumphalen Bedrohlichkeit. Ähnlich unbarmherzig, von unnahbarer Schönheit in die Aggression schweifend entwickelt sich Massif, das mit knirschendem Beat und dezidiertem Griff in die Saiten vorwärtsprescht. Die energische, furchteinflößende Komponente weicht beim Glanzlicht Awakening schließlich einer Energie des Erwachens, der Kraft des Entstehens. Auch hier tritt der gigantische, stets überdimensionierte Charakter offen zu Tage. In diesem von dem Duo so fantasievoll geschaffenen Ambiente herrscht eine unbeirrbare Dynamik der Elemente vor, so auch bei A Broken Silence, wo auf die schroffe elektronische Ausformung eine reine, flirrende Gitarrenstimmung folgt, die aus der glazialen Umgebung emporflieht. Collapse Under The Empire schwanken beständig zwischen elegantem Schönklang und eskalierender Härte, die insbesondere bei Stairs To The Redemption zu beeindruckt weiß. Dieser Track entfaltet seine Düsterkeit ganz allmählich, legt mit jeder Minute an Eindringlichkeit zu, eher er sich zum Ende hin martialisch, geradezu apokalyptisch präsentiert. Hier wird die Zuspitzung einer Vision mit letzter Konsequenz betrieben, wie auch das abschließende The Path unterstreicht. Mit solch virtuosen sechs Minuten muss die Formation keinen Vergleich scheuen, kann sich mit jedweder Post-Rock-Kapelle der Welt messen. Je mehr die elektronischen Komponenten im Verlauf des gesamten Werks in den Hintergrund treten, desto fesselnder gerät das Album.

Wenn ich vorhin diese Platte als ewige, einsame Eiswüste voll mysteriöser Obelisken empfunden habe, dann wollte ich mit diesem Bild vor allem die Rätselhaftigkeit und Weltentrücktheit des Sounds unterstreichen. In manch Momenten scheint alles weit, weit außerhalb der eigenen Imaginationsfähigkeit. Man kommt Sacrifice & Isolation nämlich schwerlich nahe, wenn man es in Farben fühlt. Eher schon darf man es in dumpfem Licht und hellen Schatten träumen, in vielen Blautönen und verschiedenstem Weiß begreifen, sich in den vielen Reflexionen verfangen. Collapse Under The Empire haben eine alle Dimensionen brechende Platte gemacht, die all die Tugenden des Post-Rocks auf sich vereint. Denn Post-Rock mag vielleicht Nische sein, zunächst aber ist er ganz hohe Kunst!

Cover-Sacrifice-Isolation

Sacrifice & Isolation ist am 23.05.2014 auf Finaltune Records erschienen.

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2 Gedanken zu „In der Wüste gefrorener Monolithen – Collapse Under The Empire

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