Neues zur österreichischen Seele – Der Nino aus Wien

Ganz Europa sinniert gerade über die österreichische Seele – und das nicht ohne Grund! Österreich ist abseits aller Klischees ein Buch mit sieben Siegeln – nicht bloß, aber speziell für den deutschen Nachbarn. Österreich scheint in seiner Mischung aus Lebensfreude und Morbidität, aus ornamentalem Gestus und grundsätzlicher Raunzerei sowohl Insel der Seligen als auch morastiger Sumpf. Das im Ausland vermittelte Österreichbild wird außerdem vielfach vom Wiener Mikroklima dominiert, dazu gesellen sich ab und an noch ein paar Bergvolkmythen. Aber so wird man der überraschenden Vielfalt keineswegs gerecht. Auf kleinstem Raum beherbergt Österreich verschiedenste Temperamente und kulturelle Ausprägungen, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit durchaus mit den Unterschieden zwischen Ostfriesland und Bayern messen können. All das darf man nicht vergessen, wenn man sich mit einem jungen österreichischen Liedermacher namens Der Nino aus Wien beschäftigt. Man sollte sich also nicht an der Sprachfärbung festbeißen, gar den Dialekt belächeln, vielmehr den beiden Alben Bäume und Träume mit Neugier begegnen. Hier begegnet Austropop ursprünglichster Ausprägung Indie-Pop-Rock. Larmoyante Tiefschürferei trifft auf eine dadaistische Momente, jugendlicher Überschwang auf eine Poesie im Fluss. Manch Anleihen an das Liedermachertum von Georg Danzer oder Ludwig Hirsch sind unüberhörbar. Der Nino aus Wien steht auch für ein Österreich, das irgendwo zwischen Heurigenseligkeit und Nestbeschmutzung sein Glück findet.

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Lassen wir den Blick zunächst auf das traditioneller anmutende Album Bäume schweifen. Es ist der klassische Singer-Songwriter-Entwurf mit großartigen Texten von starker Intensität. Etwa wenn im Titellied Bäume dem Lebensgefühl eines Alltags in fast schon belanglosem Erleben und allerlei Beziehungsgelaber nachgespürt wird. In den Strom der Erzählung verheddern sich persönlichen Bekenntnisse („Was du fragst/ Ist so unheimlich nah/ Ich hab es mit Lügen probiert/ Und mit Sprüngen aufs Eis„) und Sentimente der Unbehaglichkeit („Es kommen manchmal Nächte/ Von giftigen Herzen verseucht/ Die Blicke zweifeln an der Echtheit/ Wenn man seinen Augen nicht traut“), ehe alles in die Aussicht auf Spießbürgerlichkeit kulminiert, auf ein trautes Heim samt Kindern und Katzen. Ebenfalls großartig fällt das beschwörende Am heißesten Tag des Sommers aus, wo mitten in aller Schwüle schon der Herbst herbeigeredet und das sommerliche Idyll desavouiert wird. Auch Wiener Melange schreckt nicht davor zurück, das Wiener Sein in all die trostlosen Einzelteile zu sezieren, ihm mit Hassliebe zu begegnen. Diese sehr österreichische Befindlichkeit einer mehr oder minder unterschwelligen manisch-depressiven Ambivalenz prägt auch dieses Album. Und noch etwas tritt hervor, die Suche nach künstlerischer Identität (Spiegelbild), ein radikales, fast abschätziges Sinnieren auf einer Metaebene, wie man es im musikalischen Metier zu selten präsentiert bekommt. Bei Unterteilt in Kategorien wiederum wird das Inhaltsverzeichnis eines auf dem Flohmarkt gefundenen Kochbuch aus den Sechzigern deklamiert, es gerät zur offensichtlichsten ironischen Brechung.

Mit dem zweiten, eindeutig dem Indie-Rock zusprechenden Träume verliert die Chose freilich nicht an Gehalt, obwohl der erzählerische, Wien auf den Zahl fühlende Charakter in den Hintergrund tritt. Zu einem Eels’schen Riff wird etwa Mein Tod gefeiert, das einen angetrunken Jungen dem Vater die Autoschlüssel abluchsen lässt, um zu den Freunden ins Dorf zu fahren. Es mündet schließlich in eine großer Begräbnisfeier. Bei diesem bitterbösen, wohl nahe an der Realität angesiedelten Bauernschwank bleibt dem Hörer das Lachen im Halse stecken. Die allerbeste Sängerin dagegen schrammelt im Sixties-Sound dahin, gefällt als charmante Liebeserklärung an einen Star. Noch sympathisch altbackener gibt sich Oh wie glücklich und wunderschön mein Leben ist, welches in seiner unschuldigen, zärtlichen Fröhlichkeit fast schon zur Farce verkommt. Schräger gestaltet sich Die Hütte vor dem Haus, hier herrscht ein Dialektgesang wie unter Drogen vor, der sich an der Familiengeschichte abarbeitet und dabei kräftig ausmistet. Mit Graz bei Nacht hält sogar Punk Einzug, wird der Blick über Wien hinaus gedehnt. Ein Unterfangen, das die Wiener Szene eigentlich nur selten unternimmt. Denn Wien genügt sich meist selbst, stuft die übrigen Bundesländer auf Vorortstatus zurück. Gegen Ende huldigt Der Nino aus Wien mit Augenzwinkern der Trinker- und Drogennation Österreich, Grant lässt eine jugendliche Clique im Sumpf versinken („Der Martin meint immer, dass er nach Mexiko geht/ Er sagt, Tequila ist das einzige, das er verträgt/ Die Susi raucht dauernd die Joints/ Die Daisy hasst Joints und liebt Ecstasy/ Die Tina nimmt nie was, nie/ Der Klausi ab und zu Speed, um zu schauen, was es ihm gibt„). Mit diesem Lied schließt sich irgendwie ein Kreis, in dem juvenilen Sich-treiben-lassen scheint auch der gedankliche Fluss des anderen Albums Bäume teilweise wieder aufgegriffen.

Träume erzählt launige Anekdoten, Bäume hingegen bietet die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Dingen. Auch darum haben beide Platten ihre Berechtigung. Der Nino aus Wien hat sich mit dieser Doppelveröffentlichung als feiner Liedermacher österreichischer Zunge etabliert. Man sollte ihm ruhig auch in Deutschland Gehör schenken und nicht in diesen fragwürdigen Reflex verfallen, wonach sämtliche unhochdeutsche Sprachfärbungen sofort belächelt werden müssen. Denn es ist wohl diese hartnäckige Unsitte, die viele Deutsche davon abhält, hinter all den Stereotypen die österreichische Seele auch nur im Ansatz auszumachen. Und das wäre im Falle von Der Nino aus Wien nun wirklich schade!

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Bäume und Träume erscheinen am 16.05.2014 auf Problembär Records/Seayou Records.

Konzerttermine:

13.05.2014 Wien (AT) – WUK (Album-Release)
15.05.2014 St. Pölten (AT) – Cinema Paradiso
16.05.2014 Steyr (AT) – Röda
17.05.2014 Waidhofen (AT) – Folkclub
21.05.2014 München – Milla
22.05.2014 Graz (AT) – Generalmusikdirektion
23.05.2014 Salzburg (AT) – ARGE Kultur
24.05.2014 Ottersweier – Grüner Baum
25.05.2014 Offenburg – Spitalskeller
26.05.2014 Freiburg – Great Räng Teng Teng
27.05.2014 Frankfurt – Horst
28.05.2014 Bochum – Trompete
29.05.2014 Düsseldorf – Brause
30.05.2014 Hamburg – Haus 73 (Kleiner Donner)
31.05.2014 Berlin – Roter Salon
06.06.2014 Wien (AT) – Stadtsaal

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