Release Gestöber 54 (lùisa, Douglas First, Electric Ocean People)

Eines der Probleme unserer Gesellschaft besteht wohl darin, dass uns eingebläut wird, immer und überall der oder die Beste sein zu sollen. Nur das offensichtliche Streben nach dem Superlativ wird als Leistung wahrgenommen. Wer sich nur bemüht hat, hat versagt. Vielleicht ist aber genau der Leistungseifer auch der Grund, warum ein erklecklicher Teil der Zeitgenossen mit Kunst Probleme hat. Weil sie nicht akkurat messbar ist, man ihr nur über sehr nichtige Kriterien wie Verkaufs- oder Besucherzahlen beikommen kann. Weil Kreativität eben nicht über das Prinzip von „Schneller, Höher, Stärker“ funktioniert. Man einer künstlerischen Leistung nicht mit Balkendiagrammen oder Statistiken zu Leibe rücken kann, um den Wert der Kreativität zu beziffern. Lassen wir uns nicht täuschen, am Beispiel Musik etwa betrachtet dürfen das in Castingshows eingetrichterte Melisma oder auch das Ausreizen des Oktavenumfangs nicht als Qualitätskriterium herangezogen werden. Warum ich all das einmal mehr betone? Wohl da ich das Gefühl habe, dass Musik fast nur noch bewertet, selten aber ergründet wird. Wie schade! Aber vielleicht lese ich schlicht zu viel mittelmäßige Musikmagazine und Blogs. Ich will nämlich keine Platten vor Gericht sehen, weniger knallhartes Urteil und mehr Empathie scheinen vielmehr angebracht.

lùisa

Pressefoto__Luisa__Introspection

Die in Hamburg ansässige Singer-Songwriterin lùisa hat mich gerade mit ihrer EP Introspection Bauklötze staunen lassen. Dieser Folk-Pop besitzt Seele, Herz und Verstand, tönt intelligent, dem einen oder anderen Experiment zugetan und zugleich sehr einnehmend. Hinzu kommt eine charakterstarke Stimme mit unverwechselbarem Timbre, welches ihren 22 Lenzen einige Jahre voraus ist. Wie ihre Stimme mitunter bebt und zittert, manchmal angedunkelt scheint, nur um kurz darauf wunderbar klar zu erschallen, das alles stiftet große Intensität. Im Grunde mutet Introspection sehr abgeklärt an, es wirkt im Erzählen facettenreich und souverän. Schon der erste Song More ist ein echter Hochkaräter, strahlt wehmütige Verlorenheit aus. Cut Loose schwankt zwischen intimen, reflektierenden Momenten („Silence covers that we pretend/ To not have grown apart my dearest friend„) und einer schmerzenden Inbrunst und Erkenntnis („I sleep less than I used to sleep/ And you speak less than you used to speak/ I guess that I’ve lost you/ It feels strange to cut loose„). Das filigrane Heart-Made Failure macht seinem Titel alle Ehre, besticht als innerer Monolog voller Zerrüttetheit.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Bauklötze gestaunt habe? Eigentlich bin ich kein Freund von EPs, weil sie je nach Sichtweise zu viel oder zu wenig Musik beinhalten. Diese vier Lieder in solch kompakter Form fallen freilich unglaublich ansprechend aus, halten die Emotion und Anspannung hoch. lùisa ist mit Introspection ein feines Kleinod gelungen, welches selbst demjenigen Singer-Songwriter-Fan, der schon alles gehört zu haben glaubt, noch einige Schauer des Entzückens bescheren wird. Versprochen!

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Introspection ist am 23.05.2014 auf Moon Crater Records erschienen.

Douglas First

Die deutsch-französische, in Berlin ansässige Formation Douglas First hat vor ein paar Monaten ihre Debüt-EP namens Tide veröffentlicht. Und diese imponiert mir über die Maßen. Überwiegend wirkt diese Chose hemdsärmeliger und vielfältiger als das, was heutzutage als Indie-Rock durch die Boxen röhrt. Der Titelsong Tide scheint zwischen Post-Rock und ausladend instrumentalem Rock angesiedelt, schleicht mysteriös dahin, nur um gegen Ende hin ordentlich Fahrt aufzunehmen. Whipping wind strahlt sachte Wärme aus, ein erhabenes Säuseln und Wispern von Sänger Fabien Thomas ziert den Track. Im folgenden Berlin läuft Thomas zur Höchstform auf, zur bluesrockigen Schwere des Songs wimmert sich der Gesang die Seele aus dem Leib. Ähnliches lässt sich auch bei Feeling the storm feststellen. In all dem liegt eine sehr eigene Theatralik, ein Talent zu ein bisschen Larmoyanz und feiner Exzentrik. Douglas First beherrscht die impulsive Eruption ebenso wie die sinnierende Klage. Auch deshalb erwarte ich mir von dem für den Herbst dieses Jahres angekündigten Debütalbum so einiges. Bis dahin gilt: Entdecken lohnt!

Tide ist am 21.12.2013 erschienen.

Electric Ocean People

Vor einiger Zeit habe ich bereits die Hamburger Formation Electric Ocean People dafür gelobt, dass sie „kopfgebürtig anmutet und dennoch nicht zum Easy Listening für Mensa-Mitglieder verkommt.“. Und weiter konstatiert: „Die Songs der Band sind ein ständiges Schrauben und Frickeln, mal in Richtung hibbeliger Electro-Pop, mal gen gebläuten Indie-Pop, auch ein Lounge-Lack lässt sich erkennen. Dem Getüftel steht ein klarer, lebendiger Gesang gegenüber, quasi als Fels in der Unruhe.“. Im April hat die Band mit Foam nun eine neue Platte veröffentlicht, die durchaus in jene experimentelle Richtung weitergeistert. Somit nach wie vor elektronisch nervös bleibt, Beats allerdings auch mal dahintändeln lässt, die eine oder andere Dissonanz einstreut, dann wieder atmosphärisch ausladend im Einklang mit Weite wummert. Wie die Synthies so baumeln und Melodien schillern und eine kosmische Unruhe rauscht, wie all dies ineinander greift, das ist freilich bloß ein Geheimnis dieser Kunst. Einen Gutteil des Charmes bezieht Foam aus dem Gesang Julia Webers, die dem collagenhaften Sound eine sirenenhafte Mitte gibt. Zu den Highlights eines zweifelsohne anspruchsvollen, spannenden Albums zählen Shields, Ulysse und Are / You / You. Es sind Songs mit Strahlkraft, die das dunkle Experiment mit der ätherischen Note binden. Bisweilen entfleucht dem Gesang sogar subtile Sinnlichkeit.

Ich bin eher vorsichtig, die Wirkweise von Musik im Intellekt zu verorten, weil Musik in erster Linie auf einer emotionalen Ebene anregt. Dem Trio Julia Weber, Mario Schöning (Synthesizer), Christopher Radke (Bass, Gitarre) steht der kultivierte Sound freilich gut zu Gesicht, er wirkt nie bemüht, strapaziert nicht über, kriegt bei allem Gefrickel stets die Kurve, vermag immer auf die Stimme Webers zurückfallen. Über dem brummenden Schnarren und dem verhallten Puls von Squared etwa scheint der Gesang hell, erzeugt einen fesselnden Kontrast. Electric Ocean People basteln mit Foam weiter an ihrem eigenen Klanguniversum. Und so manchen Milchstraßennebel haben sie schon exzellent hingekriegt!

foam_cover

Foam ist am 25.04.2014 auf brutkasten erschienen.

SomeVapourTrails

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