Späte Wiedergutmachung – Johnny Cash

Es gibt Dinge, bei denen mir die Spucke wegbleibt. Etwa wenn man „verlorene“ Aufnahmen des großen Johnny Cash nun plötzlich wiederentdeckt und unter dem Namen Out Among The Stars veröffentlicht. Cash ist die Legende des Country, nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass das Genre bis heute so etwas wie Glaubwürdigkeit besitzt und nicht samt und sonders der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Und auch wenn Cash im Rahmen seiner fast 50 Jahre im Musikgeschäft nicht eben wenige Lieder und Platten aufgenommen hat, so sind ihm diese zwischen 1981 und 1984 aufgenommenen Tracks wohl keineswegs aus dem Gedächtnis entfleucht. Sie wurden von ihm wohl nie vergessen, vielmehr verdrängt. Denn sie entstanden in einer Zeit, als sich das Verhältnis zwischen ihm und seiner langjährigen Plattenfirma Columbia zunehmend verschlechterte, was Mitte der Achtziger auch zur teilweisen Trennung führte. Zumindest als Solo-Künstler ging er neue Wege, lediglich mit seinen Outlaw-Country-Weggefährten Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson nahm er als The Highwaymen erfolgreiche Alben für Columbia auf. Trotzdem stand er in den Achtziger nicht besonders hoch im Kurs, erst Mitte der Neunziger erlebte er mit den American Recordings eine unerwartete, bis heute kultisch verehrte Renaissance. All das sollte im Hinterkopf haben, wenn man sich mit Out Among The Stars beschäftigt.

Die Aufnahmen zu Out Among The Stars wurden also von der Plattenfirma über die Jahrzehnte vergessen und sind im Zuge der Aufarbeitung des Nachlasses entdeckt worden. Sie belegen, dass Cash auch in den Jahren rückgängiger Popularität integre Musik fabriziert hat. Ihre Veröffentlichung steht für eine späte Wiedergutmachung, somit auch für das Eingeständnis einer Plattenfirma, starke Songs nicht als solche wahrgenommen zu haben. Es stellt sich natürlich die Frage, wie sehr die Aufbereitung der Aufnahmen zur frischen Zeitlosigkeit des Sounds beigetragen hat. Im Booklet wird nur vage von einem „additional recording“ unter der Ägide von Cashs Sohn John Carter Cash gesprochen. Sofort ins Ohr sticht allerdings der Umstand, dass der Man in Black bei feiner Stimme war. Noch hatten sich gesundheitliche Problem nicht auf den gesanglichen Ausdruck geschlagen. Hier glänzt und funkelt sein Bassbariton noch, von der ebenso markanten Knarzigkeit seiner Spätphase ist noch nichts zu hören. Natürlich ist es der feuchte Traum jedes Kritikers, in dieser Platte ein Verbindungsglied zwischen dem klassischen Cash und der späteren genialen Neufindung zu sehen. Der Wiederentdeckung dadurch musikhistorische Dimension zu verleihen. Diesen Gefallen kann Out Among The Stars jedoch nicht leisten. Es ist nie hip oder von existenziellem Grübeln gekennzeichnet, taugt zur Ausweitung des Kults kaum. Es besticht als Album aus der Spätphase des klassischen Country-Stils, dem manch Ärgernisse der Achtziger erspart geblieben sind.

Cash hat zwei selbst verfasste Tracks zu dieser Platte beigesteuert, der Rest der Titel stammt von verschiedensten renommierten Songwritern und Country-Sängern, die den eigenen Durchbruch nie geschafft haben. Die Scheibe beinhaltet typische Cash-Themen, wie bereits im Titeltrack Out Among The Stars deutlich wird. Er handelt von einem jugendlichen Außenseiter ohne Perspektive besungen, der nachts einen Spirituosenladen überfällt, sich dort verschanzt und dem Eintreffen der Polizei harrt („He pictures the arrival of the cruisers/ Sees that old familiar anger in their eyes/ He knows that when they’re shooting at this loser/ They’ll be aiming at the demons in their lives„). Die Ausweglosigkeit tritt im Refrain hervor, wenn Cash mit sehnsüchtigem Schmelz die Zeilen „Oh how many travelers get weary/ Bearing both their burdens and their scars/ Don’t you think they’d love to start all over/ And fly like eagles out among the stars“ intoniert. Zwangsläufig wie beiläufig stirbt der Junge. Das aus der Feder Adam Mitchells stammende Lied wurde vielfach gecovert, beispielsweise auch von Merle Haggard, der 1987 ein ebenfalls Out Among The Stars betiteltes Album herausbrachte. Das folgende Baby Ride Easy fällt harmloser aus, es zählt zu den typischen Duetten mit seiner Ehefrau June Carter Cash, bei denen sich beide ihrer Liebe versichern. Wer die beiden je zusammen auf der Bühne gesehen hat, wird so wie ich von dieser über viele Jahrzehnte andauernden Verbundenheit beeindruckt gewesen sein. Nach dem einer Liebe nachtrauernden, feinen Desperado-Titel She Used To Love Me A Lot kommt mit After All eine leicht angeschmalzte Ballade, die Cash nicht unbedingt auf den Leib geschneidert scheint, um es mal höflich auszudrücken. Sie entpuppt sich als der einzige Moment des Werks, in welchem sich der Meister nicht wohlzufühlen scheint. Der Standard I’m Movin‘ On des kanadischen Country-Musikers Hank Snow klingt im Duett von Cash mit Waylon Jennings dann gleich wieder routiniert, geradezu souverän! Mit If I Told You Who It Was kommt das humoristische Potential Cashs zum Vorschein. Stilistisch an den Song A Boy Named Sue erinnernd, auch hier erzählt Cash mit Augenzwinkern und singt lediglich im Refrain, schildert der Song die Begegnung eines kleinen Mannes mit einer Country-Göttin, inklusive Reifenwechsel und Affäre („You’ve seen her on the screen and country magazines/ You’d think I was making it up/ She said it was our little secret and by golly I’m gonna keep it/ Anyway you wouldn’t believe it/ If I told you who it was„). Call Your Mother ist ein äußert liebenswürdiges, von Cash selbst verfasstes Abschiedslied: „When you get a chance/ Would you please call your mother/ And thank her for the good years that we had/ O gently break the news that you don’t love me/ And give my best regards to your good old dad„. Da bricht das Herz des Hörers. So redlich Call Your Mother anmutet, so rachsüchtig, dämonisch funktioniert I Drove Her Out Of My Mind. Es ist nicht das einzige Lied in seinem Œuvre, wo der verlassene Ehemann mörderische Revanche nimmt. Vielleicht ist dies auch ein Geheimnis der Anziehungskrafts eines Johnny Cash. Seine Verlierer offenbaren sich selten als verträumte Lämmer, sie sind auch oft böse, enttäuscht und hemdsärmlig gestrickt. Nach einer wunderbar süßlich instrumentierten, mit Kinderchor verfeinerten Liebeserklärung an Tennessee folgt Rock And Roll Shoes, der vielleicht schönste Song der Scheibe. Hier verschmilzt die Cash’sche Attitüde mit dem von Paul Kennerley und Graham Lyle komponierten Stück so sehr, dass man es als Easy-Listening-Klassiker aus seinem Repertoire nicht mehr wegdenken möchte. Der rastlos-optimistische Antrieb der Nummer spiegelt wohl auch den lebenslangen Ansporn des Sängers wieder. Don’t You Think It’s Come Our Time zeitigt nochmals ein Duett mit June Carter Cash. Diese Aufnahme ist als einer der ersten bereits 1981 entstanden. Fast möchte man darauf wetten, dass der für Johnny Cash nur bedingt geeignete Produzent Billy Sherrill hier wenig Hand angelegt hat. Sherrills legendärer Countrypolitan-Stil passt gerade zum Man in Black nicht wirklich. So ist davon auszugehen, dass die Aufbereitung der Tapes samt teilweiser Neueinspielung durch John Carter Cash auch deshalb notwendig wurde. I Came To Believe beinhaltet das fast obligatorische gläubige Zeugnis, welches bei Cash nie bloß Lippenbekenntnis war. Cash verstand sich wohl stets als reuiger Sünder, als Strauchler, der sich an Gott aufrichtet. Das ist auch den Zeilen „Nothing worked out when I handled it all on my own/ And each time I failed it made me feel twice as alone/ Then I thought ‚Lord, there must be a sure and easier way/ For it just cannot be that a man should lose hope every day‘“ zu entnehmen.

Wenn man all dies berücksichtigt, muss mal sich somit nicht in Sarkasmus flüchten und die Geschichte vom verlorenen Album nicht als verkaufsträchtige Mär auffassen. Es findet auch kein Ausverkauf minderwertigen Songmülls statt. Out Among The Stars gerät ausgesprochen unterhaltsamen, wunderbar zeitlosen Platte, die jedwedes Country-Herz höherschlagen lässt. Sie ist vor allem aber Eingeständnis, dass Columbia einen der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts vor 30 Jahren einfach so ziehen und bereits aufgenommenes Material versauern ließ. Dass dieser Schatz nun liebevoll aufbereitet wurde, ist das Mindeste, was man tun konnte. Ein Johnny Cash hat sich nämlich fraglos alle Anerkennung dieser Welt verdient.

outamongthestars

Out Among The Stars ist am 21.03.2014 auf Sony Music erschienen.

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