Wenn der Vater mit dem Sohne – Toumani & Sidiki Diabaté

Die Diabatés und die Kora – das ist wie Faber-Castell und Bleistifte oder Dr. Oetker und Backwaren. Nur können die beiden deutschen Unternehmerfirmen wohl kaum eine über siebzig Generationen zurückreichende Tradition aufbieten. Der Malier Toumani Diabaté ist der seit Jahren gefeierte Meister dieser westafrikanischen Stegharfe. Bereits sein Vater Sidiki Diabaté hatte in den Siebzigern die Kora in die moderne Musikgeschichte eingeführt. Und auch Toumanis Halbbruder Mamadou Sidiki Diabaté nahm die Familienprofession an. Die Diabatés sind nämlich Griots, also Hüter der Geschichte, Bewahrer oraler Literatur und Musik. Was läge also näher, wenn der große, mit Preisen überhäufte, überall auf der Welt gern gesehene Toumani Diabaté die Kunst an seinen ältesten Sohn Sidiki Diabaté weiterreicht. Das Album Toumani & Sidiki ist der Gegenentwurf zu den Umbrüchen unserer Zeit, zur Kurzatmigkeit von Geschichte, wenn Gepflogenheiten bereits nach ein bis zwei Dekaden zum Brauchtum deklariert werden. Die Platte setzt also den Gang der Dinge fort, bezieht aus einem fernen Gestern die Kraft für ein fernes Morgen. Alte, uralte Musik verstaubt somit nicht in einer Schublade, sie lebt und wird uns überleben. Der 1990 geborene Sidiki scheint mit seiner Herkunft im Reinen, greift ebenfalls zur Kora und zeigt sich in diesen Duetten als würdiger Nachfolger.

Was man in letzter Zeit über Mali in den Zeitungen gelesen hat, war nun wirklich erschütternd. Es fügt sich in unser Bild von Afrika, eines vielfältigen Kontinent mit den ewig selben Problemen: Hunger, Armut, Dürrekatastrophen, Aids, grausame Diktaturen, Bürgerkriege, Stammesunruhen und religiöse Konflikte. Wir betrachten weite Teile Afrikas noch immer als von paradiesischer Natur umgebenes Jammertal – oder als karge Wüste mit vereinzelten Oasen. Europäer haben – mal abgesehen vom massentouristisch erschlossenen Nordafrika – keinen echten Zugang zu einem Afrika jenseits der Katastrophen. Und möglicherweise ist das ein Grund, warum Toumani Diabaté mit seiner Kora auch in hiesigen Breiten so geschätzt wird. Weil er eine Kultur jenseits allen Siechtums vermittelt. Sein behändes Spiel vermittelt uns – pathetisch formuliert – ein Afrika der Hoffnung. Ich maße mir keinesfalls an, Diabatés Fertigkeiten zu beurteilen. Ich maße mir freilich an, in seiner instrumentalen Musik ein beredtes Zeugnis einer unverbrüchlichen Kultur zu verspüren.

Der Geist der Aufnahme spiegelt eine Mischung aus Improvisation und fein austarierter Ästhetik wider. Alles scheint unheimlich leicht von der Hand zu gehen, die Kompositionen driften dahin, so als hätte man keine Gedankenschwere darauf verwenden müssen. Sie wirken selbstverständlich, in ihrem Wesen natürlich, ein intuitiver Griff in die Saiten, geführt im Geiste der Ahnen. Ob mit stolzierend-tänzelndem Schwung wie bei Claudia & Salma, wo man sich sanft wallende Gewänder vorzustellen vermag, ob bei dem bedächtigen, geradezu innehaltenden Lampedusa, das immer wieder hervorsprudelt, so als müsste es in aller Hoffnungslosigkeit etwas mitteilen, einem Sentiment und einer leisen Erinnerung nachspüren, oder ob das über die Saiten wieselnde, unstet dahinvagabundierende Bagadaji Sirifoula, immer stimmt die Balance zwischen der Versunkenheit im Handwerk und Nachdenklichkeit, Esprit und Lebensfreude. Der Rhythmus von A.C.I. 2000 Diaby, über den mit flinken Fingern drübergezupft wird, entfaltet eine Magie der Schlichtheit, erstrahlt voll feine Würde. In solch einem Moment fällt der Begriff World Music aus Wolken, weil man in diesen Tönen nicht die Welt, vielmehr Heimat fühlt. Auf gewisse Art und Weise remodellieren diese Klänge also nicht nur das althergebrachte Bild, welches wir von vielen Teilen Afrikas haben. Dieser Sound wirft eine Empfindung von Heimat auf, die noch nicht von Zivilisation verfälscht und verraten scheint. Ein Track wie Hamadoun Toure erzählt viel über Ursprünge und Traditionen, wird zum tröstlichen Rettungsanker derer, die kulturelle Identität nicht immer unter dem Aspekt der Weiterentwicklung definiert haben wollen.

Wenn der Vater mit dem Sohne musiziert, dann treffen sich Vergangenheit und Zukunft für diesen Augenblick der Gegenwart. Toumani Diabaté & Sidiki Diabaté erfüllen dies Aufeinandertreffen mit stiller Feierlichkeit und verspielter Innigkeit. Das Album gerät zu einer intimen Erneuerung und freudigen Umarmung von Konventionen. Es setzt Geschichte geradlinig fort, wo der Individualismus unserer Tage lieber Haken schlägt. Toumani & Sidiki lehrt uns daher auch so viel mehr als nur die Schönheit der Kora. Und man fühlt, die Diabatés und die Kora wird es wohl dann noch geben, wenn Backmischungen und Farbstifte längst nicht mehr en vogue sind.

toumanisidikicover

Toumani & Sidiki ist am 02.05.2014 auf World Circuit Records erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Toumani Diabaté auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.