Die edelste Melancholie – Papercuts

Musik befördert oftmals als einen Eskapismus. Einerseits vermag sich der Musiker beim Spiel realer Sorgen und Ängst zu entledigen, andererseits taucht natürlich auch der Hörer in eine fremde Welt ein. Die temporäre Flucht vor der Wirklichkeit ist eine große Qualität von Kunst und oft auch ihr Thema. Bei manch Alben kann man die Überwindung des banalen Jetzt richtiggehend mit den Händen greifen. Etwa bei Life Among The Savages von Papercuts. Das Projekt des in San Francisco beheimateten Masterminds Jason Robert Quever hat bereits in der Vergangenheit für Furore gesorgt, etwa mit der wunderbaren Platte Fading Parade von 2011. Stilistisch erklärt sich Life Among The Savages aus der Schnittmenge diverser Pop-Stile. Ein wenig psychedelische Verträumtheit vermengt sich mit milchigem Chamber Pop und retroesker Sonnigkeit. Quever ringt sich dabei meist einen fast flüsternden Singsang ab. Im Vergleich zur aufgeweckten Lieblichkeit der Vorgängerplatte wirkt das neue Werk wesentlich schleppender in der Attitüde, trägt die Bürde eines Seufzens, einer veritablen Melancholie auf den Schultern.

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Künstlerische Melancholie ist die vielleicht ehrlichste Form der Weltflucht. Weil es ein Unbehagen oftmals ästhetisch abstrahiert, einen traumgleichen Schleier darüber legt. Auch Live Among The Savages gestaltet sich derart. Hinter den zart-entrückten Klängen von Still Knocking At Your Door lauern mit Zeilen wie „Mascara girls looking for dreams/ We’re not as happy as we might seem / But they say we’re ok“ enttäuschte Illusionen. Dem Hinterherjagen von Träumen steht schmerzliche Erkenntnis entgegen („I’m not getting high, no one’s getting high/ Still searching for the grail„). Quever bedient sich bittersüßer Melodien, so auch im feinen Refrain von New Bodies, welches über eine neue Körperhülle, ein frisches Gesicht sinniert. Die antreibenden Bildern für diese Renovierungsbestrebungen („New paint for the walls, holding up for so long/ New flowers for the garden, when the old ones have fallen/ New vines full of grapes when the old rot away„) verlieren jedoch ihre Wirkung, wenn sich die Gewissheit durchsetzt, dass hinter der Fassade doch weiterhin dieselbe Seele sitzt („Familiar eyes on pretty new faces/ It’s the same old jazz„). Das Album scheint über weite Strecken von einer permanenten Unzufriedenheit geprägt. Auch der Titeltrack Life Among The Savages vermittelt den Wunsch nach Ausbruch und Zivilisationsferne, während Staring At The Bright Lights eigentlich die Isolation überwinden möchte. Was sich nach dieser Beschreibung nun vielleicht bleiern darstellt, wird durch diese warme, filigrane Musik angenehm kontrastiert. Family Portrait etwa besticht als Gitarrengeschrammel im Stile von Sechzigerjahre. In all die Gefälligkeit schleicht sich die Beschreibung einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung ein. Quever mag kein überragender Storyteller sein, ein bedrückendes, prekäres Gefühl einer Situation einzufangen, das hingegen ist sein Metier. Die mit rasselnder Percussion unterlegte Piano-Ballade Easter Morning streift kurz ein vermeintliches Idyll („Getting your kicks/ Messing with the kids/ It’s that old familiar feeling„), nur um letztlich am Festtag zu zerbrechen („But the stores are all closed/ And you need another dose/ And you got nowhere to go„). Das lyrische Alter Ego ist in steter Suche nach einem Ausstieg oder nach Geborgenheit, am ehesten wird diese Stimmung noch bei Psychic Friends aufgelockert, wenn der Protagonist Erinnerungen an einen Jugendfreund nachhängt, an die gemeinsame Zeit im Rausch erlebte Zeit in Disneyland. Und auch bei Afterlife Blues wird eine nahezu stoische Haltung an den Tag gelegt. In diesem Moment lebt das Album ganz kurz auf, erstrahlt in gelöster Helle. Doch mit Tourist klingt die Platte wehmütig aus, der Hilferuf „Why won’t you help me/ I can’t find my way home“ bringt den Grundtenor von Life Among The Savages nochmals auf den Punkt.

Es existieren gänzlich hoffnungslose, tiefschwarze Lieder und Songs voll schöner Traurigkeit. Quever spricht mit seinen Papercuts eindeutig letzterem zu. In der nachdenklichen, diesigen Ästhetik des Albums schimmert die künstlerische Abstraktion durch, die diese Musik nicht zur Nabelschau verkommen lässt. Life Among The Savages erfährt Verklärung in den Melodien und der stimmigen Instrumentierung, bezieht daraus Trost. Auch deshalb taugt es zum sachten, jedoch nie glückseligen Tagtraum. Denn ich bleibe dabei, Melancholie erscheint mir als die edelste Form von Weltflucht, weil sie Leid transzendiert und nicht leugnet. Unter diesem Aspekt hat Jason Robert Quever auf seine ganz eigene Weise alles richtig gemacht!

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Life Among The Savages ist am 30.05.2014 auf Memphis Industries erschienen.

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