Die Jungs aus Leicester – Kasabian

Es existiert diese Demut und Bescheidenheit vorgaukelnde Phrase, wonach man sich noch ganz genau entsinnen könne, woher man komme. Das sagen gerne diejenigen, die bescheidenen Verhältnissen entstammen und es zu Ruhm und Ehre in der großen weiten Welt gebracht haben. Solch Menschen wollen zum Ausdruck bringen, dass sie den Aufstieg in elitäre Sphären aus eigener Kraft geschafft haben. Die britische Formation Kasabian kann sich nicht mit solch Worten schmücken. Sie ist noch immer die Band aus Leicester, einer nicht eben als musikalisches Zentrum verschrienen Stadt in Mittelengland. Die Mitglieder von Kasabian sind bei ihren Wurzeln geblieben, müssen somit nicht im Gedächtnis kramen, um sich ihre Ursprünge zu vergegenwärtigen. Die Gruppe um Sänger Tom Meighan und Songwriter Sergio Pizzorno ist auf der Insel mittlerweile eine feste Größe, besitzt Headliner-Qualitäten bei den größten Festivals. Kasabian hat in den vergangenen 10 Jahren von Leicester aus das Rockstartum kultiviert. Doch so erfolgreich sich die Formation auch in Großbritannien präsentiert, so wenig wird sie in Deutschland wahrgenommen. Hierzulande denkt man noch immer an permanente Minderleister wie Coldplay, wenn man erfolgreiche britische Acts nennen soll. Dabei ist Kasabian eine Entdeckung wert, weil mit jedem Album neue Qualitäten lässig unters Volk gestreut werden, während Coldplay der Arsch doch längst auf Grundeis gegangen ist und sich Chris Martin und Co. nur noch als Besitzstandswahrer verdingen. Meighan, Pizzorno und Konsorten dagegen sind die mit den Eiern in der Hose, wie auch die neue Platte 48:13 belegt.

KASABIAN
Photo Credit: Charlie Gray

48:13 ist eines der Alben, die man 2014 kaufen muss. Da mögen Musikgazetten momentan noch so über Mittelmäßigkeit schwafeln. Wenn in 10 oder 15 Jahren eine Remastered-Deluxe-Version dieses Albums das Licht der Welt erblickt, wird die Platte dann als famoser Ausdruck des angeschlagenen Zeitgeists anno 2014 mit Lobeshymnen überschüttet werden. Wer klug ist, nimmt sich 48:13 also bereits jetzt zu Herzen. Auf Bumblebeee etwa wird wieder ein für die Band typischer Refrain gezündet, Headbanging der Extraklasse betrieben, pfeffert die Band doch Bierdosen durch den Äther. Die Worte „All we will ever feel is exstasy“ scheinen das ehrlichste Mantra des Rock, versprechen die gewaltige, ewige Party, welche Rock in seiner idealtypischen Selbstdarstellung sein will und muss. Bumblebeee strotzt vor Ton gewordener Energie. Der Song gerät zum Fanal, zum Boxhieb in die Visage aller Sesselpupser. Jener Auftakt ist furios gemacht. Mit Stevie plustert sich Kasabian dann erneut auf, die Zeile „Live to fight another day“ trägt keine Wut sondern vielmehr Entschlossenheit in sich. „If you show us what we can’t have/ What do you expect when we take it back from you“ verkündet die geradlinigste, unverhandelbarste Form von Rebellion. Doomsday wiederum proklamiert das Hier und Jetzt, das Leben in all seinen Möglichkeiten, denn das Sterben kommt schließlich früh genug und währt lange („The dead will never be alive/ But the dead will always be„). In den Botschaften von 48:13 lauern die ewigen, alle Moden überdauernden Wahrheiten des Rock. Wer Kasabian als Proletentruppe abtut, stellt ihr unwillentlich das größtmögliche Lob aus. Denn Rock war und ist kein elitärer Schnickschnack. Treat wiederum entfaltet sich als von Synthies dominierte Hymne, die nervös bis stampfig, mit prolliger Vehemenz und einer Oasis-Gedächtnis-Bridge („Reach out and touch me cause I gotta I gotta know„) zu begeistern weiß. Aber Treat ist eigentlich nur ein – zugegeben äußerst nettes – Vorgeplänkel für Glass, dem besten Track des Albums. Hier wird ein phänomenaler, hypnotischer Beat aus dem Hut gezaubert. „We are taught to watch the puppets not the hands controlling/ Do you think if we pulled out the rug the world would stop revolving/ Make a start and turn off everything/ It’s only then you’ll see your life begin“ überzeugen als die essentiellen Zeilen dieses Werks, vermitteln eine Botschaft, die man nicht kleinreden kann, bedeuten einen Versuch, die Dystopie noch abzuwenden! Es soll nicht das letzte Mal sein, dass Kasabian dem digitalen Zeitalter eine Absage erteilen. Glass erwächst zum ungewöhnlichen Track, der sich weit vom üblichen Sound entfernt. Und noch selten hat eine Rap-Passage so viel Sinn gemacht, wie die von Suli Breaks vorgetragene. In solch einem Moment sprüht Sergio Pizzornos Songwriting vor Genialität. Dem folgenden Explodes mangelt es sich nicht an kräftigen Bildern und wuchtigen Ratschlägen, etwa: „Rather die on your feet than live a life on your knees„. Die Mannen um Pizzorno hängen keiner intellektuellen Unschärfe nach, artikulieren ihr Unbehagen nie avantgardistisch. Sie sind die mit den Hemdsärmeln – und mancherlei Schabernack hinter der Stirn. Auch wenn sich dieser auf dem neuesten Werk vorläufig auf Albumtitel und Artwork beschränkt. Explodes ist eine starke Mixtur aus wavigem Electro und dem Handfesten des Rock. Mit dem das letzte Drittel einläutende Clouds folgt die Hinwendung zu Stadion-Rock, ehe Eez-eh den Intensitätsregler bis zum Anschlag aufdreht. Dieser Track Marke Spaßfraktion, der sicher auch gut aufs vorangegangene Wunderalbum Velociraptor! gepasst hätte, hat es eigentlich faustdick hinter den Ohren. Zeilen wie „The wrong men have the power/ It’s turning my milk sour“ und „Everyday is brutal/ Now we’re being watched by Google“ fallen markig aus, kontrastieren die ausgelassene Partylaune des Lieds auf brillante Weise. Bei Bow freilich reibt man sich die Ohren. Kann es wirklich sein, dass sich eine Platte tatsächlich erst nach knapp vierzig Minuten dem Thema Liebe widmet? Ja! Es ist zugleich der einzige weniger erinnerungswürdige Song des Werks. Das balladeske S.P.S. macht den Beatles und Oasis seine Aufwartung, besitzt eine shoegazige Note, dazu singt Meighan im Stile der Manic Street Preachers. Es besticht als feine Nummer, die jedoch irgendwie nicht zum Gesamteindruck von 48:13 passt.

Kasabian sind die Jungs aus Leicester geblieben. Zugleich scheinen sie mit 48:13 einmal mehr die Heilsbringer, die dafür sorgen, dass Großbritannien auch weiterhin der relevante Fleck auf der musikalischen Landkarte bleibt. Denn bis auf ein paar seit Jahrzehnten unentwegte Acts ist der Rock von der Insel in der letzten Dekade ein wenig ins Hintertreffen geraten. Nicht einmal zehn Jahre sind seit ihrem gleichnamigen Debüt vergangen. Spätestens mit Velociraptor! haben sich Meighan, Pizzorno, Chris Edwards und Ian Matthews zu dem Act schlechthin gemausert. 48:13 versieht diesen Aufstieg mit einem nachdrücklichen Ausrufezeichen. Und so ganz allmählich sollte sich dieser Umstand auch endlich bis ins verschnarchte Deutschland herumsprechen. Es wäre an der Zeit. Denn sie sind, was sie sind: Englands bester Act der letzten Dekade!

4813_kasabian

48:13 ist am 06.06.2014 auf Sony Music erschienen.

Konzerttermine:

24.10.2014 Bremen – Pier 2
25.10.2014 Berlin – C-Halle
26.10.2014 München – Kesselhaus
28.10.2014 Neu-Isenburg – Hugenottenhalle
29.10.2014 Köln – Palladium
04.11.2014 Roches (CH) – Hallenstadion

Links:

Offizielle Homepage

Kasabian auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.