Kleiner Triumph der Identitätsfindung – Anna Calvi

Zur musikalischen Identität gehört es natürlich auch ein Stück weit, sich Lieder aneignen zu können. Viele Sänger und Sängerin vermögen gar nicht anderes zu tun, für den Rest bedeutet es eine gewisse Herausforderung. Unter diesem Aspekt erscheint es also keineswegs mangelnder eigener Kreativität geschuldet, wenn man zwischen zwei Platten eine EP mit Coverversionen veröffentlicht. Dies hat die von mir sehr geschätzte Britin Anna Calvi dieser Tage getan. Die EP Strange Weather kann sogar mit einem echten Trumpf aufwarten. Kein Geringerer als David Byrne hat sich dazu hinreißen lassen, zwei der fünf Tracks zu veredeln. Und noch etwas verleiht Strange Weather große Glaubwürdigkeit: Der Umstand nämlich, dass Calvi eine eigenwillige Auslese vorgenommen habe, beileibe nicht die üblichen Verdächtigen kapert und einer eigenen Interpretation zuführt. Drei der Songs wurden seit 2011 fabriziert, die übrigen beiden Titel entstammen den Siebzigern. Doch ehe wir uns die EP genauer ansehen, muss ich noch ein paar Dinge zu Frau Calvi rekapitulieren.

Mit ihrem schlicht Anna Calvi benannten Debüt vermochte die Singer-Songwriterin 2011 Pop von großer emotionaler Zerrissenheit mit divareskem Schmelz zu präsentieren. Das letztjährige Werk One Breath habe ich als ein Jauchzen und Seufzen, Hauchen und Wispern, Räkeln und Röhren wahrgenommen. Calvi huldigte dem mit allen Sinnen greifbaren Drama, hatte sich zugleich vom Bond’schen Hochglanz des Erstlings verabschiedet, an Intimität zugelegt. Strange Weather geht in eine ähnliche Richtung. Bereits zu Beginn drückt Calvi dem im Original von FKA twigs stammenden souligen Trip-Hop von Papi Pacify einen gänzlich anderen Stempel auf. Bei ihr gerät der Track zur im Halbdunkel angesiedelten Ballade, bei der sie lasziv raunt und trällert. Ihre Stimme turnt herum, ergeht sich in Ausdrucksstärke. Was Calvi in ein Flüstern packt, welch Emotion sie jeder Note abringt, bleibt sagenhaft. Auch dem schwülen I’m The Man, That Will Find You, welches ursprünglich von Connan Mockasin stammt, rückt die Britin zu Leibe. Während es bei Connan Mockasin so anmutet, als wäre es einem Softporno der Siebziger entsprungen, wird es unter Calvis Fittichen zu einer Nummer voll aufreizend verhallter Gitarre und bluesiger Stoßseufzer. Mit dem folgenden Ghost Rider hält der avantgardistische Untergrund New Yorks von vor fast 40 Jahren in die EP Einzug. Das Duo Suicide ist eine der Formationen, deren Erinnerung vorwiegend von Musikern und der Musikkritik hochgehalten wird. Hier zittert und fröstelt sich die Stimme der Sängerin durch den Track, sie macht aus diesem Lied eine Geisterbahnfahrt mühsam unterdrückter Erregung. Die Liebesballade Strange Weather entstammt 101, dem 2011 veröffentlichten Werk der faszinierenden Keren Ann. Es besticht als ein Stück, das in seiner eleganten Wehmut perfekt tönt. Dies als Cover zu wählen, scheint in der Theorie nicht die beste Idee zu sein. Weil eine weitere Fassung faktisch nur die zweitbeste Version sein kann. Aber Calvi hat sich etwas überlegt, Strange Weather als Duett mit David Byrne konzipiert. Und dergestalt verfängt das Lied ganz neu, schleicht voll elegischer Dichte und zärtlicher Resignation ins Ohr. Famos! Erst mit dem finalen Lady Grinning Soul strauchelt Calvi ein bisschen. Wo David Bowie noch Hippie-Erotik versprüht, vermag diese Interpretation mit gestelzter Erzählsstimme und chanteusem Pathos nicht wirklich zu überzeugen.

Strange Weather ist trotz des verpatzten letzten Songs ein Glücksfall. Weil es eine Sängerin präsentiert, die sich auf ihren beiden Alben bereits selbst gefunden hat. Nun darf Anna Calvi an ihrem Stil feilen, indem sie sich die Emotionen anderer aneignet. Abgesehen von der erwähnten Ausnahme gelingt ihr dies vorzüglich, auch weil sie ihrem atmosphärischen, dunklen Pop treu bleibt. Es geschehen kleine Triumphe im Leben eines Musikers, von denen Fans und Publikum meist nicht mitbekommen, da sie sich hinter den Kulissen abspielen. Calvi freilich hat uns an ihrer Weiterentwicklung teilhaben lassen. Auch deshalb ist die EP eine lohnenswerte Entdeckung!

strangeweather_ep

Strange Weather ist am 11.06.2014 auf Domino Records erschienen.

Konzerttermine:

21.07.2014 Lörrach – Stimmen-Festival
22.07.2014 Feldkirch (AT) – Poolbar-Festival
23.07.2014 Nürnberg – Der Hirsch
05.08.2014 Karlsruhe – Zeltival
06.08.2014 Kassel – Kulturzelt
07.08.2014 Jena – Kulturarena

Links:

Offizielle Homepage

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