Polaroids einer amerikanischen Ikone – Lana Del Rey

Die großen Stars sind auch deshalb groß, weil sie ihr Schaffen nicht einfach als John Smith oder Hans Müller vortragen, vielmehr mittels eines Künstlernamens einzigartig und unterscheidbar werden. Superstars kreieren gar ein überdimensioniertes Bild von sich, eine riesige Projektionsfläche eben. Lana Del Rey etwa zeigt sich als unnahbare, retroeske Diva aus einer anderen Epoche. Sie bedient sich des tragischen Glamours der guten alten Zeit, lässt ein Amerika der Illusionen wiederauferstehen. Ihr Hochglanz scheint auf Polaroids gebannt, beruht keineswegs auf den perfekten Posen, erinnert an schappschüssige Einblicke in eine Ära, als amerikanische Ikonen geboren wurden. Soweit zum offensichtlichen Erfolgsgeheimnis Lana Del Reys. In ihren Liedtexten freilich kanalisiert sie die ewigen Sehnsüchte der Vorstadtprinzessinnen von Kalifornien bis New York. Hierin gibt sie die kulleräugige Unschuld vom Lande, aber auch die von Ruhm, Geld und Diamanten träumende Schlampe, die auf dem Weg nach oben keine Skrupel kennt. Sie schlüpft auf ihrer neuen Platte Ultraviolence in geradezu archetypische Rollen: Ob als dem Macker verfallenes Mädchen oder als Hippie-Braut, die auch einen Jack Kerouac auf seinen Streifzügen durch ein wildes Amerika begleiten hätte können, in ihren Liedern stecken Charaktere, die an eine Blanche DuBois aus Endstation Sehnsucht, Elizabeth Taylor oder den ewigen Mythos Lolita erinnern. In gewaltvollen, drogenverseuchten Beziehungen voll prekärem Verlangen wird eine meist ungesunde Lust am Leben abgebildet. Lana Del Rey verklärt sich zur Göttin, deren musikalische Inkarnationen in der Regel als gefallene Engel glänzen.

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Photo Credit: Neil Krug

Es gibt Alben, denen man bereits nach den ersten 30 Sekunden ein Bienchen ins Heft stempeln darf. Cruel World vermag all das zu erfüllen, was sich an Erwartungshaltung aufgebaut hatte. Es besticht als Popballade, welche das Ende einer Amour fou verkündet. Die Zeilen „Shared my body and my mind with you/ That’s all over now/ Did what I had to do/ ‚Cause you’re so far past me now“ wirken als wehmütige Rekapitulation. Über allem schwebt der Nimbus einer Stimme, die bei allem Schmachten und Klagen Haltung und Makellosigkeit bewahrt, dabei edel funkelt. In einen Strudel unheilbringender Abhängigkeit gerät die Protagonistin im Titelsong Ultraviolence, wenn sie sich in die Fänge eines Schlägers begibt („Jim raised me up/ He hurt me but it felt like true love/ Jim taught me that/ Loving him was never enough„). Das Drama der Rechtfertigung nimmt seinen Lauf, Missbrauch wird als Zuneigung interpretiert („He hit me and it felt like a kiss„). In diesem Song hat Lana Del Rey den erwähnten Geist einer Epoche auch dahingehend aufgegriffen, dass sie die früher verbreitete Unterwürfigkeit spiegelt. Nach solch heftigem Auftakt wird bei Shades Of Cool nur schwülstig-gediegen geseufzt: „You are unfixable/ I can’t break through your world/ ‚Cause you live in shades of cool/ Your heart is unbreakable„. Natürlich könnte man über den reaktionären Geist dieser Platte lamentieren, es durchaus kritisieren, dass die weiblichen Alter Egos danach trachten, dem Manne gefällig zu sein. Aber es ist das Prinzip Del Rey, dass eine Ära überhöht wird, die unter vielerlei Blickwinkeln eigentlich abscheulich war. In diesem Spannnungsverhältnis entwickelt sich das Werk, blüht auf. Brooklyn Baby bildet jedoch eine famose Ausnahme, es ist selbstbestimmt, ruht in sich. Der Refrain leidet ausnahmsweise einmal nicht, stemmt keck die Hände in die Hüften: „And my boyfriend’s in the band/ He plays guitar while I sing Lou Reed/ I’ve got feathers in my hair/ I get high on hydroponic weed/ And my jazz collection’s rare/ I get down to beat poetry/ I’m a Brooklyn baby„. Noch mehr als auf dem Debüt Born To Die wird einer traumhaften, verlangsamten Atmosphäre gehuldigt, dringt die Musik in albtraumhaften Schwaden oder schimmernden Sehnsüchten aus den Boxen. Markante Beats und eine Produktion in Cinemascope sind jetzt einer authentischen, feinkörnigen Polaroid-Impression gewichen. Wo Lana Del Rey speziell zu Beginn im Tran wirkt, zugegeben in der schönsten Form davon, rafft sich West Coast zu mehr Dynamik auf. Den aufreizenden, fiebrigen Strophen folgt ein Rhythmuswechsel hin zu einem getragenen, lasziv-seligen Refrain. Fulminant! Mit Sad Girl ist die zweite Hälfte dieses Albums eingeläutet, bei der die Sängerin öfter mit vermeintlichen Gegensätzlichkeiten wie „Bad girl“ und „Sad girl“ kokettiert. Doch bei Pretty When You Cry wird nochmals das bezaubernde Schema F bemüht, ist der Titel auch programmatische Aussage. Money Power Glory ist da schon aus einem anderen Holz geschnitzt, bemüht den Mythos des Erfolgshungers recht unverblümt, sucht den Rausch des Luxus („Dope and diamonds/ That’s all that I want„). Fucked My Way Up To The Top schlägt in die gleiche Kerbe. Offenherziger und verstörender wurden die Schattenseiten des amerikanische Traums noch seltener beleuchtet. Zumindest nicht von einer Pop-Ikone, die auf die Spitze der Charts abzielt. Mit diesen zwei Titeln wendet sich auch die Platte endgültig vom bedächtigen Flair ab, schwingt sich zu ewigem Pop auf. Der größte Feind der Diva ist die Zeit, das Altern, das Vergilben von Schönheit. Die wohl sympathischste Textzeile ist daher der Pianoballade Old Money vorbehalten, wenn die Frage „Will you still love me when I shine/ From words but not from beauty?“ durch die Boxen sickert. Dieser Abgesang auf die Jugend scheint in seiner sachten Erinnerungsschwere sehr geglückt. Zugleich ist er ein Versprechen, ein wissendes Hoffen auf ein Happy-End. Mit The Other Woman endet das Album dann doch in der Traurigkeit einer Sixties-Schnulze, wie sie eine Dusty Springfield oder sogar Dolly Parton nicht schöner hätte singen können.

Lana Del Rey wird nach meinem Geschmack zu oft auf Klischees reduziert, dabei desavouieren ihre Lieder oftmals uramerikanische Mythen. Wo das von Marilyn Monroe intonierte Diamonds Are a Girl’s Best Friend einst noch naive Geschlechterrollen bediente, wirkt die diamantene Herrlichkeit bei Del Rey als eine bittere, mit Haut und Haar bezahlte. Hinter der schillernden Fassade lauert die Tristesse. So wie auch hinter dem Schein der bürgerlichen Biederkeit und des suburbanen Lebens Abgründe und Verbitterungen lauern. Die Botschaft von Ultraviolence fällt somit irritierend aus. Del Reys augenfälliger Glamour ist lediglich Vehikel, um Amerikas bedingungslose Träume und Zusammenbrüche zu sezieren. Auch deshalb darf – ja, muss – man Ultraviolence als eines der großen Alben dieses Jahres bezeichnen.

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Ultraviolence ist am 13.06.2014 auf Vertigo Berlin/Universal erschienen.

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