Release Gestöber 55 (Meadowlark, Barbarossa, Austra, Poliça)

Meadowlark

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Darf man in Zeiten wie diesen noch etwas als hübsch – oder gar nett – bezeichnen, ohne damit gleich Verachtung auszudrücken? Im gegenwärtigen Sensationsprech ist die zurückhaltende Untertreibung längst kein Stilmittel mehr. Der Satz „Das ist hübsch!“ ringt mit seinem Ausrufezeichen, während die Worte „Absolut knorke!!!“ schon hipper um die Ecke kommen. Im Falle des Trios Meadowlark will ich mich (noch) nicht in hemmungslosem Lob ergehen. Der Charme der EP Three Six Five besteht in melodischem, fein orchestriertem Folk-Pop, den ich eben als hübsch bezeichnen möchte. Kate McGill hat eine angenehm liebliche, wunderbar unaufgeregte Stimme, die stets glockenklar bleibt, immer singt und nie mit Steigeisen die Tonleiter nach oben klettert. Der in Piano und Streicher getauchte Song Family Tree nimmt sich des elterlichen Schicksals an, das lyrische Ich sinniert über familiäre Beziehungen („‚Cause if my father hadn’t loved her/ Then my God what would my mother have become„) und kommt dabei zum Schluss: „Karma has a way of coming clean„. Meadowlark beherrschen auch zum Mitträllern einladende Wohlfühlklänge (I’ve Got You) prima. Forlorn ist ein weiterer Höhepunkt dieser EP. Dieser Song lässt Einsamkeit und Müdigkeit hinter sich, vermag Trost zu versprühen, das eine oder andere Kopfzerbrechen wegzubeten. Vielleicht liegt darin gar der Segen dieses Werks. Wenn die gesamte Band zum Chor mutiert, erklingt das als aufmunterndes „Kopf hoch!“, dessen Leichtigkeit durch den Alltag trägt. Three Six Five wirkt gefällig und einfühlsam, ohne dabei in seichtes Geträller abzugleiten. Das ist hübsch – und dies meine ich voll anerkennendem Understatement!

Three Six Five ist am 26.05.2014 auf Believe Recordings erschienen.

Barbarossa

Ich bin ein Freund konsequenter Konzeption, ich vermag dem Bekenntnis zu einer grundsätzlichen Idee etwas abzugewinnen. Der unter dem Namen Barbarossa werkende Brite James Mathé hat sich einer Mixtur aus zärtlicher Souligkeit und feingesponnener Electronica verschrieben. Nun bin ich kein Soul-Fetischist, doch vermochte ich beim letztjährigen Album Bloodlines anzuerkennen, dass Mathé fragile Melancholien entwirft und mit viel Seele ausstattet. Barbarossa besticht durch eine ganz eigene Herangehensweise. Solch originärer, gedankenvoller Sound braucht nicht einmal die Albumlänge, um den Zauber zu entfalten, wie die in Kürze erscheinende EP Elevator unterstreicht. Auf nicht einmal 15 Minuten wird eine entrückte, geknickte Stimmung kreiert. Doch leider macht Barbarossa den Sack nicht zu! Der Titeltrack Elevator schlurft zunächst verträumt voran, der hohe Gesang kommt waidwund um die Ecke. Auch Win / End quakt und wimmert elektronisch dahin, während Mathé seine Stimme in gedeckte Behutsamkeit hüllt. Das gestaltet sich so edel und gut! No Glue bedeutet allerdings eine vertane Chance. Mit einem nachdenklichen Piano und unruhigen Beats scheint alles auf einen tollen Track hinauszulaufen, aber dennoch fällt die Chose zu kurz aus, vermag sich nicht entfalten, gerät auf wenige Worte zusammengestaucht. Schade. Mit dem Lupo’s Theme wird die bluesig-traurige Atmosphäre der EP nochmals betont, doch auch hier tritt der Fingerübungscharakter hervor. Wäre in die letzten beiden Nummern noch eine kleine Idee, eine minimale Mehranstrengung gelegt worden, man könnte sich der EP nicht entziehen. Weil Barbarossas verletztlicher Soul ungemein gefühlsversunken gelingt, zumindest dann, wenn er sein Konzept bis ins letzte Detail austüftelt. Und das ist bei Elevator leider, leider nur zur Hälfte der Fall!

Elevator wird am 20.06.2014 auf Memphis Industries veröffentlicht.

Austra

Weil ich mich heute gerade auf EPs kapriziere, möchte ich Habitat der kanadischen Formation Austra nicht unerwähnt lassen. Ich habe nämlich gerade festgestellt, dass über Austra auf diesem Blog bislang noch nicht geschrieben wurde. Welch Unterlassungssünde! Das soll nun auf der Stelle nachgeholt werden. Der wavige Electro-Pop des Titeltracks Habitat allein ist bereits schon eine feine Sache, die drei darauf folgenden elektronischen Stücke sind jedoch nicht minder gelungen. Bass Drum Dance transzendiert in seinen repetitiven Mustern sogar in Richtung Minimal Music eines Philipp Glass. Bass Drum Dance präsentiert sich als großartiges Stück Musik von fast hypnotischer Qualität, dem unruhigen Fluss steht zunächst ein rhythmisches Flackern zur Seite, dem im Verlauf herzschlagenden Beat wird wimmernder Singsang beigemengt, ehe alles in einen Glass’schen Sprudel mündet. Stark! Doepfer wirkt nervös und technoid, hinter der Bassline koboldet es ein wenig. Hulluu schließlich kommt wohl dem am nächsten, was die Band als „euro-style computer music“ mit dieser EP im Sinn hatte. Altmodisches Computerspielgefiepe trifft auf wispernden Gesang vom Schlage einer PJ Harvey. Wie toll! Und so bleibt mir als Fazit nur die Feststellung, dass Austra mit diesem kleinen Werk der große Wurf gelungen ist.

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Habitat erscheint am 13.06.2014 auf Domino Records.

Konzerttermine:

16.07.2014 Dornbirn – Conrad Sohm
05.09.2014 Berlin – Berlin Festival

Poliça

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New York, San Francisco, Chicago, Seattle oder Portland – musikalische Hotspots gibt es in den USA zuhauf. Minneapolis ist kein so ein klingender Name, wenn man mal den berühmtesten Sohn der Stadt, nämlich Prince, außen vor lässt. Dass ein Bob Dylan seine ersten musikalischen Schritte in Minneapolis unternommen hat, auch dies ist schon ein Weilchen her. Die Formation Poliça hat sich also nicht im Musikmekka Amerikas gefunden, trotzdem klingt die Musik der Band mehr als ordentlich. Mit der EP Raw Exit legt Sängerin und Songschreiberin Channy Leaneagh viel Heißblütigkeit an den Tag, speziell der Titelsong Raw Exit tönt fiebrig und desperat. Der Refrain „When you finally make it home/ I’ll be ready to freak and moan/ Cumming off of the X & O’s/ Crawling out of your skin + bones“ wirkt voll gruseliger Intensität. Poliça haben zwar schon mit ihrem Debüt Give You The Ghost (2012) auf sich aufmerksam gemacht, aber dieser Song hat durchaus nochmals eine andere Vehemenz. Der Sound fällt wüster, unbehauener aus, der Gesang erschallt ungezügelter. Der überkandidelte, funky Electro-Pop von Great Regret vermag ebenfalls zu gefallen. Mit dieser EP hat Leaneagh eine Eindringlichkeit entwickelt, die ihr gut zu Gesicht steht. Wie sich jedoch die zwar durchaus ansprechende, aber keineswegs bahnbrechende Coverversion des Oldies You Don’t Owe Me ins Bild von Raw Exit einfügen soll, bleibt freilich das Geheimnis der Band. Dennoch gilt: Poliça waren noch nie besser als auf dieser Scheibe!

Die EP Raw Exit erscheint am 04.07.2014 auf Memphis Industries. Bereits am 10.06.2014 wird Raw Exit digital als Teil der Expanded Version des Albums Shulamith veröffentlicht.

Konzerttermine:

21.06.2014 Scheeßel – Hurricane Festival
22.06.2014 Neuhausen ob Eck – Southside Festival
24.06.2014 München – Freiheiz
25.06.2014 Düsseldorf – Zakk
04.08.2014 Leipzig – Täubchenthal
12.08.2014 Frankfurt – Palmengarten

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