Release Gestöber 56 (Orenda Fink, King Creosote, Phoria, Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp)

Es ist Fußball-WM. In dieser Zeit relativiert sich sogar der Stellenwert von Musik im Leben eines sonst von Enthusiasmus durchdrungenen Musikfans. Darum sei heute ganz kurz und bündig auf kommende und bereits erschienene Alben hingewiesen.

Orenda Fink

Zugegeben, der Name Orenda Fink mag vielleicht nicht bei jedem gestandenen Indie-Fan ein sofortiges bejahendes Kopfnicken verursachen. Als bessere Hälfte des Duos Azure Ray hat sie es seit 2001 allerdings in die viele, viele Plattensammlungen geschafft. Speziell ihre Soloalben sowie anderweitige Kooperationen (O+S) haben sie auch zu einer meiner Lieblingssängerinnen werden lassen. Aus diesem Grund freut es mich sehr, dass Ende August mit Blue Dream endlich ein neues Werk dieser nachdenklich-betörenden Stimme erscheinen wird. Dem ersten musikalischen Vorboten Ace of Cups nach zu schließen, klingt das neue Album doch verdächtig nach dicht instrumentierem Dream-Pop. Und damit doch anders als die folkige, verhuschte Vorgängerplatte Ask the Night, die ich 2010 derart eingeschätzt habe: „Ein auf Simplizität und Unverfälschtheit fixiertes Werk, das in den sehr zahlreichen entzückenden Momenten im zartbesaiteten Hörer einiges schwingen lässt.“. Ich für meinen Teil bin schon sehr gespannt, was die verehrte Frau Fink dieses Mal ausgeheckt hat. Sie wird mich nicht enttäuschen, davon bin ich überzeugt. (Ace of Cups ist via Soundcloud als kostenloser Download verfügbar.)

bluedream

Blue Dream erscheint am 29.08.2014 auf Saddle Creek.

King Creosote

Wir schreiben ja hier auf diesem Blog, weil wir der festen Meinung sind, das Wesen eines Albums oder Liedes mit Worten zumindest im Ansatz vermitteln zu können. Beim unter dem Namen King Creosote wirkenden schottischen Singer-Songwriter Kenny Anderson fehlen mir freilich noch die Worte. Das im Juli erscheinende Album From Scotland With Love lässt mich auch nach dem zweiten Hördurchlauf noch sprachlos zurück. Diese Sprachlosigkeit ist als Gütesiegel zu verstehen, denn dieses vielfältige Werk offeriert exquisites Storytelling. Was mich noch mehr stutzig macht, ist der Umstand, dass From Scotland With Love als Soundtrack zu einem Dokumentarfilm von Virginia Heath fungiert, der anlässlich der diesjährigen Commonwealth Games im schottischen Glasgow gezeigt werden soll. Der Film will ohne narratives Element und lediglich mit Schnipseln aus dem Scottish Screen Archive ein Bild Schottlands zeichnen, dabei Themen wie Liebe, Verlust, Krieg, Arbeit und Freizeit aufgreifen, somit aus einer Collage des Gesterns schottisches Lebensgefühl vermitteln. Da wäre es eigentlich naheliegend, dass die diesem Experiment zugrundegelegte Musik hauptsächlich typisch schottischem Folk zuspricht. King Creosote hat jedoch noch viel mehr im Talon. From Scotland With Love offenbart sich mir als echtes Meisterwerk, über welches noch einiges sagen möchte, sobald ich mir einige kluge Sätze zusammengepuzzelt habe.

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From Scotland With Love erscheint am 18.07.2014 auf Domino Records.

Phoria

Der Track Emanate hat es in sich. Zunächst wird elektronische Andächtigkeit in Holzfällermanier zerstückelt, die seelentiefe Grundstimmung mit derart erbarmungsloser Konsequenz gestaucht, dass man schon fast die Boxen mit vorwurfsvollem Blick der Fehlfunktion bezichtigt, ehe Emanate schließlich in einer aufgeplusterten Synthie-Wolke entschwebt. Da wiederum ist man versucht, ein „Mutterschiff ahoi!“ nachzurufen. Die im englischen Brighton beheimatete Formation Phoria hat mich mit dieser starken Nummer sehr neugierig gemacht. Anfang Juli soll die EP Display in unseren Breiten erscheinen. Laut Pressetext hat sich sogar der ehrwürdige NME schon positiv über die Band geäußert, den Sound als „breathtaking blend of whisper-like vocals and euphoric electronics“ gelobt. Ein besseres Lob fällt mir hierfür auch nicht ein.

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Display erscheint am 04.07.2014 via Humming Records.

Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp

Wenn man ein Album als wunderbar ausgetüftelt, Experimenten zugeneigt, intelligent und ausgebufft bezeichnet, mag der dahergelaufene Musikhörer dahinter nur Synonyme für sehr anstrengende musikalische Kost vermuten. Und natürlich wird oft euphemistisch bemäntelt, was so ermüdend tönt, dass es wohl nur Kunst sein kann. Doch wenn ich nun das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp als raffiniert und smart bezeichne, möchte ich dies nicht zur Abschreckung tun. Das Anfang April veröffentlichte Album Rotorotor besticht durch Spielfreude und Ideenreichtum. Dies zu attestieren fällt leicht, der in der französischen Schweiz angesiedelten Band eine Genrebezeichnung zu verpassen schon weniger. Laut ihrer Beschreibung auf Facebook will die Formation mit „Tropical Postpunk“ und „Afro Avant-Pop“ in Verbindung gebracht werden. Beschreibungen, die wohl mehr Unverständnis erzeugen. Allerdings wird man diesem Orchester mit einer Schubladisierung ohnehin gerecht. Rotorotor brilliert als Kunst voll geschmeidigem Rhythmus, als vor Ideen strotzendes Werk, das den Hörer auch erreicht. Ich für meinen Teil bin begeistert und werde das Werk hier demnächst genauer unter die Lupe nehmen. (Mit Dank an Lennart für den Tipp!)

rotorotor

Rotorotor ist am 04.04.2014 auf Moi J’connais Records / Red Wig erschienen.

Es lebe der Fußball! Mit weiteren musikalischen Tipps geht es demnächst wieder weiter.

SomeVapourTrails

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