Unsere Lieblingslieder 2014 – Ein Zwischenstand

Wir haben uns auch dieses Jahr die Ohren wund gehört und so manch Lied hat sich als Balsam für die Gehörgänge entpuppt. Und was wir erst alles (noch) nicht erlauscht und erfühlt haben, weil gut Ding halt Weile braucht und die Zeit ohnehin verrinnt! Nun also zwanzig in loser Unordnung zusammengetragene Songs, die mich und die derzeit schweigsamere Co-Bloggerin in den letzten 6 Monaten bewegt haben.

Andreas DorauReden wir von mir

Begründung: Dorau liefert mit dem famosen Reden wir von mir eine großartige Parodie auf die gegenwärtige Selbstbezogenheit und bewahrt sich dabei eine Naivität, die man einfach knuddeln möchte. (Kurzrezension) [Album: Aus der Bibliothèque / 17.01.2014 / Bureau B]

Mikko JoensuuLand of Darkness

Begründung: Da ich momentan noch zu enthusiasmiert bin, überlasse ich die Einschätzung der werten Eva-Maria vom Polarblog, wo ich auch auf dieses wunderbare Lied gestoßen bin. Sie konstatiert: “Der Track ist ein feines, krautrockig ausuferndes Meditationsstück, dass den üpppigen 70er-Synthiewelten von Vangelis nahesteht. Aber Mikko Joensuu wäre nicht er selbst, wenn der Track nicht in eine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen wäre und der liebe Gott mit kindlichem Vertrauen angerufen würde.“ (Hörtipp) [EP: Land of Darkness / Lake of Fire / 07.03.2014 / Fullsteam]

Kalle MattsonThe Moon Is Gold

Begründung: Die einleitende Strophe gibt die Stimmung vor: “Tender is the night up against your ghost/ With lilac days & memories slow/ Your picture on my bed & now I know/ A shivering night with a heavenly glow“. Danach geht es den Himmel hoch, von wo alles Irdische klein wirkt (“The pyramids of Egypt & the plains of Versailles/ Never looked so small from this hole in the sky“). Das Göttliche kommt ins Spiel (“Sun it rises & the moon eclipse/ Well the book of revelations & the veil it lifts/ The end of the start & an angel predicts/ I’ve seen the beginning, the apocalypse“), Verheißungen werden dem Leid entgegengesetzt (“When our lives have been bought, beaten down & sold/ Well I’ll tell you now that the moon is gold“). Ein Stoßseufzer holt den Träumer schließlich aus seinen Überlegungen (“Man oh man no we don’t want to die/ Then why’s it so hard just to be alive“). Und sanfter Trost bleibt als Erkenntnis zurück: “A forgotten house is no one’s home/ Because I miss your laugh & now I know/ I’m coming to you all on my own“. Dieser spacige, verzerrte Indie-Rock-Track begeistert mich auch dem dreißigten Lauschen sehr. (Besprechung) [Album: Someday, The Moon Will Be Gold / 07.03.2014 / Trickser]

Doug PaisleyIt’s Not Too Late (To Say Goodbye)

Begründung: “Holding out for something from the past/ The future’s burning brightly but it won’t last/ Passing time with dreams behind my eyes/ You know you’ve hit the bottom and your lungs are filled with cries/ Kept inside” sind die mächtigen Anfangszeilen einer wahrhaftigen Country-Unglückseligkeit, die aber nie in Larmoyanz abgleitet, vielmehr erhobenen Hauptes ertragen wird. (Rezension) [Album: Strong Feelings / 24.01.2014 / No Quarter]

Die HeiterkeitPauken und Trompeten

Begründung: Dann wäre da noch Pauken und Trompeten, welches spätes Glück verspricht (“Bleib wenn du magst solange wie du Zeit hast/ Solange du Zeit hast/ Es war so lange still und ich vergass/ Wie es war als es lauter war/ Oh ja/ Und nun da du fragst es war die meiste Zeit dunkel und hart“). Auch der Refrain zeugt von einer versöhnlichen Zuversicht, die entwickelt, wer die Tiefen des Seins durchschritten hat. (Rezension) [Album: Monterey / 28.02.2014 /staatsakt]

Tokyo Police ClubArgentina (Parts I, II and III)

Begründung: Dieses Konglomerat Argentina ist verdammt hochprozentig, auch wegen launigen Zeilen wie “If I was a lighthouse/ I would look all over the place/ If I was an asshole/ Thank you for keeping a smile on your face“. Hier persifliert sich Rock in dem Maße, in dem er sich zugleich abfeiert und mit breitem Grinsen die großen Gefühle forciert. Der Sänger David Monks hat es faustdick hinter den Ohren, melancholische Passagen folgen einem geradezu diabolisch grinsenden Vortrag, er brilliert als fleischgewordener Filou und als zärtlicher Charmeur. (Review) [Album: Forcefield / 28.03.2014 / Memphis Industries]

Echo & the BunnymenConstantinople

Begründung: Constantinople wird seinem Titel gerecht, paart vorderasiatische Melodieeinflüsse mit deftigem Rock. Wer diesen Track hört und Echo & the Bunnymen noch immer zum alten Eisen zählt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Er gehört zu den stärksten Liedern, die die Band je gemacht hat. Und die Zeile “It’s so cold in Constantinople” bekommt aufgrund der derzeitigen Proteste in Instanbul wohl unbeabsichtigt eine schlagworthafte Bedeutung. (Besprechung) [Album: Meteorites / 30.05.2014 / 429 Records]

Strand of OaksShut In

Begründung: Der Track Shut In atmet eine Springsteen’sche Kraft, trotzt voll Wucht den Widrigkeiten der Existenz. Die Zeilen “I hate talking about money/ I don’t want to talk about luck/ I hate thinking I’m not the same as I was/ I lose my faith in people, why even take the time/ You’ve got your problems/ I’ve got mine” ringen mit dem eigenen Verlierertum, ehe ein erlösendes “The night was cold and black/ But the sun was in my eyes” dem Protagonisten einen pianofarbenen Lichtstreifen offeriert. Shut In begeistert als klassische Versagerhymne, die wie Phönix aus der Asche steigt. (Review) [Album: HEAL / 20.06.2014 / Dead Oceans]

Kasabianglass

Begründung: Hier wird ein phänomenaler, hypnotischer Beat aus dem Hut gezaubert. “We are taught to watch the puppets not the hands controlling/ Do you think if we pulled out the rug the world would stop revolving/ Make a start and turn off everything/ It’s only then you’ll see your life begin” überzeugen als die essentiellen Zeilen dieses Werks, vermitteln eine Botschaft, die man nicht kleinreden kann, bedeuten einen Versuch, die Dystopie noch abzuwenden! Es soll nicht das letzte Mal sein, dass Kasabian dem digitalen Zeitalter eine Absage erteilen. (Review) [Album: 48:13 / 06.06.2014 / Sony Music]

LADAEnschede

Begründung: Das eigentliche Highlight freilich ist Enschede mit Nu-Jazz-Feeling und eingesprenkelten Post-Rock-Anleihen. Dazu gesellt sich noch die Ritualtanzonomatopoesie von Sängerin Fee R. Kürten. (Rezension) [Album: Vitamine / 28.02.2014 / Bloody Hands Ltd.]

Lana Del ReyCruel World

Begründung: Es gibt Alben, denen man bereits nach den ersten 30 Sekunden ein Bienchen ins Heft stempeln darf. Cruel World vermag all das zu erfüllen, was sich an Erwartungshaltung aufgebaut hatte. Es besticht als Popballade, welche das Ende einer Amour fou verkündet. Die Zeilen “Shared my body and my mind with you/ That’s all over now/ Did what I had to do/ ‘Cause you’re so far past me now” wirken als wehmütige Rekapitulation. Über allem schwebt der Nimbus einer Stimme, die bei allem Schmachten und Klagen Haltung und Makellosigkeit bewahrt, dabei edel funkelt. (Besprechung) [Album: Ultraviolence / 13.06.2014 / Vertigo Berlin / Universal]

Sharon Van EttenI Know

Begründung: Gelungener fällt da I Know aus, das wieder in reinstem Piano erstrahlt und die Songwriterin Van Etten am Zenit ihrer Ausdruckskraft zeigt: “You see me turn around and try to hide my sigh/ I know the ancient melodies will come at night/ I sing about my fear and love and what it brings/ I know, I know“. Hier begründet Liebe nicht den Schmerz, hier ist Liebe nicht länger verhängnisvolle Droge, hier wird Liebe zur Medizin, zum Lebenselixir. Alles Grübeln scheint überwindbar, alle Ängste besiegbar, Widrigkeiten werden hinnehmbar. I Know deutet ein unausgesprochenes Wissen an, ein endgültiges Finden, einen Sieg über die Destruktivität. (Review) [Album: Are We There / 23.05.2014 / Jagjaguwar]

Paolo NutiniCherry Blossom

Begründung: Zu meinem persönlichen Highlight gerät gegen Ende der Bluesrock von Cherry Blossom. So sieht ein Song aus, der quasi sofort zum Klassiker mutiert, der Refrain “Yeah you should taste her majesty/ My little cherry blossom/ Just like the crow/You come and go/ My little cherry blossom” wird atemberaubend gekrächzt wie gesungen. (Rezension) [Album: Caustic Love / 11.04.2014 / Warner Music]

Steve LuxembourgBristol

Begründung: Spätestens beim nicht minder famosen Bristol sticht eine weitere Eigenschaft Luxembourgs ins Auge. Er vermag Songs über sechs bis sieben Minuten zu erzählen, die Tracks verlieren mit Fortdauer nicht an Spannung. Das allein zeugt schon von Reife. Weiters definiert sich das Werk über kryptische Emotionen und Kontemplationen. Nichts ist greifbar, alles einen gedanklichen Flügelschlag, einen Gefühlshorizont entfernt. Selbst Liebeserklärungen (“Would you marry me in Bristol/ Cool my fever down?“) wirken fast blasiert denn leidenschaftlich, zumindest aber distanziert. Insgesamt strotzt das Album vor Bekenntnissen und Reklexionen eines mitunter Abgehobenen, der indigniert wie interessiert und stets mit großer Eleganz durch Sein und Hirngespinste streift. (Review) [Album: The Desert / 31.01.2014 / Timezone]

The War On DrugsLost In The Dream

Begründung: Mit den Zeilen “Love’s the key to the games that we play/ But don’t mind losing/ Love’s the key to the things that you see/ But you don’t mind moving” bringt Granduciel den Geist des Albums auf den Punkt. Liebe und Leben sind von Rückschlägen geprägt, die es zu ertragen gilt, ohne dass die Träume daran zu Grunde gehen. In diesem Moment der Gänsehaut erfühlt man die ganze Dimension dieser Platte. (Rezension) [Album: Lost In The Dream / 14.03.2014 / Secretly Canadian]

AustraBass Drum Dance

Begründung: Bass Drum Dance transzendiert in seinen repetitiven Mustern sogar in Richtung Minimal Music eines Philipp Glass. Bass Drum Dance präsentiert sich als großartiges Stück Musik von fast hypnotischer Qualität, dem unruhigen Fluss steht zunächst ein rhythmisches Flackern zur Seite, dem im Verlauf herzschlagenden Beat wird wimmernder Singsang beigemengt, ehe alles in einen Glass’schen Sprudel mündet. (Kurzrezension) [EP: Habitat / 13.06.2014 / Domino Records]

HundredsOur Past

Begründung: Our Past verbindet die unterkühlte Ausstrahlung von Portishead mit dem hymnischen Element eines starken Tracks der Pet Shop Boys. Es brilliert als wuchtiges Statement, als Referenztrack, an dessen Eleganz sich viele Synthie-Pop-Kapellen rund um den Erdball die Zähne ausbeißen. (Besprechung) [Album: Aftermath / 14.03.2014 / Sinnbus]

EelsMistakes Of My Youth

Begründung: Selbiger kommt im klassischen Eels-Gewand daher, bricht aus dem zurückgefahrenen, reflektierten Sound dieser speziellen Platte aus, verstrahlt die Wärme des Einsichtigen, der endlich, endlich aus den Fehlern lernen möchte. Es ist das erste Anzeichen einer Versöhnung mit den Dingen, doch wäre Everett nicht Everett, wenn er nicht ins nächste Fettnäpfchen treten würde. (Besprechung) [Album: The Cautinary Tales of Mark Oliver Everett / 18.04.2014 / E Works / [PIAS] Cooperative]

JamesFrozen Britain

Begründung: Die Vorboten Frozen Britain und Moving On präsentieren eine sehr gut aufgelegte Gruppe, die es schafft, eben nicht nur in ewiger Neunziger-Herrlichkeit zu verharren und zugleich ihrer Britpop-Ursprünglichkeit treu zu bleiben. Wer ihren Hit Laid schon immer mochte, wird sich ebenfalls an Frozen Britain erfreuen können. (Hörtipp) [Album: La Petite Mort / 30.05.2014 / Cooking Vinyl]

Tiny RuinsReasonable Man

Begründung: Wie edel etwa fällt Reasonable Man aus, das sich eine schicksalhafte Begegnung mit dem Glück ausmalt und dabei zugleich auf Nüchternheit pocht: “I went in search of a reasonable man/ The one I read about in books and I drew me up a plan/ I said I’d like to meet him on a corner if I can/ Then we could take either road/ Depending upon where we stand“. (Review) [Album: Brightly Painted One/ 02.05.2014 / Bella Union]

SomeVapourTrails

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