Wie Phönix aus der Asche – Strand of Oaks

Wenn ich die Biografie Timothy Showalters richtig deute, hat er unter dem Projektnamen Strand of Oaks bereits so manche in den Genres Folk und Americana beheimatete Platten veröffentlicht. Und dann kam eine persönliche Lebenskrise, eine Phase der Unzufriedenheit. Das Schreiben von Songs geriet zur Ka­thar­sis, an deren Ende nun die Veröffentlichung eines sinnigerweise HEAL benannten Werks steht. Dieses offenbart sich als Vintage-Rock-Album, das in vielerlei Hinsicht an das vor wenigen Monaten veröffentlichte, famose Lost In The Dream von The War On Drugs erinnert. Beide Platten sind bei verschwisterten Labels (Dead Oceans und Secretly Canadian) erschienen, das jedoch mag Zufall sein. HEAL stellt sich als kraftvolle musikalische Neuorientierung dar, welche von Stadion-Rock bis hin zu balladeskem Rock reicht. Mal dominiert ein kerniger, urtümlicher Gitarrensound, dann wieder Synthies samt Flair der Achtziger. Der Pressetext fasst die Chose folgerichtig so zusammen: „HEAL is a bold new beginning, with a thrilling full-tilt sound that draws on Showalter’s love of ’70s, ’80s and ’90s rock and pop, with the singer and guitarist playing the intense valedictory confessor.“

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Photo Credit: Dusdin Condren

Der Track Shut In atmet eine Springsteen’sche Kraft, trotzt voll Wucht den Widrigkeiten der Existenz. Die Zeilen „I hate talking about money/ I don’t want to talk about luck/ I hate thinking I’m not the same as I was/ I lose my faith in people, why even take the time/ You’ve got your problems/ I’ve got mine“ ringen mit dem eigenen Verlierertum, ehe ein erlösendes „The night was cold and black/ But the sun was in my eyes“ dem Protagonisten einen pianofarbenen Lichtstreifen offeriert. Shut In begeistert als klassische Versagerhymne, die wie Phönix aus der Asche steigt. Goshen ’97 preist wohl mit starkem autobiographischem Anstrich die Überwindung aller Teenagerängste, indem der Junge Musik für sich entdeckt („That’s where the magic began/ I was lonely/ But I was having fun„). Der Song steht im Saft, melkt die Gitarre, überwindet die Traurigkeit. Der Titeltrack HEAL und Same Emotions lassen Synthies dominieren. Bei ersterem wird aller Kummer ausgespuckt, mit einem beschwörerischen „You gotta heal“ vertrieben. Die Platte bittet jedoch keinen Genesungszauber an, dafür findet HEAL selbst im tiefsten Tal und der schlimmsten Tristesse findet Trost – etwa in den Klängen des verstorbenen Jason Molina, dem JM gewidmet wurde. Sogar die destruktivsten Verzweiflungen dieses lyrischen Alter Egos scheinen dadurch abgemildert. Wenn im Verlauf der Platte die Rockhymnen verklingen, setzt ein introspektives Erzählen in gemächlicherem Midtempo ein (Plymouth). Hier dringt nochmals eine neue Facette in Showalters Songwriting hervor. Auch Mirage Year, das im Tonfall an den Springsteen der späten Siebziger erinnert, beginnt zunächst verhalten, ehe es in lärmiges, leidendes Donnerwetter übergeht. Es erwächst zum reinigenden Gitarrengewitter, zum Augenblick, an dem die Läuterung mit den Ohren schlackert. Mit der von andächtigem Piano und Synthie-Geflirre durchdrungenen Ballade Wait For Love wird die Emotion nochmals tief im Mark abgeholt, einem wimmernden Gesang auch ein schriller musikalischer Knallfrosch untergejubelt. Wait For Love wirkt von besinnungslosen Sehnen erfüllt, sorgt dafür, dass ein Grummeln in der Magengrube bleibt, das Album nicht in persönlichem Friede, Freude, Eierkuchen aufgeht.

Es mag schon seine Berechtigung haben, weshalb der Albumtitel HEAL in Großbuchstaben gestanzt wurde. Denn der Titel ist mehr Ankündigung denn Vollzugsmeldung. Doch Trost funktioniert dann am besten, wenn das Leid am größten scheint. Trost braucht es nicht mehr, wenn die Wunden schon verheilt sind. Die Heilung, die Strand of Oaks erhofft, scheint erst im Werden befindlich. Dass Timothy Showalter auf den guten alten Rock als Vehikel seines Fühlen zurückgreift, dem Folk den Rücken zudreht, macht Sinn. Denn Rock stand schon immer für das Versprechen auf unvergessliche Zeiten, bessere Tagen und Ewiglichkeit. HEAL gerät zum Anfang, indem es einen kräftigen Schlussstrich zieht!

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HEAL ist am 20.06.2014 auf Dead Oceans erschienen.

Konzerttermine:

09.10.2014 Berlin – Privatclub
16.10.2014 Wien (AT) – Chelsea
21.10.2014 Düdingen (CH) – Bad Bonn

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