Der Alltag von gestern – King Creosote

Hierzulande werden die alle vier Jahre ausgetragenen Commonwealth Games kaum wahrgenommen. In den Ländern freilich, die einst Teil des britischen Weltreichs waren und noch immer lose mit Großbritannien verbunden sind, sind die Commonwealth Games ein Sportereignis allererster Güte. Dieser Tage werden sie wieder ausgetragen, diesmal im schottischen Glasgow. Und natürlich braucht solch eine Großveranstaltung auch ein Rahmenprogramm, einen regionalen und kulturellen Unterbau, der den Austragungsort in Szene setzt. Und so entstand die Idee zu dem Dokumentarfilm From Scotland With Love, der dem schottischen Alltagsleben vergangener Jahrzehnte nachspüren möchte. Das Scottish Screen Archive öffnete der Regisseurin Virginia Heath dafür seine Schatzkisten. Und bald wurde auch ein Singer-Songwriter gefunden, welcher diesen Bilder eine musikalische Seele einhauchen sollte. Der unter dem Namen King Creosote werkenden Schotte Kenny Anderson gab den Sequenzen des Films eine Geschichte. Im gegenseitigen Wechselspiel wurden die Bildercollagen von der Musik beeinflusst und zugleich die Songtexte auf die Filmaufnahmen zugeschnitten. Das Resultat präsentiert uns einen schottischen Alltag abseits touristischer Klischees.

Wer bei From Scotland With Love auf klassischen Folk hofft, ist schief gewickelt. Natürlich spielt Folk eine entscheidende Rolle, neben melancholisch-warmem Pop und dem einen oder anderen Anklang an Travis. Schon zu Beginn macht Something To Believe In die Art und Weise des Erzählens deutlich. Es geht nicht darum, eine Chronik Schottlands zu skizzieren, eher schon werden ganz alltägliche Träume und Empfindungen dargereicht, denen jedermann nachzuhängen vermag („You promised me a feeling/ Something to believe in„). Dem Album mangelt es dennoch nicht an Lokalkolorit, wie das nachfolgende Cargill belegt. Die Regisseurin Heath beschreibt die Entstehung des Liedes so: „I asked Kenny to write a song from a fisher lassie’s point of view, thinking about her lover who has gone to sea, and might not come back. That became Cargill.“ Dieser Song, der so beiläufig wie üppig mit Piano und Streichern ausstaffiert ist, verharrt in sanfter Melodie, die immer wieder für einen dramatischen Moment des Herzklopfens und Liebesschwures anschwillt („Cargill do not presume to understand/ The dread of sounding the alarm/ The sudden thrill of seeing you’re safely back/ Cargill I’m the finest luck that you’ll charm„). Largs versprüht den Flair von Varieté und Cabaret. Angesichts dessen, dass hier die putzmuntere Lebendigkeit schottischer Sommerfrische thematisiert wird, scheint die Possenhaftigkeit des Sounds keineswegs unangebracht. Doch bereits mit dem nächsten Titel wird die romantische Geselligkeit von Betroffenheit abgelöst. Emigration ist ein Teil der schottischen Geschichte, der für die Hoffnungslosigkeit eines chronischen armen Landes steht. Das Verlassen der Heimat steht bei Miserable Strangers im Fokus. Es sind Zeilen wie „For we’ll soon forget these faces / In the crowd blurred by our tears/ And yet we’ll miss them year on year/ So let’s pull ourselves together/ Like the others and throw our hats into the air/ And try to raise a hearty cheer„, die aufwühlen und die einfühlsame Tiefe der Platte definieren. Mit dem erinnerungsträchtigen Leaf Piece („I hear the songs my father sang/ I have but half the voice he had„) geht die erste Hälfte dieser famosen Scheibe zu Ende. Man ist bereits jetzt von Kenny Andersons zärtlicher Stimme betört, von einem Gesang bestrickt, der Sentimente und Sehnsüchte so authentisch und ungekünstelt artikuliert. Und doch, in der zweiten Hälfte entwickelt sich ein rundum tolles Album zu einem der allerbesten dieses Jahres. Das schmissig-rockige For One Night Only bildet einen furiosen Aufgalopp. Hier besingt er das Wochenende des kleinen Mannes („Now it’s the weekend/ We’re stepping out boldly/ Spending our money/ C’mon celebrate it„), wenn alle Plackerei dem Vergnügen weicht. All die Vorfreude kulminiert in den Worten „Wayne is appearing for one night only„. Wer auch immer Wayne ist, er beschert aufgeregte Vorfreude, lässt die Puppen tanzen! Mit Bluebell, Cockleshell, 1 2 3 hält ein einen Abzählreim trällernder Kinderchor Einzug. Es erweist sich als amüsanter Bruch, der das Album nochmals auflockert. Mit dem sehnenden One Floor Down folgt sogleich eine schönsten Nummern der Platte. Treue Leser unseres Blogs werden vielleicht schon mal über den Namen The Temple Cloud Country Club gestolpert sein. Wir haben in der Vergangenheit des öfteren von der schönen Musik dieses schottisch-englischen Duos geschwärmt. Jener Song erinnert mich sehr daran, in seiner getragenen-schwärmerischen Art samt Träne im Knopfloch. Nach dem instrumentalen, atmosphärisch schwebenden Crystal 8s folgt mit Pauper’s Dough zum Ende hin ein mächtige Track, der Arbeiterproteste in die Parole „You’ve got to rise/ Above the gutter you are inside“ gießt. Diese explizite soziale Komponente wird von vielen Kehlen vorgetragen, bildet eine Reminiszenz an die Streikbewegungen, die es auch heute wieder bräuchte. Welch triumphaler Schluss, der mit dem schwermütigen, folkigen A Prairie Tale einen grüblerischen Nachklapp erfährt.

King Creosote ist mit dem Soundtrack zu From Scotland With Love ein in jeder Hinsicht überwältigendes Werk geglückt, das über das begleitende Element transzendiert. Anderson besticht als Singer-Songwriter von höchster erzählerischer Qualität, wie dieser Glücksfall von einem Filmprojekt unterstreicht. Die Sieger dieser Commonwealth Games 2014 stehen nämlich längst schon fest, es sind alle Hörer dieser Platte!

fromscotlandwithlove

From Scotland With Love ist am 18.07.2014 auf Domino erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

King Creosote auf Facebook

From Scotland With Love – Der Film

SomeVapourTrails

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