Ein eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog – Holger Czukay

Wenn Musiker und Bands eine Wiederveröffentlichung ihrer Alben von vor dreißig Jahren spendiert bekommen, oder oft auch selbst initiieren, dann wird in aller Regel mehr geklotzt denn gekleckert. Ein Remastering nach den Regeln der Kunst ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit, dazu wird das Werk von einst meist mit Demoversionen, Livemitschnitten und unters Mischpult gefallenen Tracks aufgefettet. Mitunter macht all das Sinn, zumindest für die eingefleischtesten Fans. Umso erstaunter war ich, dass mit Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome dieser Tage eine Zusammenstellung erscheint, die zwei Alben Holger Czukays auf ein einziges eindampft. Welch eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog eines großen Musikpioniers!

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Man meint gemeinhin, dass es zwei Sorten Künstler gäbe, solche nämlich, die Erfolg hätten, und dann jene, die stets in der Unbekanntheit verharrten. Doch existieren auch graue Eminenzen, deren Namen vielleicht nicht jedermann dauernd im Mund führt, welche jedoch als Wegbereiter enormen Einfluss auf die Musikhistorie genommen haben. Czukay ist so einer. Als Gründungsmitglied der Krautrock-Legenden Can hat er entscheidenden Anteil am musikgeschichtlichen Verlauf der Dinge. Und so sehr ich mit dem Schaffen Cans auch vertraut bin, so unbekannt waren mir Czukays Solowerke aus den Achtzigern. Diese Bildungslücke schließt somit die diese Woche zur Veröffentlichung anstehende Platte. Speziell die dem 1987 erschienenen Rome Remains Rome entnommenen Tracks sind schlichtweg famos. Music In The Air (Remix) bildet den maritim angehauchten Auftakt, der eine gewisse Schwermut mit improvisatorischer Leichtigkeit verknüpft. In diesem Potpourri wird bereits der Facettenreichtum Czukays augenscheinlich. Neben der herkömmlichen krautrockigen Durchdringung schimmert das Spiel mit Samples und Ambient durch. Das nachfolgende Sudentenland (Remix) setzt auf die Komponenten World Music und Jazz. Nervös, fast hektisch treibt es vorwärts, während der Kontrast aus Ethno-Chor und slawischem Weltschmerz eine geradezu exotische Atmosphäre befördert. Ein griffiges wie experimentelles Meisterwerk, welches nie irrlichtert! Der Osten ist rot (Remix) vom gleichnamigen Album aus dem Jahre 1984 lebt vom Spannungsverhältnis von militärisch triumphierenden Bläserfanfaren und afrikanisch gefärbter Percussion. Mit Blessed Easter, das den Wortfetzen der päpstlichen Osterliturgie eines Johannes Paul II. einen entspannten, jazzigen Groove gegenüberstellt, wird nochmals Opulenz zelebriert. Wenn Czukay die Tracks über sechs bis neun Minuten auffächert, entwickelt sich unweigerlich Magie und Strahlkraft. Die nachfolgenden Titel sind freilich eher im Sinne von Fingerübungen zu verstehen, funktionieren vorwiegend als avantgardistische Klanggebilde. Dabei stechen das subversive, lakonische Element von Das Massenmedium oder die reaktionär gesättigte Collage Schaue vertrauensvoll in die Zukunft hervor.

Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass mich Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome ein wenig unbefriedigt zurücklässt. Auch wenn diese Zusammenstellung vom Künstler persönlich beabsichtigt und mit Remixen verfeinert scheint, wäre mir ausnahmsweise eine Gesamtschau mit allerlei Sahnehäubchen sehr lieb gewesen. So bleibt der Eindruck, dass man in das aufregende Solowerk dieses Meisters bestenfalls hineinschnuppert. An der Genialität eines Holger Czukay bestehen ohnehin keine Zweifel. Dazu hat Can die Nachwelt zu sehr inspiriert.

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Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome erscheint am 11.07.2014 auf Groenland Records.

Link:

Künstlerseite auf Groenland

Interview mit Holger Czukay auf Spiegel Online

Stream von Sudetenland (Remix) auf The Quietus

SomeVapourTrails

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