Musik für die Ernüchterten – Sivert Høyem

In der musikalischen Saure-Gurken-Zeit des Julis lohnt sich der Blick zurück auf das, was im Frühjahr und dem Vorsommer so erschienen ist. Darum will ich heute auf den norwegischen Singer-Songwriter Sivert Høyem hinweisen, dessen Ende Mai veröffentlichtes Werk Endless Love keinesfalls so flauschig ist, wie es der Titel vielleicht vermuten lässt. Im Gegenteil, in den besten Momenten führt Endless Love Klage, leidet am Leben, spuckt starke Gefühle aus. Høyems Vortrag tingelt zwischen einem larmoyanten Rock-Barden und dem vom Piano beseelten Singer-Songwriter, auch countryhaft-bluesiger Gesang fehlt nicht.

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Photo Credit: Morten Andersen

Schon mit dem Titelsong Endless Love scheint die Zielrichtung des Werks deutlich. Hier werden nicht die Geigen in den Himmel gehängt und ewige Liebe beschworen, vielmehr der Augenblick besungen, wenn die Liebe geht und die Gewohnheit bleibt. Die Flamme der Leidenschaft hat ausgeflackert („That’s right, I swore you endless love/ Endless love is not enough/ Now there’s a sobering feeling/ Now there’s a saddening sight/ That cool look in the mirror/ As you dress up for the night„). In solch Abgesang manifestiert sich die Grundstimmung des Album, nämlich eine ostentative Unzufriedenheit. Das Scheitern von Lebensentwürfen als bittere Erkenntnis durchzieht die Scheibe. Auch Enigma Machine vergrübelt sich tief: „Father give me a moment’s peace/ The ability to forget/ It is the key to happiness/ If I’m understanding you correct„. Will somit vergessen, um glücklich zu sein. Und sich anschließend in neue Träume flüchten. Das mit Southern-Rock-Einschlägen tönende Handsome Saviour unterstreicht dagegen, dass man sich in Beziehungskrisen nicht darauf verlassen sollte, von einem adretten, edlen Ritter – oder einer hübsche Prinzessin – aus dem partnerschaftlichen Gefängnis befreit zu werden. Es ist ein Song, der den Karren so richtig im Dreck sieht („Don’t add your spite to the load we’re dragging uphill/ Rough times won’t rock our boat/ But our meanness surely will„). Das nachfolgende Inner Vision steht im Kontrast zum urigen Sound von Handsome Saviour. Denn nun folgt eine mächtige, melodramatische Pianoballade, die Høyems lyrisches Ego zum Solitär verklärt. Auch in der Folge sind Illusion und Desillusionierung nur einen Wimpernschlag entfernt. Little Angel mutet wie eine Mischung aus Urge Overkill und Nick Cave an, Görlitzer Park wiederum besticht als Berliner Versagergeschichte voll weltschmerzendem Schmelz in der Stimme („This cruel, landlocked city that/ Has swallowed bigger things than me„).

Eines der letzten Lieder der Platte trägt den Namen At Our Evening Table, es gestaltet eine gesittete Szenerie aus, die hinter der Fassade Leere und Distanz verbirgt. Der zentrale Satz „I do not remember/ If there was ever a time when things felt exactly as they should“ wird von einer handfesten Ernüchterung durchzogen, von einem Gefühl des Versagens, welches das vermeintliche Glück früherer Zeit radikal in Frage stellt. Aus der Betrachtung des gesamten Albums heraus erscheint der Albumtitel Endless Love bestenfalls schal, fast sogar zynisch. Sivert Høyem malt nie die großen Tragödien an die Wand, und doch sind seine kammerspielartigen Songs von bitterer Intensität gekennzeichnet. Die Endlichkeit von Liebe, der Abschied von Hoffnungen wird mit großer textlicher Wahrhaftigkeit ausgestaltet. Wer ein Faible für das Drama des Seins besitzt, wird sich an dieser Musik für Ernüchterte nicht satthören wollen.

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Endless Love ist am 23.05.2014 auf Hektor Grammofon erschienen.

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