Release Gestöber 57 (Alvvays, Erasure, PHOX, O)

Alvvays

Für ein wenig lärmigen, genüsslich versponnenen Indie-Pop samt melodischem Lieblichkeitsfaktor steht das aus dem kanadischen Toronto stammende Quintett Alvvays. Der niedliche Esprit ihres gleichnamigen Debüts Alvvays beschert dem Hörer ein Genre-Highlight des Jahres. Die Band um Sängerin Molly Rankin besticht durch einen von warmer Melancholie und gedämpfter Sonnigkeit verklärten Sound, dessen DIY-Flair irgendwo zwischen der Unbeschwertheit kalifornischer Strände und vorwitzigem, britischem Gitarrenpop verortet ist. Die Platte strotzt vor Songs, die Dopamine ausschütten, freilich ohne dabei zombiehaft-selige Dauergrinsen zur Schau zu stellen. Das Album besticht durch eine Jugendlichkeit, der man voller Lob in die Wange kneifen möchte. Als Highlight imponiert etwa das in wunderbarem Lo-Fi angeschrammelte Archie, Marry Me, auch Ones Who Love You lässt das Herz höher springen. Das Zusammenspiel aus Rankins juvenilem Fühlen und der wie durch einen nostalgischen Schleier hervorquillenden Gitarre Alec O’Hanleys macht den Zauber des Werks aus. Weitere Glanzlichter eines durch die Bank famosen Erstlings sind Party Police oder auch das shoegazig angehauchte The Agency Group. Alvvays besitzen ein Händchen für Hooklines, für eingängige Refrains, die auch schon mal in Richtung Twee-Punk schielen. Diese Platte hat Pfiff, versprenkelt retroesken Charme, kann sich stets auf einen patenten bis kecken Gesang verlassen. Sogar das in fahle Synthies gehüllte, gemächlich-nachdenkliche Red Planet steht der Platte gut zu Gesicht. Wo manch Band ein Schema F auf Albumlänge auswälzt, wartet der gewitzte Sound von Alvvays mit Ideen quer durch den Gemüsegarten auf. Wer ein lebendig-sommerliches Album mit dem einen oder anderen melancholischen Ornament sucht, wird an diesem Werk nichts, rein gar nichts auszusetzen haben!

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Alvvays ist am 18.07.2014 auf Trangressive erschienen.

Erasure

Das unverwüstliche Duo Erasure hat sich nicht unterkriegen lassen. Auch in Zeiten, als ihr überwiegend zum Tanz einladender Gute-Laune-Synthie-Pop fast niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockte, haben sie weitergemacht. Und auch wenn die Zeiten der Spitzenplätze der Charts wohl endgültig der Vergangenheit angehört, so bevorzugen es Erasure noch immer, neue Platten aufzunehmen, verzichten also darauf, mit den Hits von einst durch die Dorfdiscos dieser Welt zu tingeln. Die Herren Andy Bell und Vince Clarke sind somit trotz der Fallhöhe nie tief gesunken. Erst letztes Jahr haben sie mit dem Disco-Weihnachtsalbum Snow Globe zu überzeugen gewusst, für September nun ist mit The Violet Flame eine neue Platte angekündigt. Der ersten Single Elevation nach zu urteilen, scheint einmal mehr auch genau das drinnen, wofür der Name Erasure auf der Verpackung bürgt: Elevation präsentiert sich als fröhlicher Dancefloor-Stampfer ohne Wenn und Aber. Mir genügt das, um mich auf das kommende Album dieser sympathischen Relikte aus den Achtzigern zu freuen.

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The Violet Flame erscheint am 19.09.2014 auf Mute.

PHOX

„Lee Hazlewood meets Regina Spektor“ verspricht mir der Pressetext zur amerikanischen Band PHOX. Nun ist eine spannende Kombination bekannter Namen natürlich eine Möglichkeit, um eine Nachwuchsband in Stellung zu bringen. Oftmals ist jedoch von Band-Seite her der Wunsch der Vater des Gedanken, aus Marketing-Sicht dagegen ist jede Menge Skrupellosigkeit im Spiel. Im Falle von PHOX sticht mir zwar die Assoziation mit Lee Hazlewood und Regina Spektor nicht unbedingt ins Auge, diese Formation mit musikalischen Granden zu vergleichen, erscheint mir jedoch sehr angebracht. Denn PHOX stehen für einen kultivierten Sound, der tiefsinnig und kontemplativ tönt, der – um Vorurteile zu bedienen – die Selbstbezogenheit der US-amerikanischen Seele überwindet, vielmehr weltmännisch und weltfräuisch anmutet. Die aus dem im Norden der USA gelegenen Bundesstaat Wisconsin stammende Gruppe strahlt eine geistreiche, reife, eigenständige Eleganz aus. Ein Gutteil dieser Ausstrahlung liegt allein schon in der fraglos anbetungswürdigen Stimme der Sängerin Monica Martin begründet. Das schlicht PHOX benannte Debütalbum ist Musik von stilsicheren Bo­he­mi­ens für entspannte Bohe­mi­ens. Wer sich unter dieser Etikettierung angesprochen fühlt, sollte sich auf Ende August freuen, wenn dieses charmante, mit leisen Untertönen begeisternde Werk in die Plattenregale der Republik kommt. Bis dahin werde ich es dann auf diesem Blog ausführlicher gewürdigt haben.

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PHOX erscheint am 29.08.2014 via Partisan Records.

O

Eine Band, die sich als Namen das Kreissymbol O erwählt, hat entweder einen New-Age-Fimmel oder eine ganz spezielle musikalische Vision. Die aus der deutsch-niederländisch-belgischen Grenzregion stammende Formation widmet sich stoischem Ambient-Post-Rock, der dahinmeditiert und über weite Strecken fast provokant ereignislos ausfällt. Dieser Sound lässt sich oft treiben, verästelt und verliert sich. Indem die Band auf nichts hinsteuert, dem Hörer kaum eine verlässliche Klimax anbietet, entfaltet sich Verstörung. Jene Klanggebilde definieren sich nie über das lineare Streben nach Höhepunkten, eher schon schlagen sie kleine Wellen, die sich kreisförmig ausbreiten. Das Album When Plants Turn Into Stones stochert in der Unendlichkeit von Zeit, begegnet dem Werden und Vergehen mit Gelassenheit. Die gesamte Konzeption spannt die Ewigkeit in einen dreiviertelstündigen Soundtrack von außergewöhnliche Qualität. Auch weil die Musik zwei Zugänge erlaubt. Zunächst eine verkopfte Annäherung, die zwischen den Zeilen lesen möchte und dem Ineinanderwelken der Instrumente eine Botschaft entlocken will, um die Chiffren des Seins zu begreifen. Doch natürlich funktioniert auch eine emotionale Herangehensweise, die sich den Stimmungen der Szenerien hingibt und jeden Ton gleich einem sanften Kribbeln auf der Haut spürt. Sobald man die Augen schließt, malen diese Soundcollagen geometrisch geprägt Bilder, die in ihrer unerklärlichen Schönheit überwältigen. Speziell der Anfangstrack Entstanden im Schatten wie Wasser dröhnt langsam dahin, vom steten Pulsschlag der Drums immer neu entfacht, gleitet beschaulich hinfort, bevor alles ganz unvermittelt und sehr kurz zu majestätisch anschwillt, nur um danach in einem gedämpften Hintergrundrauschen zu vergehen. Lack Of Interest In Things They Used To Do wiederum lässt den Ambient beiseite, vertieft sich in einen Post-Rock, der in klassischer Besetzung (Gitarre, Bass und Schlagzeug) mit sanfter Beständigkeit vorwärts schreitet, ehe nach geschlagenen sieben Minuten Opulenz und Dynamik aufschlagen. Geduld ist ein Begleiter, den der Hörer bei dieser CD braucht. Nichts scheint hastig vom Zaun gebrochen. Auch das titelgebende When Plants Turn Into Stones schleppt sich zehn Minuten dahin, phasenweise im Zusammenwirken von bedrohlichem Schlagzeug und knurrig-undurchschaubarem Singsang, ehe gegen Ende eine klirrende Eruption erfolgt. Doch auch hier gilt, der vermeintliche Höhepunkt birgt keinerlei Befriedigung, er transzendiert nie gen Erlösung. O aka Kreis spinnen ihre Lieder nicht narrativ fort, sie verharren ganz bewusst in der Passivität der Beschreibung. Und daraus resultieren dann solch gegen den Strich gebürstete Juwelen wie etwa Sometimes I Forget To Breathe. Wer sich dieser Platte annähern möchte, sollte sich Zeit nehmen und Post-Rock mehr als verstörende denn atemlose Schönheit wahrnehmen wollen. Dann, ja dann gerät das Anhören auch nicht zur Quadratur des Kreises.

When Plants Turn Into Stones ist am 06.06.2014 auf Golden Antenna erschienen.

SomeVapourTrails

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