Stippvisite 31/07/2014 (Kein Bloggen aus dem stillen Kämmerlein!)

Ich habe schon länger nicht mehr über den Tellerrand des eigenen Blogs geschielt. Das hat allerdings nur bedingt mit einer Wagenburgmentalität zu tun, es gibt genügend bloggende Kollegen, deren Tun ich nach wie vor sehr schätze. Generell jedoch sehe ich die Blogkultur gefährdet. Die Interaktion auf Blogs etwa nimmt allgemein ab, ein Austausch über Inhalte erfolgt via Twitter oder Facebook, Kommentare auf Blogs dagegen sind rar gesät. Ich spreche natürlich jetzt dezidiert von Musikblogs, denn meinungsstarke Aufregerblogs oder Lifestyle-Gedöns gedeihen prächtiger denn je. Möglicherweise liege ich mit meiner Einschätzung auch völlig falsch. Was weiß ich schon nach all den Jahren von der Bloggerei? Heute habe ich nämlich auf Spiegel Online ein Interview gelesen, in welchem ein Reiseblogger namens Sebastian Canaves erklärt, wie man mit dem Bloggen Geld verdienen kann. Bloggen als Business. Vieles an diesem Interview lässt mir die Haare zu Berge stehen, denn das Zauberwort scheint wohl Reichweite zu sein. Je mehr Leser man auf einen Blog zu locken vermag, desto attraktiver wird man für die Unternehmen. Dann lohnt Werbung. Dann wird das Tun mit bezahlten Advertorials honoriert. Canaves verkauft sein Erfolgsrezept sogar, für schlappe 169 Euro kann man an seinem Blog Camp teilnehmen. Ich möchte keinesfalls an seiner Redlichkeit zweifeln, Fragen wirft das Interview dennoch auf.

Nun sei es jedem gegönnt, aus dem Hobby (Bloggen!) einen Beruf (Blogger!) zu machen und damit auch Geld zu verdienen. Doch wird dafür oftmals die Seriosität geopfert. Allzu penetrante SEO-Optimierung, sensationsheischende Überschriften, tonnenweise Gewinnspiele oder zuhauf gekaufte Produkttests spülen vielleicht Geld in Bloggertaschen, begrüßen muss man diese Vorgehensweisen freilich nicht. Sobald man nach Reichweite giert, um für die werbende Industrie interessant zu werden, muss man ständig an der Polemik- und Kritikschraube drehen, tagtäglich mit neuen Buzzwords um sich werfen, um von Google (weiter) geliebt zu werden. Und wenn man für Advertorials oder Produkttests bezahlt wird, ist eine unabhängige Einschätzung schwerlich möglich. Erfolgreiche Blogger lassen sich also von SEO-Regeln die Schreibe und von Auftraggebern Inhalte und Meinung diktieren. Wie erstrebenswert ist dies?

Warum ich all dies erwähne? Nun, ich werde vom Gefühl beschlichen, dass leidenschaftliche Hobby-Blogger immer öfter den Kopf in den Sand stecken und den eigenen Blog zur Trutzburg ausbauen. Doch indem man sich einigelt, gibt man nur denen Raum, die ihn auf fragwürdige Weise zu nutzen wissen. Das Bloggen aus dem stillen Kämmerlein gerät auf Dauer doch ein bisschen frustrierend, wenn nebenan geldgeile Wichtigtuer die großen Hallen bespielen…

Görentipp:

Reizenden Bubblegum-Pop beschert uns die in Brooklyn angesiedelte Girlie-Band Habibi. Ihr Song I Got The Moves imponiert durch Eingängigkeit und geradezu aufmüpfige Fröhlichkeit. Es ist ein Track zum Immer-und-immer-wieder-Hören! Das Anfang des Jahres erschienene gleichnamige Album wird von der Plattenfirma Burger Records als „KILLER KRAUTY GIRL-GROUP POST-PUNK POP OUTTA NEW YORK!!!“ tituliert. Und wenn man sich die gesamte Platte so anhört, ist man durchaus geneigt, die völlig aus dem Häuschen befindlichen Großbuchstaben nachzuvollziehen. Nicht umsonst hat auch Allmusic jede Menge lobende Worte übrig: „Habibi’s debut offers up a set of songs that swim in strangeness, beauty, and discovery and are every bit as infectious as they are refreshing.“. Dieser unverkrampfte, prägnante, unkomplizierte Sound schenkt uns nicht nur besagtes I Got The Moves, sondern darüber hinaus auch weitere aufgekratzte Retro-Perlen wie Sweetest Talk oder das garagige Persepolis. Was für ein toller Sound von ansteckender Frische! (gefunden bei human cannonball)

Spannungstipp:

Esben and the Witch sind eine jener Bands, über die man gefühlt auf jedem Blog des Erdenrunds stolpert. Aus irgendeinem nebulösen Grund habe ich die Formation aus dem englischen Brighton immer geflissentlich ignoriert – und das würde ich wahrscheinlich immer noch so handhaben, wenn ich nicht dieser Tage beim Kollegen Nicorola einem seiner stets feinen Mixahulababy-Sampler gelauscht hätte. So stolperte ich über den atmosphärisch schönen Track Dig Your Fingers In, der das für September avisierte Album A New Nature ankündigt. Dig Your Fingers In verbindet die fesselnde Intensität einer PJ Harvey mit der angespannten Stimmung von Portishead. Es ist ein Song, dessen Unbehagen ganz allmählich aus den Eingeweiden emporkriecht. Die dramatische Spannung lässt sich geradezu mit den Händen greifen. Wenn A New Nature solch gänsehäutige Vehemenz auf Albumlänge verbreitet, dann darf man sich auf ein Highlight dieses Jahres gefasst machen. Ich für meinen Teil werde Esben and the Witch von nun an sicher nicht mehr ignorieren.

Hoffnungsträgertipp:

Ist das alles? Wo ist die Euphorie? Alles oder nichts, jetzt oder nie.“ krächzt eine jugendliche Stimme im Refrain des Liedes Wo ist die Euphorie. Und sofort spürt der Hörer, dass hier eine Band am Start ist, die Hoffnungsträgerpotential in sich birgt. Es existieren sehr wenige Gruppen, die deutschsprachige Gitarrenmusik hintergründig und subversiv darbieten. An braven, berechenbaren Bands herrscht kein Mangel, an tiefgängigen Formationen dagegen schon. Letztes Jahr konnte die Münsteraner Formation Messer ganz und gar überzeugen, dieses Jahr sind es die Hamburger Trümmer, welche man auf dem Zettel haben sollte. Wo Messer manisch tönen, vermögen Trümmer bei Wo ist die Euphorie die Abgründe adoleszenter Sehnsucht frenetisch abzubilden. Das schlicht Trümmer betitelte Debüt erscheint am 22.08. auf PIAS und könnte durchaus für die Euphorie sorgen, die in besagtem Lied flehentlich gesucht wird. (via Coast Is Clear)

Hymnentipp:

Einen Song, der sich in den letzten Tagen in mein Ohr gebohrt hat, will ich zuletzt nicht unerwähnt lassen. Always Boys präsentiert sich nämlich als Lied, das einerseits gebrochen-sehnsüchtig anmutet, andererseits auch ordentlich in die Saiten haut, die energiegeladene Gitarrenhymne auspackt. Der Gesang von Alice Costelloe zählt ohnehin mit zum Besten, was in diesem Genre so zu vernehmen ist. Der Londoner Combo Big Deal scheint mit diesem kräftig klingenden Stück folglich der große Wurf gelungen, der sich allerdings bereits auf dem im Vorjahr veröffentlichten Album June Gloom abgezeichnet hat. Zu finden ist Always Boys auf der dieser Tage veröffentlichten EP Sakura. Selbige wäre um ein Haar an mir vorbeigegangen, wäre ich nicht bei Schallgrenzen darauf gestoßen. Kollege Peter spricht im Zusammenhang mit Always Boys von brachialem Schönklang. Dieser Einschätzung will ich gerne zustimmen!

Das soll es für heute gewesen sein, demnächst wieder mehr…

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Stippvisite 31/07/2014 (Kein Bloggen aus dem stillen Kämmerlein!)

  1. So, dann schreibe ich nun hierhin und nicht bei Facebook, dass ich Habibi ganz gerne mag, danke! Und Geschäftsmodell… ei, nein danke.

  2. Mit der Bloggerei Geld verdienen? Immer noch besser als auf den Strich zu gehen. Spass beiseite, warum nicht. Und das mit den Kommentaren, da stimme ich zu. Wenn ich Feedback erleide, dann via Facebook. Es ist wie es ist. Liebe Grüße nach Berlin.

  3. Feedback und Austausch sind ja im Grunde die „Bezahlung“ des unkommerziellen Bloggers. Wenn das entschläft , entschläft auch die Blogkultur.
    Vor zwei Jahren gab es da eine kurze Hochphase des Austauschs auf meinem Blog, die inzwischen einfach wieder komplett abebbte.
    Was sicher auch an einem selber und dem eigenen Netzverhalten liegt.
    Und ich merke gerade, dass ich das schade finde.
    Und gelobe Besserung.

  4. Ich finde es nicht unbedingt schlimm, mit dem Bloggen Geld zu verdienen, aber für mich ist es enorm wichtig, nicht seine Glaubwürdigkeit zu verlieren und weiterhin seine Meinung zu schreiben. Ein paar Mark durch Werbeeinnahmen sind ja nicht verkehrt 🙂

    Grüße
    Michael

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