Zwischentöne für Austarierte – Luluc

Dieser Blog schätzt ja die leisen, fast selbstvergessenen Zwischentöne besonders. Deshalb komme ich nicht umhin, mal wieder eine angenehm gedankenverlorene Indie-Folk-Platte zu empfehlen. Das mir bis dato unbekannte australische Duo Luluc hat mit ihrem in sich gekehrten Zweitwerk Passerby ein wahres Kleinod geschaffen, welches der wunderbar weichen Stimme der Sängerin Zoë Randell einen beschaulich wie pittoresk ausgestalteten Sound zur Seite stellt, der bei näherer Betrachtung weit mehr als nur die obligatorische Gitarre aufzubieten hat. Zusammen mit ihrem Partner Steve Hassett und dem Produzenten Aaron Dessner, seines Zeichens Mitglied der umjubelten The National, vermag Randell Lieder zu kreieren, die der Realität einen träumerischen Moment und der Fantasie einen rationalen Augenblick abgewinnen. Der Erfahrungshorizont von Passerby kennt sowohl ein zartes jugendliches Sehnen als auch die Ernsthaftigkeit des Erwachsenenlebens, ohne dabei forsch oder bitter anzumuten.

Manchmal sind es die ersten Takte eines Albums, welche die Einstellung zur gesamten Platte prägen. Und gerade das eröffnende Small Window hat diese Kraft, den Hörer sofort und völlig einzunehmen. Die anfänglichen Zeilen „Flying over Chicago/ Bare trees line the white snow/ Day light fades and lines of cars flash/ Across the night in red and gold“ hauchen einer Betrachtung Worte ein. Im Nu ist man der Szenerie verfallen, auf Reisen und doch immer im Gedanken auch zu Hause. Der Dream-Folk von Small Window sehnt und ist zugleich mit sich im Reinen, er träumt, aber nicht um zu vergessen, vielmehr um sich zu erinnern. Auch der Titeltrack Passerby, der über das so flüchtig vorbeiziehende Leben sinniert, fängt Reminiszenzen liebevoll und dankbar ein. Etwa die an das Lämmlein ohne Mutter, das von Hand aufgezogen wurde. Oder jene an die anmutigste Katze, die beste Freundin, die ein Mädchen je haben konnte. Die Fragilität des Seins wird nie bejammert, vielmehr als Kostbarkeit erfahren. In solch Gedankenwelt fügt sich ein Titel wie Winter Is Passing bestens ein. Der zarte Optimismus neuen Werdens tritt hervor. Mit Tangled Heart folgt ein weiteres Highlight des Werks. Ein Song, der sich durch den Großstadtdschungel New Yorks tastet. Dabei noch immer staunt („I took my love on a bridge to the world/ Her lights draped like a string of pearls/ All that beauty form so much toil„). Und doch bei aller behaglichen Aufregung einem bläsergesättigten, großartig orchestriertem Blues der Metropole verfällt („Busy lights will shine tonight/ And all the foofaraw/ Someone will come to take me out/ Let’s drink a little more/ Pulled and torn I try to work/ Remember what it’s for/ I can’t help but think about the way we were before„). Am besten aber erklärt sich der Reiz dieses Albums mit dem Lied Reverie On Norfolk Street, das sich die Verwunderung über ein Beziehungsende nicht verkneifen kann. Aus einem Tagtraum erwachend wird gegrübelt („I can’t help but wonder if we’ll ever meet again„). Die Ungläubigkeit darüber, dass der Liebste wirklich losgelassen wurde, sticht ins Auge. Wo solch ein Song sich meist in Groll oder Selbstzerfleischung versteigt, wirken Lulac überraschend gelöst. Der Traurigkeit wird eben nicht mit Hysterie oder Verzweiflung begegnet, dem Unbehagen wird geradezu nachgehangen, es wird mit leiser Tapferkeit im Augenwinkel angenommen. Wie etwa beim finalen Titel Star, wenn die Zeilen „The stars in the sky/ They call my eye/ I search but I’m not lost/ I cry but it’s not wrong/ And I can see so much/ Much more than before“ trostspendend ausfallen. Wie Randells Gesang von Hassetts Stimme perfekt untermalt wird, wie sich die Streicher in den Schmerz und die andächtige Erinnerung einbetten, all das bildet den würdigen Abschluss eines mit dem Leben versöhnenden Albums.

Zwischentöne tragen Passerby, sowohl auf textlicher Ebene als auch in der dezent ausstaffierten Instrumentierung. Lulac praktizieren eine gänzlich altmodische Bedächtigkeit, die grübelt und nicht quasselt, die lieber abwägt, anstatt sich himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt zu geben. Wer eine austarierte Emotionalität sein Eigen nennt, wird aus genannten Gründen an dieser Platte zweifelsohne Gefallen finden.

passerby_cover

Passerby ist am 18.07.2014 auf Sub Pop erschienen.

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