Berlin Festival 2014: Klein ist das neue Groß!

Berlin genießt den Ruf einer Partystadt. Und zu mehr taugt diese vermeintliche Metropole wohl auch nicht. Berlin ist letztlich nichts als ein Trugbild, dessen unzählige Puzzleteile sich partout nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen wollen. Diese Stadt wäre gerne die große Nummer, doch dieser Wunsch wird von einer Kiezmentalität immer und immer kassiert. Auch die Nachwirkungen der Mauer sind noch immer nicht ausgestanden. Nach wie vor spiegeln sich Osten und Westen, ob Funkturm und Fernsehturm, Tierpark oder Zoo, vieles ist in doppelter Ausführung gewachsen und auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch vorhanden. Im besten Falle ist Berlin eine Ansammlung kunterbunter Sehnsuchtsorte, deren Diversität keine gemeinsame Identität zulässt. Außer der, dass die Metropole unermessliches Chaospotential in sich birgt. Und so fügt es sich ins Bild, dass das seit 2009 auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens durchgeführte Berlin Festival dieses Jahr kurz vor knapp den Veranstaltungort wechselt.

Als Laie hat man natürlich nur marginale Einblicke in die Organisation eines Festivals. Wenn mir Veranstalter eine kurzfristige Verlegung eines Festivals jedoch als Entscheidung für ein perfektes Ambiente aufschwatzen wollen, kann ich freilich nur den Kopf schütteln. Nun also wird man die ehrwürdigen Hallen und Hangars Tempelhofs gegen eine an der Spree gelegene, kleinere Arena eintauschen. Es wäre der erste Neuanfang der Welt, der eine offensichtliche Schrumpfung innigst umarmt. Die Gründe, warum das Berlin Festival seit 2009 mehr Problemkind denn herzeigbarer Event-Spross der Stadt scheint, sind zweifelsohne vielschichtig. Spätestens mit dem unerfreulichen Zwischenfall im Jahre 2010, als der erste Tag des Festivals wegen Überfüllung einzelner Bereiche vorzeitig für beendet erklärt wurde, durfte man durchaus Zweifel haben, ob Veranstalter und Veranstaltungsort wirklich zueinander passen. Dass kleinliche Lärmschutzauflagen dem Festival in letzter Zeit den Charme einer moderierte Schülerfete gegeben haben, die nur ja nicht außer Rand und Band geraten darf, hat das Problem weiter zugespitzt. Wenn noch vor Geisterstunde die Besucher des Festivals quer durch Nacht und Stadt gekarrt werden müssen, um dort weiter zu feiern, wo Lärmbelästigung ohnedies zum Stadtbild gehört, dann ist das auf Dauer natürlich ein unhaltbarer Zustand.

Doch hätten sich die Organisatoren nicht um eine lärmreduzierte Tempelhofer Lösung bemühen müssen, anstatt das Festival mit jedem Jahr mehr zu aufzusplittern, bis die Flughafen-Location tatsächlich nicht länger sinnvoll erschien? Und hätte man die Abwanderungspläne nicht frühzeitig bekanntgeben müssen? Die Atmosphäre von Tempelhof versprüht einen ganz eigenen Reiz, dem wohl nicht nur ich ganz und gar erlegen bin. Ob man das auch von einem multifunktionellen 08/15-Veranstaltungsgelände in Alt-Treptow sagen kann? Ein weiteres Ärgernis des Berlin Festivals 2014 ist ein recht durchwachsenes Line-up. Gerade dieser innerstädtische Event sollte Musiker eigentlich wie die Motten ans Licht locken. Welcher Act, der etwas auf sich hält, macht eine Reise durch Europa, ohne dabei Berlin einen Besuch abzustatten? Trotzdem sind die prominentesten Musiker und Bands in diesem Jahr Woodkid, Moderat, Warpaint, K.I.Z. und die Editors. Speziell letztere würden in England wohl Massen bewegen, sind aber in Deutschland leider eine kleine Nummer. In der Summe spiegelt die Zusammenstellung Szene-Hypes wider. Wo in den Vorjahren noch allseits bekannte Namen wie Björk und Pet Shop Boys die Ohren schlackern ließen, nimmt sich die diesjährige Veranstaltung wie der feuchte Traum eines Clubkonzertfetischisten aus. Wenn von Veranstalterseite nun im Brustton der Überzeugung davon gesprochen wird, dass man sich bewusst gegen Headliner entschieden habe, dann gerät die Chose endgültig zum reinsten Schmierentheater. Welche Vision verfolgen die Organisatoren?

Soll man sich denn überhaupt eine Vision für ein Festival, bei dem es eigentlich an allen Ecken und Enden klemmt, wünschen? Ich fände es wesentlich beruhigender, wenn all dies auf eine Panikreaktion wegen schleppender Kartenverkäufe zurückzuführen wäre. Kleinere Brötchen zu backen, das ist keine Schande. Doch sollte man Kleinigkeiten nicht als das neue Groß verkaufen. Das Bekenntnis zu einem kleineren Spielort und zu lediglich vorsichtigen Investitionen ins musikalische Aufgebot wäre viel ehrlicher gewesen. Oder steckt hinter diesem Tohuwabohu doch Kalkül? Wurden musikalische Ansprüche nun endgültig aufgegeben, um ein 48-stündiges Halligalli auszurufen? Wenn man sich die Schar an DJs (DJ Koze, Sven Väth) so ansieht, möchte man eben das vermuten. Party ohne Ende, das bedient das Berliner Stereotyp bestens. Ein Feiern um des Feierns Willen bräuchte tatsächlich keine hochkarätiges Line-up, das sich live die Seele aus dem Leib singt.

Und somit schließt sich der Kreis der Betrachtung. Berlin kann Party, wie die Fanmeile zur Fußball-WM belegt. Auch die bis zu 20000 avisierten Besucher des Events in der Arena verdeutlichen das ebenfalls. Was in den heiligen Gefilden Tempelhofs mal ambitioniert begann, ist endgültig krachend gescheitert. Der Kater nach dem Schiffbruch bildet das Berliner Lebensgefühl akkurat ab. Darum steckt im Berlin Festival 2014 dieses Mal wirklich einhundert Prozent Berlin.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Berlin Festival 2014: Klein ist das neue Groß!

  1. Die Bemerkungen zum Festival selbst sind sicher weitgehend korrekt. Das unqualifizierte allgemeine Berlinbashing kann ich in dieser Form allerdings nicht nachvollziehen . Hier scheint jemand Berlin nicht zu mögen, deshalb glaubt er die einzigartige Atmosphäre dieser Stadt runter machen zu müssen. Allerdings gibt es eben auch sehr viele, die das Potential dieser Stadt (so sehr dieses manchmal leider nicht ausgeschöpft wird) schätzen und deshalb gerne in Berlin leben (so wie meine Frau und ich, die nächstes Jahr nach Berlin ziehen werden), weil wir dieses Unfertige, Chaotische und vielfach noch Provisorische dieser Stadt sehr mögen und uns hier ungemein wohl fühlen. Aber Berlin wird nicht erst heute von sehr vielen Menschen abgelehnt, weil sie mit dem Widerborstigen dieser Metropole nicht zurecht kommen. Schade.

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