Chaos am Buffet – Trans Am

Was ist wohl lebensgefährlicher? Sich mitten auf eine frequentierte Autobahn zu stellen oder aber sich bei einer Veranstaltung vor dem Buffet zu positionieren, um stolz zu verkünden, dass selbiges nun eröffnet sei? Jede Schlacht ums Buffet radiert hundert Jahre zivilisatorischen Fortschritts binnen weniger Minuten aus. Wir lieben die Vielfalt, die uns ein üppig angerichtetes, abwechslungsreiches Büffet bietet. Alle erdenklichen Canapés dürfen es sein, natürlich sollen auch mit Oliven oder Cocktailtomaten verfeinerte Käsespießchen sowie Garnelenringe nicht fehlen. Je kunstvoller und vielfältiger die Kalten Platten drapiert sind, desto lustvoller und sabbernder wühlen wir darauf herum. Wir delektieren uns an der breiten Palette von Köstlichkeiten. Umso eigenartiger finde ich es, dass wir es etwa bei der Musik gerne kohärent haben. Ein Album hat gefälligst einen vorherrschenden Musikstil aufzubieten, ein Zuviel an Abwechslung überfordert uns. Dann bemängeln wir fehlende Durchdachtheit. Eine Schallplatte muss zehnmal die gleiche Soße anbieten, die sich lediglich in Nuancen unterscheiden darf. So mag es der Durchschnittshörer. Und aus diesem Grund wird Volume X der US-Trios Trans Am auf wenig Gegenliebe stoßen.

Trans Am ist ohnehin die Sorte Band, die man zwar dem Namen nach kennt, von der man aber so gar nichts im Plattenschrank stehen hat. Mit ihrem zehnten Album hat die Formation allerdings endgültig den Vogel abgeschossen und viele potentielle Fans vergrätzt. Denn sie beackert berserkhaft die Musikgeschichte, gerade so als müsste sie uns hier und heute in einem Crashkurs erklären, was gestern und vorgestern angesagt und modern war. Volume X ist – mit Verlaub – Kraut und Rüben. Schon die ersten zwei Songs unterstreichen diesen wirren Genre-Mix. Der Opener Anthropocene etwa ist so gut, wie synthielastiger Rock nur sein kann. Der klobige Track offeriert satte Riffs, inmitten einer von hämmernden Drums gewitterschweren Soundwolke ruht ein distanzierter Gesang, der das Stück zur Antihymne aufspießt. Das nachfolgende Reevaluations dagegen robotert – dank Vocoder – durch und durch. Die Nummer pulsiert in die Achtziger zurück, bricht die elektronische Kühle und Monotonie auf, indem sie sich für einen kurzen Moment unvermittelt ins Bizarre hochjazzt. Zwischen den Temperamenten der ersten beiden Lieder scheinen Welten. Und ähnlich kontraststark geht die Chose weiter. Wo Reevaluations noch zackig-zappelig angemutet hat, schwebt und flutet das anschließende Night Shift. Es beeindruckt als instrumentaler Krautrock auf der Reise durch kosmische Sphären. Es schmiegt sich in ein glückseliges Retrogefühl, tut so, als wäre die Zukunft ein Versprechen, dem es mit jubilierenden Synthies entgegenzufahren gilt. Doch abermals folgt die Verstörung. Backlash prügelt ohne Not mit Speed Metal auf den Hörer ein, ehe danach der fahrige wie hypnotische Flow von Ice Fortress ein Friedensangebot aussendet. Bei Ice Fortress schlängeln sich die Synthies gestaucht wabernd hinfort, während der Rhythmus wie in Trance vorwärtsrennt. In dem Track trifft der Minimalismus eines Steve Reich auf archetypische Krautigkeit. Er wird zum UFO unter UFOs, zum zunächst nicht augenscheinlichen Highlight des so verqueren Albums. Und selbiges bleibt spannend, eine mit groteskem Vocoder-Einsatz ausstaffierte Synthie-Ballade namens I’ll Never birgt die Sorte emotionalen Pop, die man auf Volume X längst nicht mehr vermutet hätte. Mit dem finalen Insufficiently Breathless befindet sich noch ein letzter Pfeil im Köcher. Es entwickelt den Charme eines friedlichen Idylls, welches in seinem seligen Schlummer gestört wird. Spätestens seit ich die Rezension der Platte auf Allmusic gelesen habe, komme ich an dem dort entworfenen Bild nicht vorbei: „[T]he blend of pastoral acoustic guitars and ominous synth arpeggios on „Insufficiently Breathless“ conjure black helicopters flying over a field of wildflowers.

Fast möchte man schlussfolgern, dass sich Trans Am ob all der Irritationen ins Fäustchen lachen. Volume X präsentiert sich als gewolltes Chaos. Diese Platte hat keineswegs Track um Track gedankenlos aneinander gesemmelt. Indem die Vielfalt der Stile und Zugänge keine Kontinuität kennt, werden stets gespitzte Ohren eingefordert. Auf die eine Überraschung folgt sogleich die nächste. Das jedoch ist mutig. Denn schließlich sind wir hier nicht beim Buffet, wo ein ein Schinkenröllchen neben einem Brötchen mit Shrimps und einem Oliven-Melonen-Käsespießchen dahinvegetieren darf. Ein Album, das vielerlei Geschmäcker anspricht, scheint wider der Vernunft. Und trotzdem bekomme ich darauf richtigen Heißhunger!

volumex_cover

Volume X erscheint am 15.08.2014 auf Thrill Jockey.

Konzerttermine:
14.11.2014 Lausanne (CH)- Le Romandie
17.11.2014 Hamburg – Hafenklang
18.11.2014 Leipzig – Baustelle Schauspiel
19.11.2014 Berlin – Berghain Kantine

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