Ein Hauch von Boheme – PHOX

Chic ist Schicksal, man kann ihn sich nicht einfach antrainieren. Am Beispiel von Monica Martin, ihres Zeichens Frontfrau der US-Band PHOX, lässt sich diese natürliche Begabung in vollster Pracht bewundern. Martin verfügt über eine Stimme zum Hinknien, die vor Noblesse und Leichtigkeit nur so strotzt. Die Art ihres Gesangs erscheint besonders. Auf PopMatters habe ich eine sehr gelungene Begründung dafür gefunden: „[S]he has a distinctive way of phrasing. She sings each word or phrase as if the words come to her as a pleasant surprise.“ Martins kultivierter Vortrag wirkt wie aus dem Handgelenk geschüttelt, von einer natürlichen, spontanen Eleganz beseelt. Darin liegt fraglos einer der Verzüge der in Wisconsin beheimateten Formation. Doch wäre es zu kurz gegriffen, dass gleichnamige Debüt PHOX auf eine richtiggehend durch die Boxen schleichende Ausstrahlung der Sängerin zu reduzieren. Wie hier Soul, Folk und Pop auf das eine oder andere jazzige Element und manch karibischen Einfluss trifft, ein Hauch von Boheme durch das Songwriting weht, all das wird Feingeistern geradezu auf der Zunge zergehen.

Photo Credit: Pip for Partisan Records

Im Grunde würde man die Herkunft solcher Klänge im kosmopolitischen New York vermuten, weniger in der amerikanischen Provinz. Bereits mit dem eröffnenden Kleinod Calico Man wird man vom Charme der Platte überwältigt. „Calico man, don’t you worry/ When I have to drop your hand/ As I have to leave this city/ But I’ll likely come again/ You don’t have to tell your sisters/ They don’t want to watch you wait/ But I have shouted from each corner/ That I might never love again“ sind die ersten wehmütigen, sanften Zeilen, die eine glockenklare Martin singt. Nicht überträllert, nicht verwispert, nicht ersäuselt, nicht zerwimmert! Stilsicherheit ist eben eine Tugend. Der entspannt schimmernde Kammer-Pop Slow Motion kredenzt manch kecke, Feist’sche Note, bietet ein Kaleidoskop an vielfältigsten Instrumenten auf, die das Stück in warme Farben hüllen. 1936 dagegen betört mit der melodischen Sonnigkeit des Indie-Pop und dem flanellernen Launigkeit von Folk-Pop. Vor allem die erste Hälfte des Album lädt zum Staunen ein. Denn schon mit Evil nimmt die Chose eine neue Richtung. Karibik-Flair wird dabei mit Americana kombiniert, als Resultat steht ein Song, der in feinem Singsang apodiktische Wahrheiten verkündet: „Evil will find its own demise„. Es sind Lyrics, die aus Enttäuschung Härte schöpfen, dabei freilich von der fröhlichen Musik hintertrieben werden. Kingfisher ist ein weiterer Track, der nicht unerwähnt bleiben darf. Wie das Tirilieren des Eisvogels, sein Umherhüpfen durchs Geäst in der Musik widergespiegelt wird, zeigt die Liebe fürs Detail, die bei PHOX immer wieder hervorsticht. Dazu sinniert der Song übers Träumen („And I’ve had a million nightmares/ I lost one dream/ And it was in mint condition/ In my sleep„), pocht darauf, dem Alltag zu entfliehen („Reverie is my goddamn right„). Martin trägt Samt und Seide in der Stimme, versteht sich auf smarte Lieblichkeit, sogar ein störrisches Liebeslied wie Shrinking Violets wird mit leichtfüßigen Trippelschrittchen vorgetragen. Und selbst ein alle Fettnäpfchen bereithaltendes Noble Heart, welches nach dem Motto „Oh Liebster, ich bin nicht würdig“ tönt, strahlt eine erhabene Würde aus, verzichtet auf Pathos, Kitsch und Tränen. Der Glücksmoment wird vielmehr mit gelöster Feierlichkeit begangen. Gegen Ende geschieht bei Raspberry Seed nochmals Überraschendes. Dem balladesken Charme des Songs drückt ein nachdenklicher, in Selbstzweifel getauchter Gesang den Stempel auf, ehe eine mit schüchterner Gitarre eingeleitete, fünfminütige Instrumentalpassage folgt, in deren Verlauf sich Streicher und Schlagzeug hinzugesellen. Wie sich der in Western-Aura getauchte Augenblick entfaltet, tritt für einmal die Musik völlig ins Rampenlicht, merkt man endgültig, dass auch die Herren Matt Holmen, J. Sean Krunnfusz, Dave Roberts, Matteo Roberts und Zach Johnston einen gehörigen Anteil an der Strahlkraft von PHOX haben.

Legionen von Bands würden ihr letztes Hemd geben, um solch eine Frontfrau zu ergattern. Doch Monica Martin hat das unsagbare Glück, einer Formation vorzustehen, für die jener delikate Gesang lediglich das i-Tüpfelchen darstellt. Dass sich PHOX dennoch damit schmücken dürfen, macht aus einer interessanten Band eine ganz und gar vorzügliche. Denn solch weltläufigem Chic und pfiffigem Sound muss man erliegen. Und darf sich dabei noch ein wenig in Martins Stimme verlieben.

phox_cover

PHOX erscheint am 29.08.2014 auf Partisan Records.

Konzerttermine:

03.09.2014 Hamburg – Prinzenbar
04.09.2014 Berlin – First We Take Berlin Festival
18.11.2014 Köln – Luxor
19.11.2014 Münster – Gleis 22
21.11.2014 Berlin – Privatclub
22.11.2014 Wien (A) – Bluebird Festival
25.11.2014 München – Atomic Café
29.11.2014 Zürich (CH) – Kaufleuten

Links:

Offizielle Homepage

PHOX auf Facebook

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