Espenlaub für Puristen – Mirel Wagner

Wir müssen über Hautfarbe reden. Weil all der schöne Schein der Gleichberechtigung aller Rassen und Geschlechter letztlich doch trügerisch ist. Denn noch immer bestimmen Herkunft und Aussehen die persönliche Entwicklung. Betrachten wir doch nur einmal das weite Feld der Musik. Indie-Rock-Kapellen etwa sind weltweit von den Spröss­lingen der weißen Mittelschicht dominiert. Die in westlichen Ländern reüssierenden Singer-Songwriterinnen sind in aller Regel porzellanblass und fragil. Rapper dagegen sind in angloamerikanischen Raum schwarz, in Deutschland überwiegend türkischer oder arabischer Abstammung. Und was wäre eine Euro-Trash-Truppe ohne Quoten-Schwarze? Neun von zehn Souldiven haben eine ganz bestimmte Hautfarbe. So bestätigt und festigt Musik jeden Tag neu all unsere Vorurteile. Ethnische Zugehörigkeit und sozialer Ursprung prädisponieren unser Tun, leider. Am augenscheinlichsten wird dies, wenn wir uns einer Ausnahme gegenübersehen. Nehmen wir etwa Mirel Wagner, eine junge Finnin äthiopischer Abstammung, die als Baby adoptiert und in der Vorstadtbeschaulichkeit Helsinkis sozialisiert wurde. Wagners Liedermachertum ist von Reduktion und stoischem Sehnen geprägt, einer ohne Fisimatenten tönenden Stimme wird eine meist akustische Gitarre beigefügt, die Grundstimmung mit der einen oder anderen bluesigen Note veredelt. Ihr zweites Album When The Cellar Children See The Light Of Day begeistert als zitterndes Espenlaub für Puristen, welche Sentimente ohne Popanz schätzen. Solch skelettierter Sound spottet nämlich Erwartungshaltungen, besetzt keinerlei Klischees.

When The Cellar Children See The Light Of Day zeigt sich als trübsinnige Platte, die das Leben oftmals als Gefängnis oder als von allen guten Geistern verlassen wahrnimmt. Unter diesem Aspekt knüpft sie an das 2011 erschienene Debüt an, welchem ich damals moribunde Schmerzschwere attestiert hatte. An der Gemütsverfassung wurde nicht gerüttelt, einzig die Produktion ist dem Homerecording-Ambiente entwachsen. Die stechende Schlichtheit des Ausdrucks ist geblieben, wie man bereits beim anfänglichen 1 2 3 4 zu erkennen vermag. Die im Titel angeführte Zahlenfolge bannt das gespannte und zugleich naive Warten auf eine unausgesprochene Katastrophe in mögliche Sekunden, Minuten, Stunden, Tage. So bedeutungsoffen das Lied wirkt, so scheint es am Grauen keinen Zweifel zu geben. Doch Wagner ergeht sich nicht nur in quälenden Innuendos, schon The Dirt gerät in seiner Hoffnungslosigkeit unzweideutig: „‚Cause you can’t drink the dirt/ Even if you wanna/ You can’t eat the dirt/ Even if you wanna/ You can’t breath the dirt/ Even if you wanna/ But you’ll be in the dirt/ You will be the dirt„. Die in diesem Lied zum Ausdruck kommende Todessehnsucht spiegelt keineswegs die romantische Depression einer dem Teenageralter kaum entwachsenen Sängerin wider, es ist eine Klage fernab westlicher Wohlstandszivilisation. Und in solch Tonart voller Düsterkeit geht es weiter. Wagner beherrscht die Fähigkeit, den Schmerz ihrer Figuren unter die Oberfläche zu packen. Hinter der Fassade lauten Lachens lauern traurige Augen, denen Geborgenheit und Heimat fehlt (Ellipsis). Wenn sie bei Oak Tree die Zeile „And I dream sweet dreams“ singt, ist das als Eskapismus aus einer absoluten Einsamkeit heraus zu verstehen. Denn den Träumen fehlt die Süße der Zuversicht, sie gleichen vielmehr schützenden Kokons, die die sie umgebende Tristesse irgendwie abschirmen sollen. Wagners Szenerien haben alle eines gemein. Ob unverhohlenes Elend, versuchte Weltflucht oder vorgegaukeltes Idyll, früher oder später münden sie im Schmerz. Mit In My Father’s House wird eine vordergründige Heimeligkeit aufgebaut („In my father’s house/ Everything is nice„), die sich zwischen den Zeilen nach und nach als Attrappe enttarnt, ehe „There’s a terror and it hides/ In my Father’s House“ dem Hörer einen Schlag ins Gesicht versetzt. Fast möchte man der Finnin Grausamkeit unterstellen, wenn im Song Dreamt Of A Wave die sie mitreißende Welle nicht aus Wasser, sondern vielmehr aus Fleisch, Blut und Gebeinen besteht. Es existiert kein Moment des Glücks, kein Nährboden für Hoffnung. Auch der lakonische Aufbruch von The Devil’s Tongue mündet in einem lapidaren, nicht bedauernden „I’ll go/ Where I don’t know/ But I’ll go„. Im zarten wie dunklen Gesang ruht beherrschte Emotion, die erzählt und erzählt, ohne das verstörte Ich jemals Oberhand gewinnen zu lassen. Wie also könnte Liebe im Verständnis einer Mirel Wagner aussehen? What Love Looks Like gibt mit der Strophe „This pain I breathe/ Has poisoned me/ Dreamt a dream/ Now I’m spitting bitter teeth“ die Antwort. Zwischen Ungläubigkeit und völliger Desillusionierung, zwischen Frage und zynischer Antwort fächert sich eine selbstzerstörerische Anleitung zum Unglücklichsein auf, die auch bei Taller Than Tall Trees hervorsticht. „I’ve climbed two thousand stairs/ Just to give you a kiss“ klingt mehr nach Mühsal denn Liebesglück. Dieser Song erinnert durchaus an einen gedämpfteren Track à la PJ Harvey. Mit dem abschiedsschweren Schlaflied Goodnight endet das Album mit einem in liebliches Piano getauchten Grusel, der sogar einem Stephen King wache Nächte bescheren würde.

Kehren wir nochmals zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurück. Ist es überhaupt bemerkenswert, dass diese Platte von einer schwarzen Singer-Songwriterin stammt? Ich meine schon. Denn auch die aufgeklärtesten Zeitgenossen werden nicht verneinen können, dass man Schwarze abseits von Soul-Pop, Blues, Rap und natürlich Weltmusik oder Jazz selten antrifft. Rock etwa ist ein fast völlig weißes Genre, für das klassische Liedermachertum gilt ähnliches. Es ist schade, dass es im 21. Jahrhundert noch immer sozialisierte Festlegungen gibt. Aus musikalischer Sicht spielt Hautfarbe freilich eine untergeordnete Rolle. Ob Mirel Wagner so und nicht anders klingen würde, wenn sie in Äthiopien oder etwa in New York aufgewachsen wäre, lässt sich nicht sagen. Dass sie freilich so singt, wie sie es auf When The Cellar Children See The Light Of Day tut, ist für den Hörer ein Glücksfall. Weil die entkernte Seele des Schmerzes im musikalischen Alltag schlichtweg viel zu selten anzutreffen ist.

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When The Cellar Children See The Light Of Day erscheint am 15.08.2014 auf Sub Pop.

Konzerttermine:

30.08.2014 Berlin – Torstraßenfest (Noisey/Kaiku Bühne)
03.10.2014 Wien (AT) – Waves Festival

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Espenlaub für Puristen – Mirel Wagner

  1. Interessantes Gedankenspiel.
    Dass man sich beim Gedanken ertappt „Dass So jemand solche Musik macht“ lädt die Musik von Mirel Wagner tatsächlich mit einer ganz eigenen Bedeutungsebene auf.
    Abgesehen davon ist sie auch einfach wunderschön.

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