In Zeiten wie diesen – Tiny Fingers

Es mag bessere Tage als die derzeitigen geben, um über eine israelische Band zu schreiben. Und auch wenn die im Folgenden vorgestellte Musik keine Rückschlüsse auf die Herkunft zulässt, keinerlei politisches Statement beinhaltet, kommt man an der israelischen Provenienz nicht vorbei. Israel ist wie praktisch kein anderes Land mit positiven wie negativen Assoziationen aufgeladen. Israelis nimmt die Weltöffentlichkeit in erster Linie als Staatsbürger und Mitglieder einer Religionsgemeinschaft wahr, erster in zweiter Linie wird er oder sie als Individuum mit Befähigungen angesehen. So wichtig ich es gerade im Bereich der Kunst finde, dass etwa Musiker (gesellschafts-)politische Positionierung vornehmen, so notwendig erscheint es mir im konkreten Fall, dass man bei israelischen Künstler nicht zuerst Botschaften oder Standpunkte wittert, sondern das Ohr an den Puls der Kreativität legt. Und davon hat beispielsweise die Formation Tiny Fingers durchaus einiges zu bieten. Das endlich auch in Deutschland erscheinende Album Megafauna imponiert durch seine hochenergetische Mischung aus Prog-Rock und Post-Rock.

Die instrumentale Platte verfügt dank aufheulender Gitarre und aggressivem Schlagzeug über eine ausgesprochen virile Dynamik. Diese brachiale, archaische Direktheit der Band wird durch ein irrlichterndes Keyboard gebrochen. So sehr Megafauna phasenweise auch vorwärtsprescht, so rätselhaft und obskur vermag es in der nächsten Sekunde schon zu tönen. Abwege werden eingeschlagen, Impuls und Kalkül greifen gekonnt ineinander. Als Highlight offenbart sich etwa das schrill gestrickte, psychedelisch befeuerte Demands, welches aus einer herben Grundstimmung heraus immer wieder Anlauf nimmt und sirenenhaft aufheult. The Reduction Wheel mutet wie eine durch Crystal Meth induzierter Amokfahrt von Außerirdischen quer durch einen galaktischen Hindernisparcours an. Dass sich dieser Sound immer wieder hochzupeitschen versteht, darf und muss man durchaus als rauschhaft erleben. All dem deftigen Krawumm steht oft eine von Synthies getragene Weltentrücktheit gegenüber. Speziell Cyclamens entpuppt sich als gezügelter, unheilvoll gemalter Track, der mehr auf subtile Ästhetik denn Wucht bedacht scheint. Gegen Ende beschert die Geisterbahnfahrt von El Dorados nochmals alle Qualitäten von Tiny Fingers: Einem stämmigen Groove wirken skurril jaulende, flirrende Effekte entgegen, auf verschlungenen Pfaden findet das Stück immer wieder zum forschen Motiv zurück.

Wer ein vertracktes, flinkes wie raues Album sucht, dem sei diese Platte ans Herz gelegt. Bei Megafauna werden – profan gesprochen – die Gehörgänge ordentlich durchgepustet. Tiny Fingers bestehen mit Elan und eskapistischen Anwandlungen. Speziell letztere kann man in Zeiten wie diesen durchaus gut gebrauchen. Die nächste Nachrichtensendung kommt ohnehin früh genug.

megafauna_cover

Megafauna ist am 25.07.2014 auf Anova Music erschienen.

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