Release Gestöber 58 (M185, earnest and without you, Pompeii)

M185

Im Grunde gibt es doch vier Sorten Bands. Zunächst die gemachten Acts, bei denen im Hintergrund ungezählte Hände herumfingern, um ein möglichst gutverkäufliches Produkt zu fertigen. Dann noch die vermeintlich selbstbestimmten, erfolgreichen Bands, die ihre Songs jedoch ganz und gar darauf ausrichten, was die Zielgruppe von ihnen erwartet. Keep the customer satisfied, oder so. Weiters existieren Legionen von Formationen, die ohne Plan und Talent drauflosträumen. Und schließlich findet sich noch eine kleine Schar derer, die einen ganz eigenen musikalischen Zugang ohne Kompromisse hegen und pflegen. In letztere Kategorie fallen M185. Ihr Indie-Rock wird mit Verve vorgetragen und von einzigartiger gesanglicher Lässigkeit geadelt, erschallt angeraut, verlärmt. Derart stark präsentiert sich die Wiener Formation, dass ich über die Platte Let The Light In 2011 nur positive Worte verloren habe. Schon damals unterstellte ich ihrem Tun eine gemütsaufhellende Wirkung. Und genau dies lässt sich auch manch Nummer des im Frühjahr erschienen neuen Album Everything Is Up attestieren. Noch immer verkörpern M185 all das, was Indie-Rock anziehend macht. Stehen für einen Sound, der nicht nach Erfolgsformeln grübelt, sondern den Spaß am forschen Spiel in den Vordergrund rückt, sich Marotten leistet. Zu den Highlights des Albums zählt Soon, das mit einem sympathisch-kauzigen, dem Big Muff huldigenden Video für Schmunzeln sorgt. Es ist ein ausgemachter Wohffühltrack, dessen quirliger Geist und eingängiges Wesen den Neunzigern entstammt. Ähnliches gilt es über ShShSh zu sagen, welches sich im Refrain herrlich deftig und groovig gibt. Wolfram Leitners immer wieder ins Sprechen abgleitender Vortrag ist das große Pfund der Platte. Während die beiden genannten Lieder unvermittelt zum Höhepunkt emporschnellen, tingelt Two-Tone Song (Out Of Here) im Kontrast von Rhythmussektion, Keyboard und einem auffällig erzählerischen Gesang dahin. Als weitere Glanzlichter eines ohnehin kurzweiligen Albums glänzen gegen Ende noch Spring Thing und das sich Mal für Mal stärker entfaltende Shuffled. In manch Momenten ist dies Stadionrock, der ums Verrecken keiner sein will und gerade darum besticht.

Man kann M185 für die impulsiven Riffs und den in der Fülle krachigen Sound ihrer Dreiminüter mögen, die jedoch stets auch Sperenzchen im Köcher haben, wie etwa das außer Rand und Band agierende Saxofon bei Russell. Oder man mag die tief schürfenderen, weniger komprimierten Titel schätzen, wie eben Two-Tone Song (Out Of Here) oder das sich entwickelnde L.O.V.E., welches mit krautiger Dynamik punktet. Was immer man auf Everything Is Up also präferiert, daran das M185 eine der derzeit besten Formationen aus Österreich sind, darf wohl nicht der geringste Zweifel bestehen.

everythingisup

Everything Is Up ist am 23.05.2014 auf Siluh Records erschienen.

Konzerttermine:

02.10.2014 Berlin – Magnet (Berlin Independent Night)
03.10.2014 Chemnitz – Nikola Tesla
14.11.2014 Regensburg – W1
18.11.2014 Hannover – Cafe Glocksee

earnest and without you

Beim Leipziger Label analogsoul darf man sich stets auf herausfordernde Veröffentlichungen einstellen, die minimalistisch über experimentell bis hin zu avantgardistisch anmuten. Leichte Kost wird man hier nicht vorfinden, die auf diesem Label beheimateten Künstler wollen den Hörer immer auch auf die Probe stellen, vollste Konzentration abverlangen. So auch das Berliner Duo earnest and without you, welches laut Pressetext folgendes zu bieten hat: „Synthetische Strukturen, gestoppt von akustischen Parts, Pausen, Zurückhaltung. Broken Beats verwoben und zerfasert von entrückten Gesangslinien. Fragmentierte Geschichten, Läufe werden abrupt gestoppt. Geschichtete Violinenspuren, die im Loop in sich zusammen-brechen, introvertierte Gitarrenfiguren, die atmen. Wundervolle Songs. Eigenständigkeit.“ Herrje, wie anstrengend, möchten da wohl in Nischenmusik wenig bewanderte Hörer ausrufen. Dabei versprüht das selbstbetitelte Debüt eine kühle Schönheit, die zu erfühlen keineswegs unmöglich scheint. Im Grunde stellen earnest and without you einen spröden weiblichen Gesang vor eine Kulisse, die mit Electronica-Klimbim ausstaffiert ist. Dazu gesellen sich noch Streicher, die gegen jede Seligkeit gebürstet wirken. Es sind bruchstückhafte, mitunter unbehagliche Träume, die sich mit jedem Track auftun. Das Album wird von einer Sehnsucht beherrscht, die sich in fragile Fantasien flüchtet („Did you ever try/ To hear a butterfly cry?„), an Illusionen bastelt („Dreams you’ll never let go/ Cause you know their names/ And how they keep you warm„) und zugleich um Erkenntnis ringt („Here in the sidewalk café/ Street noise from outside/ Is telling me some truths about my life„). Dieses Werk taucht somit in das Labyrinth eines verquasten Seelenlebens ein, wühlt sich durch ein in seiner Zerstreutheit vielleicht sogar vertrautes Durcheinander. Wir haben es bei earnest and without you mit nicht eben leicht verdaulicher, aber überwiegend spannender Musik für Desorientierte zu tun. So fordernd wie gelungen. Und komplizierten Gemütern als Tipp ins Stammbuch geschrieben! (Der Track wind and sky ist als kostenloser Download auf SoundCloud erhältlich.)

earnestandwithoutyou_cover

earnest and without you ist am 15.08.2014 erschienen.

Pompeii

Pompeii-2-HiRes_Sandy Carson
Photo Credit: Sandy Carson

Einen mit Post-Rock-Flair aufgemotzten, symphonisch opulenten und gern anschwellenden Sound hat die texanische Formation Pompeii auf ihrem für Oktober angekündigten Werk LOOM im Talon. Jener Alternative Rock ist in jeder Hinsicht aufgefettet, krallt sich an melodischem Schwelgen fest. Wenn man die Chose genauer taxiert, vermag man sich am Ende nicht mehr zu entscheiden, ob hier nicht sogar Post-Rock als verdaulicherer Alternative getarnt wird. LOOMs Sound lebt von solch Camouflage, die nur in einigen balladesken, allzu wonnigen Momenten auffliegt. In den starken Augenblicken jedoch perlen flirrende Gitarren erhaben, paart die Band Eleganz mit handfester Dynamik. Einen Vorwurf kann man Pompeii bei diesem über weite Strecken feinen Werk dennoch nicht ersparen. Dean Staffords Stimme neigt oftmals zu uncharismatischem Schmalspurgesang, hält der ausladenden Produktion nicht immer stand. Zu den Hightlights der Platte zählt der alle Register ziehende Titeltrack Loom. Natürlich tönt das Lied wie Sigur Rós ohne Elfenzauber – und warum soll es das denn nicht? Auch die Wucht der Single Blueprint überzeugt. Hier sind der gesangliche Ausdruck und ein druckvoller Sound auf einer Wellenlänge. Selbiges gilt für das hymnisch auftrumpfende Sleeper. Und so bleibt als Fazit die Erkenntnis: Wer sich nicht ausgerechnet dem Fetisch der reinen Post-Rock-Lehre verschrieben hat, wird mit Pompeii eine fast ungetrübte Freude haben. (Blueprint findet sich als Gratis-Mp3 auf SoundCloud).

LOOM erscheint am 14.10.2014 auf Red Eye Transit.

SomeVapourTrails

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