Unberechenbarer Grandseigneur – Mark Lanegan Band

Man hört es ja immer wieder, ein Musiker oder eine Band nehmen Dutzende Songs auf, von denen es dann eine handverlesene Auswahl auf ein Album schafft. Was jedoch geschieht mit dem Rest? Mit jenen Liedern also, die zwar als würdig genug angesehen wurden, aufgenommen zu werden, aber letztlich eben nicht für die Platte auserkoren wurden. Mitunter verwerten namhaften Acts dies auf Deluxe-Bonus-Special-Editionen, oder aber solche Ausschussware verharrt im Archiv und wird irgendwann einmal gleich einem Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Man denke etwa an an das vier CDs umfassende Tracks von Bruce Springsteen. Und auch The Cure sollen von ihrem letzten Album 4:13 Dream von 2008 noch die eine oder andere Aufnahme in petto haben, die demnächst doch noch die Plattenregale erblicken werden. Der famose Mark Lanegan hat sich dagegen einen anderen Zugang überlegt. Als Mark Lanegan Band veröffentlicht er die Überbleibsel auf einer EP namens No Bells On Sunday, kündigt damit das später im Jahr erscheinende Album Phantom Radio an. Herr Lanegan lässt somit ohne Not eine 5 Stücke umfassende EP auf den Hörer los. Angesichts der zahllosen Kollaborationen hat man aber ohnehin das Gefühl, dass kein Jahr verstreicht, in welchem der umtriebige Amerikaner nicht mit mindestens einem neuen Werk um die Ecke kommt. Diese Handvoll Songs muss also doch außergewöhnlich sein, wenn das Format EP bemüht und von der Länge her sogar ausgereizt wird.

Sehen wir uns also die Lieder doch mal näher an. Dry Iced etwa entpuppt sich als ein an Nick Cave erinnernder Song, der bekenntnisreich und einigermaßen bedrückt um die Ecke kommt. Dieser angenehm unterkühlte Titel würde jedem Album gut zu Gesicht stehen, ob es nun von Cave oder Lanegan stammt. Der getragene Titeltrack No Bells On Sunday zeichnet sich als angeschwülstete Synthie-Pop-Ballade samt Trip-Hop-Einschlüssen aus. All dies wird vom ermatteten, schwermütigen Gesang Lanegans konterkariert. Spätestens mit dem nachfolgenden Sad Lover entdeckt die EP neue Pfade. Hier geht es einerseits psychedelisch-spacig zu, zum andern steckt dieser Rock bis zur Hüfte im Sumpf. Derb wie fetzig vermag diese Nummer zu begeistern, sie könnte jede Platte als Single befeuern. Das folkige Jonas Pap schert abermals aus, setzt einen weiteren Reiz. Es wirkt wie ein sorgsam geschniegelter Traditional. Man wähnt sich inmitten eines dem Americana huldigenden Albums, so sehr wird gezupft und gestrichen. Den Vogel freilich schießt der Meister mit dem finalen Smokestack Magic ab. Während es zunächst ein ätherisch-elektronisch Schauermärchen abgibt, mit entrückten Synthies schwanger geht, kippt es im weiteren Verlauf hin zur aufgeheizten Kakophonie. In diesem forcierten Gemenge irrlichtert Lanegan herum, gibt den nervlich angeschlagenen, zweifelnden und Jesus Christus beschwörenden Prediger. Sagenhaft!

Tatsächlich zeigt No Bells On Sunday einen Sänger, der sich mit seinem demnächst 50 Lenzen endgültig zur Garde der großen Singer-Songwriter zählen darf. Dabei ist Lanegan im Grunde schwer greifbar, mal besticht er als Crooner, dann wieder steht er in der Tradition eines Tom Waits. Man muss somit vor diesem sehr wandlungsfähigen, stets unberechenbaren Grandseigneur den Hut ziehen. Und vermutlich offenbart sich jene Vielfältigkeit in einer wild zusammengewürfelten EP wie No Bells On Sunday sogar noch mehr, als sie das auf einem auf Kohärenz bedachten Studioalbum tun würde. Die EP wird zunächst nur auf Vinyl und als digitaler Download erscheinen, sie ist in der Folge auch als Deluxe-Aufputz von Phantom Radio eingeplant. Spätestens dann sollte man sich diese Lieder nicht entgehen lassen. Denn Mark Lanegan scheint endlich am Zenit angekommen. Und dies dank einer mickrigen EP!

nobellsonsunday

No Bells On Sunday erscheint am 22.08.2014 auf Heavenly Recordings.

Links:

Offizielle Homepage

Mark Lanegan auf Facebook

SomeVapourTrails

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