Und der Canasta-Club klatscht Beifall – Kyla La Grange

Wer möchte das nicht, irgendwann einmal im Rentneralter den Enkeln – zumindest aber den übrigen Mitgliedern des Canasta-Clubs – voller Stolz erzählen, wie man denn einst den Baustein gelegt habe, dass man nun im hohen Alter ein sehr gutes Auskommen finde. Und ich drücke der britischen Singer-Songwriterin Kyla La Grange wirklich beide Daumen, dass sie in 50 Jahren auf 2014 zurückblicken und ihr Zweitlingswerk Cut Your Teeth als finanziellen Durchbruch ansehen darf. Denn aus der künstlerischen Perspektive ist dieses Album doch ein großer Rückschritt in der noch jungen Karriere. Es fällt schlichtweg mainstreamig und fehlproduziert aus, kann sich nicht am überragenden Debüt Ashes messen, mit welchem sie mich zu begeistern wusste. „Kyla La Grange tritt mit Siebenmeilenstiefeln in die Fußstapfen einer Florence Welch! Und sie passen in der Tat wie angegossen.“ hatte ich anlässlich ihres Debüts notiert. Und das auf große Melodien, kräftige Gefühle und atemberaubenden Pathos zurückgeführt. Wo auf Ashes Drama-Pop mit folkiger Note zündete, präsentiert sich Cut Your Teeth in neuem Gewand, mit Synthies verbrämt und um keinerlei orchestrale Opulenz verlegen. Bei dieser Platte dominiert Kommerz statt Emotion.

Trotz dieser harschen Einschätzung lässt sich natürlich nicht leugnen, dass La Grange über jede Menge Talent verfügt. Man mag sich gar nicht vorstellen, was eine weniger auf die Charts schielende Produktion aus einem Song wie I Don’t Hate You gemacht hätte. Denn natürlich ist der Britin das Händchen für tränendrüsenbefeuernde bis liebesschwangere Stücke nicht abhandengekommen. White Doves etwa hätte als bittersüßer Abschied gut funktionieren können, wenn ihre eigentlich charakterstarke Stimme nicht zu oft in hohe, grotesk gezierte Lagen gesteckt würde. So dackelt die Chose leider im Popsternchenmodus dahin. Dazu gesellen sich noch Sperenzchen wie das Karibik-Flair von The Knife. Die Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Jakwob entpuppt sich so als Missverständnis erstes Ranges, weil der gitarrengestützte Sound von Ashes nun von Electronica noir abgelöst wird. Und dies scheint geradezu hanebüchern konterkariert vom gesanglichen Gesäusel. Einmal mehr möchte man bei einem Song wie Get It regelrecht heulen, weil der aufgebretzelte Synthie-Bombast diesem Lied den Todesstoß verpasst.

Kyla La Grange war bei Cut Your Teeth von A bis Z schlecht beraten und hat sich leider in eine künstlerische Sackgasse verrannt. Deshalb wäre ihr zu wünschen, dass sich die Britin schnellstmöglich wieder als Singer-Songwriterin begreift und vom Popstar-Traum Abschied nimmt. Bleibt zu hoffen, dass sich der Albumzweitling wenigstens gut verkauft und zum eingangs beschriebenen Altersszenario führt. Und wenn sie ihrer eigentlichen Berufung weiter folgt, wird sie dereinst ihrem Canasta-Club neben Moneten auch mit jeder Menge Stolz imponieren dürfen.

cutyourteeth

Cut Your Teeth ist am 15.08.2014 auf Sony Music erschienen.

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