Auf steinigen Wegen hin zum Glück – Where Did Nora Go

Der dramatische Moment einer Veränderung, die Phase tiefen Kummers, das selige, ewige Happy End. Es gibt viele Seelenzustände, über die sich Songwriter Gedanken machen, um sie in Musik zu kleiden. Das Album, über welches ich heute sprechen möchte, zeigt sich in manch Hinsicht recht unorthodox – und geht doch auf verschlungenen, steinigen Wegen einem glücklichen Ende entgegen. Im Vortrag und Sound scheint es irgendwo zwischen einer mit Rauchschwaden erfüllten Kaschemme und einer sanften Version von Alice im Wunderland angesiedelt. In den Lyrics dagegen spitzt die Platte Augenblicke der Erkenntnis und des Aufbruchs zu. Shimmer gerät zu einem Werk voll komplexer, wohlgestalter Ästhetik. Die unter dem Projektnamen Where Did Nora Go wirkende Dänin Astrid Nora hat mit ihrem zweiten Album ein ausgesprochen gediegenes Stück nordischer Singer-Songwriter-Kunst fabriziert. Shimmer kultiviert eine gegen den Strich gebürstete Kammermusik, kombiniert dies mit dezentem Ambient, entwickelt derart zwingende Emotion. Sehen wir uns das nun ein wenig genauer an.

Eingangs wird mit dem Spieluhren-Klingklang von Passing Through eine pittoreske Aura gemalt. Der Auftakt wirkt fast so, als hätte man beim Stöbern auf dem Speicher ein altes Buch gefunden, in dessen zeitlose Vergangenheit es nun einzutauchen gilt. Doch schon der Titeltrack Shimmer sabotiert jedwede schöngeistige Erwartungshaltung. Hüllt sich in die soulige Atmosphäre eines Nachtklubs, in dem gerade zuvor noch James Bond sein Unwesen getrieben hat. Aus diesem Zwielicht heraus ringt der Song mit seiner dunklen Biografie, will ins Licht („Pushing, bleeding,/ Fighting, waging wars/ I had left me behind long ago/ Yet through the gap a shimmer/ A shimmer in the black night„). Man könnte darin durchaus eine gelungene Mixtur aus Goldfrapp und Shirley Bassey sehen. Auch das nachfolgende Shelter ist auf der Suche, möchte vor all der Ungewissheit Schutz, Zuflucht für ein fragiles Ich finden („What I would do to find/ A room that I could call my own/ What I would do to unearth/ A room that could embrace/ My frail and changing, delicate heart/ My brittle sense of self„). Es tönt ein schwermütiges, ergriffenes Sehnen in vielen Liedern, welches nicht zuletzt vom omnipräsenten Cello Noras befeuert wird. Ein Verlangen freilich, das stets einen ersten zögerlichen Schritt macht, nicht in der geschönten Vorstellung von einem besseren Selbst erstarrt bleibt. Jene Intention tritt etwa bei Beating Drum zutage, wenn die Zeilen „Every footstep on the road I must take alone/ Every stride is one more step from what is known“ den Aufbruch wagen. Beating Drum wird von schrulliger Percussion und geschmeidigem Gesang geprägt. Noras Stimme gleicht der einer fiebrigen Sirene, die sich voll Erregung einem neuen Leben hingibt („The moment I gave in/ Was the moment I was lead/ The moment I surrendered/ Was the moment that I came alive„). Auf dieses rau getrimmte Lied folgt mit Taking Me Over eine erbaulich-klassische Ballade, die ein wiederkehrendes Motiv des Werks aufgreift. Denn der erste Schritt zum erfüllten Selbst besteht auf diesem Album oft darin, sich fallen zu lassen und in der Opulenz des Seins zu schwelgen. Als ein weiteres Highlight im Verlauf dieses Werks sticht I Have Wandered hervor, dessen in gewisser Weise fast höfische Instrumentierung entzückt. So entsteht einer jener pittoresken Augenblicke des Albums, in welchen schon mal Instrumente wie etwa Piano, Klarinette, Akkordzither, Harfe und Glockenspiel wunderbar aus der Zeit fallen. Der getragene Chamber Folk von Kankucho unterstreicht dies, verliert sich im Vogelgesang der Wildnis. Gegen Ende der Platte wabert mit Through Fire einmal noch gezügelt-divareskes Flair durch die Boxen, während In The Palm Of Your Hand das Dornröschen-Thema aufgreift („For years of ceaseless silence without end/ No trace of true salvation in sight/ Did I wait„). Aufbruchsstimmung macht sich breit: („But he said:/ ‚You should not have the slightest fear in heart/ For it is lack of courage that binds you/So come, my dear, do not fear‘„). Shimmer zielt mit jedem Song mehr auf einen Erweckungsgedanken ab, möchte Lethargie abschütteln, allen Irrwegen abschwören. Das finale Hearts of Hearts entwickelt dabei ein sanft leuchtendes Glücksgefühl, welches von Piano, Cello und Co. illuminiert wird. Wenn der Baum des Lebens in Licht getaucht und das Echo der Vorfahren gehört wird, findet eine endlose, orientierungslose Wanderschaft einen Abschluss.

Dieses Album entkommt der ruhelosen Unwirklichkeit hin in eine Realität der Zuversicht. Es sehnt und sehnt – und fällt nie ob der Last der Wünsche in sich zusammen. Where Did Nora Go ist ein sehr stilvolles Stück Erbauungsmusik gelungen, das kitschlose Hoffnung einfängt. Die Lieder von Shimmer gleichen Blättern eines Buches, das Seite um Seite auf ein Happy End zusteuert. Ein Happy End allerdings, welches sich aus der eigenen inneren Kraft und Erfüllung heraus entwickelt. Und sind die wahren Märchen nicht sowieso jene, die ohne Prinz zu Pferde auskommen?

shimmer_cover

Shimmer ist am 05.09.2014 via G-Records erschienen.

Konzerttermine:

29.10.2014 Potsdam – Nordlicht Klub Tour

30.10.2014 Berlin – Nordlicht Klub Tour

31.10.2014 Cottbus – Nordlicht Klub Tour

01.11.2014 Magdeburg – Nordlicht Klub Tour

Links:

Offizielle Homepage

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