Die Antwort auf viele Fragen – Orenda Fink

Traumdeutung und Tarot sind Dinge, deren Faszination mich nicht eben um den Schlaf bringt. Wenn nun eine von mir geschätzte Singer-Songwriterin ihre Träume zu sich sprechen lässt und sie zum Anlass einer spirituellen Reise nimmt, dann könnte man natürlich einen handfesten Esoterik-Trip dahinter vermuten. Eine Suche nach dem Sinn des Lebens wird zwar gesellschaftlich akzeptiert, dieser Tage jedoch vor allem wenn man dabei nicht allzu sehr in religiöse Gefilde abgleitet. Und so geraten viele Sinnsuchen zu einer Betonung trivialer Weisheiten, die den Wert von Liebe und Familie, die Notwendigkeit zur Entschleunigung und bewussten Wahrnehmung, die strukturierte Schönheit und Größe der Natur beschwören. Wenn man sich doch dazu hinreißen lässt, einen Gott zu suchen, vielleicht sogar die eigene Seele nach einem göttlichen Funken abzuklopfen, läuft die Chose oft Gefahr, mit Spott überhäuft zu werden. Die US-Amerikanierin Orenda Fink, als Teil des Duo Azure Ray Musikfreunden in aller Welt ein Begriff, durchforstet auf ihrem neuen Soloalbum Blue Dream Träume, forscht behutsam nach dem Göttlichen. All das zeitigt ein Gedanken und Empfindungen nachhängendes, wohltuend erwachsenes Dream-Pop-Album.

Zu Beginn des Albums gibt Ace of Cups die Richtung vor, bemüht eine Tarotkarte, die den inneren Einklang und die Spiritualität repräsentiert. An das Album definierenden Schlagwörtern mangelt es dem Lied nicht: Desire, Love, Hope. Der ausnahmsweise dezidierte Synthie-Pop des Lieds steigt in die Untiefen der Psyche hinab, dazu wispert Finks ätherische, makellose Stimme. So scheint die Grundstimmung dieses Albums bereits besiegelt. Mit dem ermunternd, tröstlichen You Can Be Loved wird eine große Qualität von Blue Dream endgültig offenbar. Hier ruht, meditiert, kontempliert eine Sängerin in Harmonie mit allen Sinnen. Die Zeilen „It’s what you take/ ‚Cause nothing ever goes/ How you want in life/ When beauty fades/ She’ll be its ghost/ So put your arms into mine“ strahlen tiefe Besonnenheit aus. Man möchte fast meinen, dass Fink für sich Antworten auf viele, viele ihrer Fragen gefunden hat. Und aus diesem Gefühl heraus vermag sie dann auch This Is a Part of Something Greater zu singen – oder im balladesken Folk-Pop von You Are a Mystery einen Engel anzurufen („You are the sun and the moon and the rain and the wind/ And the change that our eyes can no longer see„). In den Schichten jenes andächtigen Gesangs und im wehmütigen Wimmern einer Singenden Säge steckt ein vor Geborgenheit strotzende Empfindung von Transzendenz. Im folgenden, geradezu feierlichen Holy Holy wird all dies noch verstärkt, das irdische Sein als Zwischenstufe verstanden („We come into this world all alone/ And we leave with not much more„), der Tod als Aufbruch in eine bessere Existenz wahrgenommen („The city lies under frozen ground/ And your heart beats in the clouds now„). Fink versucht den Brückenschlag zwischen den verschiedenen Seinsformen, Diesseits und Jenseits für einen erhabenen Moment zu verbinden, in einer Erinnerung oder Hoffnung zu verweben. An diesen Liedern mögen atheistisch veranlagte Menschen vielleicht zu schlucken haben. An anderen Songs dagegen, wie dem im Träumen aufgehenden Titeltrack Blue Dream oder einem mit glucksender Gitarre vorgetragenen Sweet Disorder, wird man sich schwerlich stoßen mögen. Poor Little Bear schließlich bringt dem so in sich ruhenden Album eine kindliche Trauer. All der bislang selig vorgebrachte Trost wird von schierem Verlust weggewischt („My little bear/ You can’t be lost/ It isn’t fair„). Gegen den Schmerz des Todes existiert kein probates Mittel, der Verlust wirkt übermächtig – und lässt nur allgegenwärtige Trauer zu („In the moonlight/ In the daytime/ I think of your name/ My poor little bear„). Mit jenem Lied erhält die Platte Gewicht, begreift Schmerz, vermittelt Traurigkeit. Erst dadurch erlangt das gesamt Album seine Glaubwürdigkeit, erst dadurch wird der beschwörerische Wunsch und die feste Zuversicht von All Hearts Will Beat Again mit Leben erfüllt!

Dieser traumleichte Dream-Pop imponiert mit einem hell schimmernden Gesang. Blue Dream ist verglichen mit ihren bisherigen Solowerken das bis dato stimmigste. Solch bestens ausgestaltetes Songwriting hat man auf Plattenlänge bislang eher bei Azure Ray oder Finks Nebenprojekt O+S erlebt. Ihr mittlerweile dritter Alleingang zeigt eine nochmals gereifte Orenda Fink, die eine sehr ehrliche und aufrichtige Sinnsuche alleine schultert und dabei nie in Esoterik-Klimbim oder in religiösen Eifer abgleitet.

bluedream

Blue Dream ist am 29.08.2014 auf Saddle Creek erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Orenda Fink auf Facebook

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Die Antwort auf viele Fragen – Orenda Fink

  1. Tarot wird leider immer wieder dazu benutzt, um die Zukunft vorherzusagen, was es natürlich nicht kann. Ich sehe es eher so, dass Tarot dir nur sagen kann, was ist, bzw. warum es so ist. Denn es verhält sich wie mit der Traumdeutung: Bestimmte Symbole werden vom Lesenden so interpretiert, wie es das eigene Unterbewusstsein interpretieren will. Tarot als Hilfe in der Psychoanalyse, sozusagen. Ein Thema, mit dem ich mich derzeit intensiv beschäftige. Was war die ursprüngliche Intention, war es eine Art primitive Psychoanalyse und wie können wir es heute nutzen, ohne dabei auf Esoquatsch zurückzugreifen. Aber ich schweife ab. Wie dem auch sei, Dreampop geht immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.