Ein Herz, das zwickt und zwackt – Erland & The Carnival

Ein Herz, das zwickt und zwackt. Dazu flausendes Grübeln im Kopf und ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Sophisticated Pop war noch selten kompliziert gefühliger. Der britischen Formation Erland & The Carnival ist so ein feines, feines Werk gelungen. Dabei hatte schon 2011 das Vorgängeralbum Nightingale für Entzücken gesorgt. Jene Platte vermochte psychedelischen Britpop und skurrile Folktronica zu kredenzen, weswegen ich Erland Cooper, Simon Tong und Konsorten als traurige Harlekine bezeichnete. Mit dem nun endlich veröffentlichten dritten Album Closing Time wurde der zuvor praktizierte Rock und die eingestreute groteske Note von einem kultivierten, leidenden Pop abgelöst. Coopers feierliche Stimme trägt meist eine Träne im Knopfloch – und das meine ich keinesfalls abschätzig. Dazu gesellt sich ein kammermusikalischer Sound, der die bekenntnishafte und eingeständnisreiche Würde des Werks unterstreicht.

Mit den ersten Klänge des Titeltracks Closing Time wird die Ästhetik des Albums aufgefächert, die wiederholt an eine Mischung aus The Divine Comedy und Get Well Soon erinnert. Cooper klingt so waidwund wie entschlossen, wenn er den Refrain „Closing Time/ Time to get you out of my mind/ Time to get you out of my life/ Nothing lasts forever“ intoniert. Das Zusammenwirken von melancholischer Ergriffenheit und streicherischer Opulenz durchzieht fast das gesamte Album. Auch der eher quirlige Folk-Pop von Wrong offenbart ein malträtiertes Gemüt, das sich in Selbstanklage und Bitterkeit suhlt und zugleich dennoch nicht die gesangliche Contenance verliert. Coopers Pein hat Stil. Ebenso bei Quiet Love, das unentschieden zwischen Einsamkeit und Zweisamkeit schwankt („I quite like to be alone/ I don’t mind where I fall/ Yet I need your quiet love/ It’s all I’m living for„). Cooper gibt den gepflegten Dandy, der sich der Mode seelischen Ungleichgewichts verschrieben hat. Er kokettiert mit unangepasstem wie lässigem Außenseitertum. Und selbst Momente des Glücks, wie man sie in der von Herzschlag erfüllten Piano-Ballade Radiation erspäht, erfahren eine Unwirklichkeit, eine Intermezzohaftigkeit. Die Zeilen „It’s a hard life but it’s all new/ I’m so glad I found you“ funkeln mit großen Augen erträumt, von Zerbrechlichkeit durchdrungen. Is It Long ‚Til It’s Over? fasst die Flatterhaftigkeit des eigenen Gemüts zusammen, misstraut letztlich der Handhabung von Gefühlen. Immer stärker entpuppt sich das lyrische Ich Coopers als ausgemachter Gefühlslegastheniker. Birth Of A Nation ist der charmanteste, aufgeweckteste Track des Albums. Nochmals kommt mir The Divine Comedy in den Sinn. Die salopp vorgetragene Worte „I just want to feel/ That the tears we cried before/ Were not wasted in our hearts /But collected in some secret place“ entfalten eine poetische Hoffnung. Dieser Song ist keineswegs der stärkste der Platte, aber zweifelsohne der erfolgsträchtigste. That’s The Way It Should Have Begun (But It’s Hopeless) zelebriert – unter Synthie-Geflitter und verzerrten Gitarren – das Versagen in der Liebe richtiggehend. Das scheint auch die Lesart, mit der man einen Großteil der Platte zu empfinden und zu genießen vermag. Nicht jedoch das finale Daughter. Es ist mehr als ein Wiegenlied zu begreifen, das laut Pressetext unter dem Eindruck von einer halben Flasche Whiskey und der erstmaligen Vaterschaft Coopers entstand. Es gerät zum Augenblick von Closing Time, in dem die Selbstzentriertheit aller Gefühle plötzlich von der Platte abfällt, endgültig einer Liebe weicht, die bedingungslos und todernst wirkt. All die ausgeklügelte, raffinierte Larmoyanz bekommt einen Kratzer im Lack. Man staunt und ist dem Album nah wie nie!

Erland & The Carnival ist ein ungemein hintergründiges Werk gelungen, das Gefühle schon mal durch den Vexierspiegel jagt. Erland Coopers Stimme ist dabei die eines Crooners, der auf Fragilität anstatt Schmelz setzt. Closing Time durchschreitet ein Tal der Tränen, gibt sich dabei jedoch nie gramgebeugt, vielmehr schlendert es adrett gekleidet und in aufrechter Haltung hindurch. Ich bin begeistert und ziehe den Hut: Chapeau!

closingtime_cover

Closing Time ist am 29.08.2014 auf Full Time Hobby erschienen.

Konzerttermine:

11.11.2014 Zürich (CH) – Rote Fabrik
12.11.2014 München – Atomic Café
13.11.2014 Berlin – Comet Club

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