Ein Vergleich verbietet sich – Dry The River

Ursprünglich wollte ich die folgenden Gedanken zu Alarms In The Heart, dem neuen Album der Londoner Formation Dry The River, unter das Motto „Die neuen Snow Patrol“ stellen. Aber es wäre schlichtweg unfair, der Band die Last eines solchen Vergleichs aufzubürden. Denn Snow Patrol haben seit 10 Jahren großen kommerziellen Erfolg, sind der beste Beweis dafür, dass man im Mainstream Fuß fassen kann, ohne dabei in die Kacke zu treten. Dry The River dagegen stehen erst am Anfang einer Karriere. Und natürlich ist ihr Folk-Rock samt hymnischen Chamber-Pop-Anleihen nicht samt und sonders mit Snow Patrol vergleichbar. Doch beiden Bands ist ein Frontmann gemein, dessen sonore, helle Stimme über ungeahnte Dynamik und fragile Herzenswärme verfügt. Was Gary Lightbody für Snow Patrol ist in noch größerem Maß Peter Liddle für Dry The River. Liddle behält sich stets die Unschuld und das Staunen eines Chorknaben. Deshalb erscheint mir Alarms In The Heart auch dazu prädestiniert, viele Menschen zu durchdringen. Weil es so echt wirkt, das Herz rührt und bricht.

Das erste Lied einer Platte ist immer auch ein Versprechen, dass das, was da noch folgt, die Zeit und Aufmerksamkeit wert ist. Der Titeltrack Alarms In The Heart freilich ist mehr als ein Versprechen, nämlich sogar dessen gleichzeitige Einlösung. Gleich die erste Strophe gerät anrührend: „Our dialogue ended before I intended/ I had to let go/ But I hope you’re well/ I see you around the neighbourhood/ it’s just so hard to know„. Und zu all dem Liebeskummer gesellt sich auch noch das Gefühl, dass sich die böse Welt gegen einen verschworen hat („Half the town are underground/ And half are halfway there/ And we’re the only good ones left„). Im Refrain schließlich wird der pastorale wie beschwörerische Ton nochmals feinjustiert: „I heard it before now/ That we don’t listen very much/ To alarms in the heart, love„. So tönt halb Hymne, halb Abgesang. Es besticht als unauffällig edel arrangiertes Stück, das neben der folkigen Grundinstrumentierung Orgel und Bläser auffährt. Roman Candle wiederum überzeugt als schmachtendes, angeschwülstetes Duett, bei dem Liddle zusammen mit Emma Pollock in einem Liebesstrudel versinkt. Med School lässt Liddles Charisma besonders hervortreten. Wo man aufgrund der Lyrics eigentlich nur das Gejammer eines Stalkers vermuten möchte, der seinem Opfer sogar in den Seziersaal der Universität nachschleicht oder in die Bibliothek folgt, vermag der Gesang das Bild eines liebeskranken Verehrers zu zeichnen, der um Erlösung fleht („Help me/ Whisper it for me/ Now that the time’s come/ I’m losing my nerve, love/ Under your spell„). Die erste Hälfte des Albums beschließt das nicht minder Gänsehaut erzeugende It Was Love That Laid Us Low. Und wer nun glaubt, dass Dry The River das Pulver bereits verschossen hätten, wird in der zweiten Hälfte eines Besseren belehrt. Dieses Album zählt zu den ganz wenigen, bei denen quasi jedwedes Lied aus spezieller Großartigkeit geschnitzt ist. Spätestens bei Gethsemane muss ich hervorheben, dass man die Texte der Platte selten durchschaut. Wo die Lyrics eines durchaus für die Charts geeigneten Albums meist unzweideutig knackig oder herzlich vage bleiben, sieht man sich hier mit feierlich-kruden, biblisch-mächtigen Bildern konfrontiert („Testify allegiance with more punctured wounds than Jesus„). Gethsemane ist anfangs solenn und poetisch, ehe es mit großem Gestus die Rock-Keule schwingt. Andacht und epische Wucht vermögen in gut vier Minuten den Hörer völlig zu überwältigen. Ähnliches lässt sich auch bei Rollerskate feststellen. Geradezu spielerisch wird zwischen einer pfiffigen Melodik à la The Smiths, einem satten Gitarrengewitter und Liddles zerbrechlichem Eingeständnis „I couldn’t want you more than this“ gewechselt. Mit dem nervösen Kraft von Everlasting Light sind Dry The River endgültig in den Gefilden des Alternative Rock angekommen. Rauer und schmissiger wird die Chose nicht mehr. Solch ein Track entert Charts, kriegt ganze Stadien rum. Als mein persönlicher Favorit hat sich jedoch das Lied Vessel entpuppt, das zu lamentierenden Streichern und schillernden Gitarren fast störrisch die Worte „I don’t wanna be your vessel anymore/ I don’t wanna be your vessel anymore/ These are my words, this is my mouth/ I don’t wanna be your vessel now“ intoniert. In dem würdigen, quasi aus einem Märchen gefallenen Pathos schwingt trotzige, heilige Unbeugsamkeit mit. Zum Niederknien! Am Ende funkelt mit Hope Diamond nochmals eine unnachahmliche Patina aus pittoresker Entrücktheit und verquerem Rhythmus, verpasst dieser edlen Platte ein grandioses Finale.

Allmusic hat in der Besprechung zu diesem Album eine Stärke der Londoner Formation ganz richtig erkannt: „Dry The River’s best asset is the conviction with which they sell each moment“. In der Tat ist die Band mit einer seltenen Überzeugungskraft gesegnet, die den unvoreingenommenen Hörer geradezu heimsucht. Dazu gesellt sich noch Liddles gesanglicher Wohlklang. Das was Dry The River ausmacht, scheint nicht einmal mit einem Schwall von Adjektiven wirklich zu erklären. Auch deshalb wäre es unangemessen, die Band als die neuen Snow Patrol zu verkaufen. Denn mit Alarms In The Heart haben sie sich locker in eine eigene Liga katapultiert.

alarmsintheheart

Alarms In The Heart ist am 22.08.2014 auf Transgressive erschienen.

Links:

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SomeVapourTrails

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