Eine Neugeburt des Pop – My Brightest Diamond

Ich möchte versuchen, die Kirche im Dorf zu lassen. Einfach ist das jedoch nicht, denn das Album This Is My Hand ist für mich eine Art Neugeburt des Pop. Es begeistert als avantgardistische Pop-Platte, deren erste Hälfte zum edelsten gehört, was mir in den sechs Jahren, die dieser Blog nun besteht, so in die Ohren gekommen ist. Shara Worden ist mit ihrem Projekt My Brightest Diamond längst kein Geheimtipp mehr. Aber mit dieser Großtat wird aus einer einer starken Singer-Songwriterin eine waschechte Ikone. Natürlich leben wir in fragmentierten Zeiten, in denen sich die Musik längst nicht mehr hinter einer Handvoll Idole schart. Diese virtuose Platte freilich vermag Spuren zu hinterlassen. Wenn man sie begreift, wenn man es denn wirklich möchte. Eines der hervorstechenden Merkmale des Werks besteht darin, dass es ein weibliches Bewusstsein jenseits aller Klischees und Trivialitäten transportiert. Frau wird hier nicht zur Gefangenen des eigenen Emotionshaushalts, präsentiert sich nicht als wie Espenlaub zitterndes Wesen, das dem Unbill tiefer Gefühle ausgeliefert scheint. Zugleich ist Worden die Gestalt des aufgesexten Vamps fremd. Sie schlüpft in eine Rolle, die weder erduldende Passivität noch überschminktes Domina-Gehabe kennt. Auch mädchenhafte Blümchenmuster wird man vergeblich suchen. Ihre Attitüde variiert vielmehr zwischen nüchternem Selbstbewusstsein, ambivalenter Bekenntnishaftigkeit und poetischer Wucht.


My Brightest Diamond – „Pressure“ (Official… von scdistribution

Wenn ich dieses Album grob umreißen müsste, würde ich von einer Mixtur sprechen, zu deren Ingredienzien unter anderem St. Vincent, Eurythmics, Feist, Björk und sogar ein bisschen PJ Harvey zählen. My Brightest Diamond steht somit in der Tradition starker Stimmen, die sich kein X für ein U vormachen lassen. Gleich zu Beginn der Platte katapultiert Pressure das Werk bereits in höchste Höhen. Dieses Lied entwickelt sich aus groteskem Marching-Band-Zinnober, dem Worden einen mit varietéhafter Exzentrik ausgestatteten Gesang gegenüberstellt. Die Zeile „I tried to do it all right I went down down down/ Workin’ hard little delight/ I forgot the sound of diamonds“ will den Tretmühlen entfliehen, stattdessen im Glitzer schwelgen. „All of this pressure’s makin’ diamonds“ erweist sich als schillernder Stoßseufzer. Die mit Pressure angestoßene Tour de Force wird durch Before the Words fortgesetzt. Es entpuppt sich als Tanzboden-Pop der intellektuellen Sorte, der das Bewusstsein nach Art und Weise des eigenen Ausdrucks durchgrübelt („Before the words there was the voice/ Before the verse there was the sound/ Before the form there was the music„). Und immer weiter modelliert das Album die eigene Gestalt, Psyche wie Körper. Wagt eine knallharte Selbstfindung ohne Guru oder Pilgerspaziergang. Worden setzt allen Wohlfühlfloskeln eine geradezu exhibitionistische Selbstanalyse entgegen. Speziell der Titeltrack This Is My Hand gerät zur Offenbarung: „This is my thigh, this is my sex/ This is my hip, this is my breast/ This is my shadow, this is my hate/ This is my line, this is my doubt/ This is my gloom, my flame, my joy, my aim to love„. Die Wurzeln von Existenz und Antrieb wurden im Pop selten klarer konturiert. Wie Synthies, Percussion und Bläserfanfaren im dezenten Zusammenspiel dem Song zusätzliche Dichte und unwiderstehliche Dringlichkeit verleihen, das funktioniert schlicht überwältigend. Und doch kommen wir erst jetzt zum allerbesten Lied einer bislang schon grandiosen Platte. Lover Killer besticht als gedämpfter Disco-Art-Pop, der zwischen Sinnlichkeit und dem Stochern in den Eingeweiden schwankt („On the one side I can dream my future/ On the other I can feel my nature/ I am a lover and a killer„). Worden gibt eine atemberaubende Femme fatale ab, auch beim dramatisch aufgewühlten I Am Not the Bad Guy. Nach dieser ganz besonderen ersten Hälfte entschleunigt die Platte zusehends, gerät mitunter ätherisch, bleibt jedoch in der Ästhetik verschroben. My Brightest Diamond knabbert einmal mehr an der menschlichen Ambivalenz, etwa wenn sich Shape zwischen zärtlicher Hingabe und einer gewisslichen Bedrohlichkeit bewegt („You’ll never know how I may appear/ First time I’m like a kiss/ Next time I come in force„). Wo im ersten Teil noch die Selbstanalyse im Vordergrund steht, rückt nun immer stärker eine Hinwendung zum Wir in den Fokus. Resonance mit seiner nervösen Tribal-Percussion ringt mit der Sehnsucht nach einem Widerhall, nach Verständnis. Es mag als unbefriedigendes Ende des Werks erscheinen, wenn Wordens anfangs selbstbewusstes, handlungsstarkes lyrisches Ich plötzlich die liebende Verschmelzung sucht, sich in bittersüßen, poetisch ziselierten Träumen ergeht (Apparition). Doch vielleicht steht am Ende des Durchforstens des Egos tatsächlich der Wunsch, die eigenen Grenzen durch eine Verbindung zu erweitern.

Shara Worden taugt bei aller Verkünstelung natürlich nicht zur schrillen Pop-Göre im Stile einer Lady Gaga. My Brightest Diamond ist eher schon die Antithese des Pop, weil die dem Pop vielfach grundgelegte Oberflächlichkeit einer experimentellen Verkopftheit weicht. Dazu gesellen sich mit Argusaugen betrachtete und auf ihre Ernsthaftigkeit abgeklopfte Sentimente. This Is My Hand zeichnet sich durch große Kreativität und eleganten künstlerischen Ausdruck aus. Es ist ein superb gefertigtes Album samt spannender Vision, die das Ich überwindet. Für mich steht daher als Fazit fest: Eine notwendige Neugeburt des Pop kann nur so – und nicht anders – aussehen!

thisismyhand

This Is My Hand ist am 12.09.2014 auf Asthmatic Kitty erschienen.

Konzerttermine:

21.10.2014 Hamburg – Knust
22.10.2014 Berlin – Postbahnhof

Links:

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