Ohne evangelikales Frohlocken – Xenia Kriisin

Gospel-Chöre im Pop sind eigentlich nur selten eine gute Idee. Weil sie die Chose entweder ganz und gar überschmalzen oder aber mit allerlei Erweckungstamtam um die Ecke kommen. Im Falle der Schwedin Xenia Kriisin wirkt der bei vielen Liedern vorherrschende Chorgesang jedoch stimmig. Hymn, der Titel ihrer Platte, ist somit programmatisch zu verstehen. Aus allerlei folkloristischen und eben gospeligen Elementen sowie Anleihen bei Leslie Feist und Ane Brun formt Kriisin schimmernde Balladen, tröstliche Erbauungsmusik und percussionlastigen Kunstpop. Doch so sehr man diesen stimmungsvollen Sound sogleich mögen kann, so undurchdringlich entpuppen sich zunächst die Texte. Sie offenbaren einen eigentümlichen Mix aus der Beschäftigung mit dem Lebensende, religiöser Schwärmerei und einer apokalyptischen Gott-ist-tot-Klage. Wer nun den Braten zu riechen glaubt, dem sei versichert, dass es sich um keinen plump-christlichen Pop handelt, der die Last des Lebens immer mit dem Verweis auf Jesus vom Tisch wischt. Denn solche Art von Musik geht selbst mir als Katholiken mächtig gegen den Strich.

Schauen wir uns doch die Glanzlichter des Album kurz näher an. When The Sea etwa hat sich ohne Frage von Metals, dem 2011 erschienen Werk von Feist, inspirieren lassen. Tribal-Rhythmik trifft auf Power-Hymne, die Lyrics umkreisen ein Weltuntergangsszenario („When hunger strikes us all/ When spring turns into fall/ When the prophet turns to all/ And reveals the truth/ That’s when I’ll come for you„). Anfangs ätherisch gestrickt, vom dumpfen Brummen einer Elektro-Orgel untermalt besticht Firearms in der Folge aus kraftvoll aufheulende Ballade. Der nicht minder martialische Titel One Shot In His Back erweist sich als mulmiger Gospel, der auf eine Tragödie zusteuert („It all turned black/ So now he’s lying on the ground/ With one shot in his back„), gegen Ende etwas von dem Flair eines Leichenzug im Südstaaten hat. Auch das den Tod mit einem sachten Hallelujah empfangende Psalm II sollte hervorgehoben werden. Die Zeile „You were not born to die“ fasst den Erlösungsgedanken der christlichen Religion wunderbar zusammen. Wie Kriisins allgegenwärtiges Zitherspiel zusammen mit einem Frauenchor eine Atmosphäre der Behaglichkeit schafft, das zählt zu den eindrücklichsten Momenten dieses bewusst anders gestrickten Werks. The End bildet quasi ein Gegenstück zu der Versonnenheit von Psalm II, etwa bei der in einen pittoresken Sound gehüllten Strophe „Commandments ten we did receive/ But broke them all and God he grieved/ He slowly dies and leaves his faith/ And so do we do not believe„. Solch stimmungsvolle Abgesang ist von der gediegeneren Sorte, entlarvt den Zweifel, tappt nicht in die Falle, alles mit einem Jesus-liebt-dich abzutun.

Xenia Kriisin ist ein interessantes, edles Album gelungen, dass sich an Themen wagt, die Pop in der Regel nicht unbedingt aufgreift. Dazu vermeidet Hymn die eingangs beschriebenen Fettnäpfchen, welche Gospel so oft birgt. Man sollte es der Schwedin hoch anrechnen, dass sie eine dem Zeitgeist zuwiderlaufende Platte aufgenommen hat, die Religion nicht als Übel begreift, zugleich freilich nicht in evangelikales Frohlocken verfällt. Wer sich nicht gerade als lupenreinen Atheisten bezeichnet, könnte von der Aura dieses Werks durchaus angetan sein.

hymn_xenia_kriisin

Hymn ist am 22.08.2014 auf Luxury erschienen.

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