Release Gestöber 59 (Wooden Arms, LaBrassBanda, Russian Red)

Wooden Arms

Mit Chamber Folk weihevollen, andächtigen Zuschnitts vermag die englische Formation Wooden Arms zu imponieren. Ihr ob der Kürze fast eher zur EP taugendes Album Tide verkörpert geradezu den Moment, in welchem der Ruhepuls einen Tick nach oben schnellt, wenn er vom Zustand eines seligen Erstaunens angetrieben wird. Dank kammerorchestralem Gehabe zeigt es sich als sanfter Sinneskitzler und Seelentröster, kurzum als die Sorte Platte, die das letzte Mosaiksteinchen beschert, um mit dieser so vertrackten Welt in Einklang zu kommen. Das Einnehmende des Sound erläutert die Formation in einer prägnanten Selbstbeschreibung: „Classical instrumentation meets modern melody.“. Ein wohltemperiertes Piano, elegante Streicher, erhebender Chorgesang, derart funktioniert Tide.

Als Highlights dieses mit sechs Liedern und knapp über 27 Liedern kurz und bündig gehaltenen Werks kristallisiert sich beispielsweise der Opener December heraus, dessen unterkühlter Opulenz einem ausgesprochen waidwunden Gesang gegenübersteht. Vicenarian als geschmeidig tänzelnder, aus der Zeit gefallener Song sticht ebenfalls hervor. Der Titeltrack Tide entwickelt sich von einer Streicher-Kakophonie hin zu einer versonnenen Hymnik von erlesener Schönheit. Doch Wooden Arms können auch melancholisch und lakonisch sinnieren, wie das abschließende False Start belegt. Ein sachter Wohlklang durchzieht die Platte von Anfang bis Ende. In den eindringlichsten Passagen gleicht dieses Debüt sogar einer zärtlich geflüsterten Beschwörung. Aber vielleicht ist gerade all das auch der kleine Makel einer an sich tadellosen Scheibe. Dass die Anmut dieses Chamber Folks eine Nuance zu offensichtlich ausfällt, belastbare Emotionen dadurch in den Hintergrund treten. Wer sich freilich vor allem an einem pittoresken Sound aus Piano, Trompete, Cello, Gitarre und gedämpftem Schlagzeug erfreuen möchte, wird Tide als funkelndes Kleinod überaus zu schätzen wissen.

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Tide ist am 12.09.2014 auf Butterfly Collectors erschienen.

LaBrassBanda

Man muss natürlich aufpassen, dass man die vermeintliche Trumpfkarte bajuwarischer Urigkeit nicht überreizt. LaBrassBanda leben davon, volksmusikalisch und weltoffen und modern zu sein. Bei ihnen geht zusammen, was nicht für einander geschaffen scheint. Und bislang tönt die Chose noch angenehm frisch. Auch auf ihrem neuen Album Kiah Royal, das live und akustisch in einem Kuhstall – also quasi standesgemäß – aufgenommen wurde. LaBrassBanda haben sich auch illustre Gäste eingeladen, Rocko Schamoni beispielsweise – oder den Haudegen Stephan Remmler. Tatsächlich versprüht diese im Zeichen der Blasmusik stehende Neufassung von Keine Sterne in Athen allerfeinste Alpen- und Beziehungstristesse. Doch mehr noch weckt sie Sehnsucht. Ein Remmler hat sowohl mit Trio als auch solo der deutschen Musikgeschichte schließlich so manche Unvergesslichkeit geschenkt. Bleibt zu hoffen, dass es von Remmler mal wieder ein neues Album zu vermelden gibt. Bis dahin sollte man sich an diesem Auftritt erfreuen. Denn selbst wenn die Kuhstallmasche von LaBrassBanda natürlich durchschaubar ist, so wird sie mit Charme und Verve und Authentizität vorgetragen. Wenn es dem Hörer also jetzt in der Lederhose juckt, dann wird es wohl der Geldbeutel sein.

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Kiah Royal erscheint am 26.09.2014 auf RCA Deutschland.

Russian Red

Fiebriger, inbrünstiger Achtziger-Pop aus Spanien, der keine Sekunde lang auf die Idee kommt, irgendwelche südlichen Klischees zu bedienen. So klingt Lourdes Hernández, die sich unter dem Namen Russian Red hoffentlich anschickt, mit ihrem Album Agent Cooper hierzulande zu reüssieren. Russian Red scheint mit zwei Indie-Folk-Pop-Platten bereits einige Fans gewonnen zu haben, auf ihrem dritten Werk jedoch weicht das Indie zugunsten eines auf Synthies und Gitarren fokussierten Pop, der in den stärksten Augenblicken die Vergangenheit vollendet. Somit Lieder beschert, die in der guten, alten Zeit geschrieben scheinen. Damals, als Emotionen noch vermehrt eine Seele hatten! Ich übertreibe nicht, wenn ich Agent Cooper zum perfekten Ü-30-Pop erkläre. Und weil dieses Album so gelungen ist, werde ich demnächst noch einige Zeilen darüber verlieren. Bis dahin gilt, dass ein Song wie John Michael – nicht nur, aber vor allem – Kinder und Teenies der Achtziger jubilieren lässt. Diese Zeitreise lohnt!

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Agent Cooper ist am 19.09.2014 auf Sony Music erschienen.

SomeVapourTrails

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