Schüchtern, flügge und doch direkt – Mo Kenney

Wenn man sich in diesen schnelllebigen Zeiten auf etwas verlassen kann, dann wohl auf das eherne Gesetz, dass die Uhren der Plattenfirmen noch immer mit beamtischer Ruhe ticken. So erscheint dieser Tage hierzulande das gleichnamige Debüt der kanadischen Singer-Songwriterin Mo Kenney, während in ihrer Heimat bereits der Countdown für ihren Zweitling In My Dreams läuft. Es hat also zwei Jahre gebraucht, bis das erste Album den Weg nach Europa gefunden hat. Dabei muss man sich nicht einmal die Ohren putzen, um das Talent der Kanadierin zu erlauschen. Sie vermag mit fröhlichem bis nachdenklichem Indie-Folk-Pop zu punkten und auch in Folk-Rock-Gefilde vorzustoßen. Die Platte wirkt angenehm schnörkellos instrumentiert, neben der prominenten Akustikgitarre sind gerade einmal Bass, Schlagzeug, E-Gitarre und Piano mit von der Partie. Ein weiterer gar nicht heimlicher Trumpf des Werks ist Kenneys Stimme, der das kanadische Magazin Exclaim! die Qualitäten einer Cat Power zugestanden hat. Darüber hinaus hat Exclaim! eine richtige Feststellung gemacht: „Kenney wears her coming-of-age trials as a badge of honour“. Und exakt diese Attitüde prägt über weite Strecken den Charme dieses Debüts!

Wer in das auf dem Cover abgebildete Gesicht schaut, blickt auf eine burschikose, gerade dem Teenageralter entwachsene Frau, die fast ein bisschen schüchtern aus der Wäsche schaut. Das steht durchaus in Widerspruch zu einem selbstbewussten Vortrag, wie er schon beim lieblichen Opener Eden zu hören ist. Kenney vermengt jugendlichen Schalk mit flügger Nachdenklichkeit und großer Direktheit. Sucker etwa gefällt als ungläubig geäußertes Staunen, dass einen Liebesabschied nicht begreifen kann, ihn mit einem lässigen Kompliment („I’m a sucker for your face„) ungeschehen machen möchte. Und trotz aller Traurigkeit und Sehnsucht („Well I stood in an empty street today/ Carving your name into the clay/ Why’d you have to go away?/ Why’d you leave me in this way?„) wird man doch vom Gefühl beschlichen, dass sich die Protagonistin nicht unterkriegen lässt. The Great Escape offeriert eine weitere Stärke der Kanadierin. Sie kann über so viel mehr als nur die Liebe singen. Wie sie ein Verharren in Ängsten und die Scheu vor Wagnissen beschreibt, wie sie all die vielversprechenden Verlockungen mit wenigen Worten wegwischt („It’s a beautiful day/ To be so far away/ In the night we’ll/ Set the world on fire/ You’re afraid of the dark/ And I am just afraid„), zeugt von großem Talent. Als weiteres Glanzlicht der Platte entpuppt sich das mit Bluesrock gefärbte Scene Of The Crime. Spätestens mit diesem Lied wird ein musikalischer Facettenreichtum augenscheinlich, wie man ihn auf einem Debüt schlichtweg nicht erwartet. Kenney gibt immer wieder mal das Stehaufmännchen, das aus seinem Herzen keine Mördergrube macht: „When I see you walk away/ I pretend to feel some kind of pain/ I was always a pretty good actor, anyway/ I don’t feel tired, I don’t feel shy/ I haven’t gone a day without telling a lie/ and my conscience feels no weight„. Das countryhafte The Happy Song verkörpert die eingangs geschilderten Attitüde am besten, überspielt trotzig all die schmerzhaften Erfahrungen des Heranwachsens. Ähnlich pfiffig fällt Déjà Vu aus, dessen Refrain Anleihen an Sixties-Pop nimmt. Ein schmissiger Ohrwurm! Diesem folgt mit Five Years das Cover eines nicht eben unbekannten Songs von David Bowie. Es ist eine im Wissen um das Ende fast euphorische Weltuntergangsfantasie. welche Kenney mit viel eigenem Charisma zum Leben erweckt. Ausgerechnet mit dem letzten Song schießt sie dann endgültig den Vogel ab. So sehr sie auf dem Album auch zeigt, dass sie mehr als ein Stimmchen mit Klampfe ist, gerät ausgerechnet der reduzierte Gitarren-Folk von Carnivore zum besten Track des Debüts. Es wirft jegliche Unbekümmertheit über Bord, gibt sich so vorsichtig und schüchtern, geradeso wie der Blick von der Plattenhülle wirkt. Dem einleitenden Bekenntnis „Everything leading/ To this point in my life/ Has made me so careful/ I’m afraid to go outside“ folgt mit der Strophe „Carnivore’s a gentleman/ A mind like the businessmen/ He’ll eat you alive/ And he’ll spit out your bones/ So don’t close your eyes/ When you’re out on your own“ eine Beklemmung, welche wunderbar fragil und spröde anmutet.

Zusammen mit ihrem Produzenten Joel Plaskett, der in Kanada großes Re­nom­mee als Musiker und Songwriter genießt, ist Mo Kenney ein Debüt nach Maß gelungen. Es atmet eine Frische und experimentelle Neugier, die sich ein Erstling noch leisten darf. Zugleich wirkt es herrlich ausgebufft und in der Ausgestaltung der Themen reif. Bleibt zu hoffen, dass das Ende September in Kanada erscheinende In My Dreams nicht wieder zwei Jahre braucht, um über den Atlantik zu uns zu schippern. Einen ersten Vorgeschmack darauf wird man zweifelsohne schon bei den Konzerten der anstehenden Deutschland-Tour Kenneys bekommen. Ein Besuch lohnt!

mokenney_cover

Mo Kenney erscheint am 12.09.2014 auf New Scotland Records.

Konzerttermine:

16.09.2014 Berlin – FluxBau
18.09.2014 Hannover – Feinkost Lampe
19.09.2014 Hamburg – Neidklub (Canadian Blast – Reeperbahn Festival 2014)
20.09.2014 Hamburg – Angie’s Nightclub (Reeperbahn Festival 2014)
21.09.2014 Bremen – Moments Bremen
22.09.2014 Münster – Pension Schmidt
23.09.2014 Berlin – Privatclub
25.09.2014 Köln – Die Wohngemeinschaft
27.09.2014 Stuttgart – Cafe Galao
28.09.2014 München – Milla Club
02.10.2014 Wien (A) – Vienna Waves
05.10.2014 Bernau – Siebenklang Festival

Links:

Offizielle Homepage

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