Altersstarrsinn lohnt! – Erasure

Erasure sind sehr lebendige Relikte. Ihr überwiegend für den Tanzboden ersonnener Synthie-Pop hat sich in der mittlerweile fast 30 Jahre währenden Karriere als ausgesprochen konsistent erwiesen. Sie sind meist bei dem geblieben, was sie ohrenscheinlich am besten können. Auch als der Zahn der Zeit die großen Chartserfolge weggenagt hat, haben die Herren Andy Bell und Vince Clarke nicht an der eigenen Attitüde gezweifelt. Kontinuität – verbunden mit einer gewissen geistigen Frische – lässt Erasure vergleichsweise gut altern. Bells Organ tönt noch immer glockenklar wie am ersten Tag und auch Clarke sind die zündenden Ideen nicht ausgegangen. Dem mittlerweile 16. Studioalbum The Violet Flame gelingt es somit einmal mehr, leidenschaftlich übers Tanzparkett zu fegen. Viele der Acts von vor 25 Jahren haben das Pferd lange schon totgeritten, dieses Duo hingegen schafft es noch immer, ein Ja zum Leben, weltumspannende Verbundenheit sowie Liebesleid und Liebesfreud zu zelebrieren.

The Violet Flame legt schon mit Opener Dead Of Night den perfekten Start hin. Der Track besticht als ärgerlicher, in seiner Deutlichkeit bedrohlicher Abschied, der an all der Bitterkeit keinen Zweifel lässt („Been too many times you’re forgiven/ Now you cry as is you are the victim/ Sooner or later it’s all gonna break ya/ Catch up behind you and then overtake you„). Dead Of Night ist eine an goldenen Erasure-Zeiten erinnernde Anti-Hymne, die mit der stotternden Wucht des Refrains gleich anfangs jedwede mild-gestimmte Nostalgie vom Tisch wischt. Quasi als Gegenstück dazu erweist sich das nachfolgend platzierte Elevation, das vor erhebenden Glücksgefühlen strotzt. Mit diesem euphorischen Dancefloor-Stampfer hat das Duo etwaigen zukünftigen Best-of-Alben einen weiteren Fixpunkt hinzugefügt. Und die Chose geht fein weiter, denn Reason gefällt als schmissig gehaltene, unverbrüchliche Liebeserklärung („You are the reason I live/ You are the reason that I forgive„). Nach einem derartigen Auftakt fühlt man sich dem Geist der Band ganz und gar verbunden, Erasure tönen so einnehmend wie eh und je. Vielleicht ist das sogar das eigentliche Erfolgsgeheimnis. Das Duo weckt Sympathien, vermittelt dem Hörer stets das Gefühl, diese Party gemeinsam zu schaukeln. Allüren? Fehlanzeige! Im Verlauf des Albums taucht schließlich die eine oder andere Ballade auf, denn auch darauf haben sich die Zwei stets verstanden. Be The One scheint in dieser Hinsicht das Non­plus­ul­t­ra, dank Clarkes geschmeidigen Synthies und den hingebungsvollen und zugleich gänzlich unkitschigen Lyrics („Ooh life only lasts but a moment/ Sometimes we’re the lost, we’re the lonely/ Waiting arms forever hold me tight/ We will walk to the end of time/ To the edge of the world and sky/ Come and stand in the setting sun/ Be the one„). Ähnlich lebens- und liebesbejahend gibt sich Sacred, das die Botschaft von Be The One auf die Tanzfläche trägt. Wer um Bells HIV-Schicksal weiß, wird sich hüten, die Botschaft solch Lieder als x-ten Aufguss von Habt-euch-all-lieb-Geträller abzutun. Gegen Ende sorgt Smoke and Mirrors abermals für einen Kontrapunkt, wenn Friede, Freude, Eierkuchen von pathetischem Beziehungsschmerz eingeholt wird. Aber Erasure sind Überlebenskünstler, die auch in der Krise nie den Takt verlieren. Den Tanzboden weiter befeuern, während Bell „I can be my own worst enemy“ singt (Stayed a Little Late Tonight).

The Violet Flame belegt, warum Erasure nicht als fleischgewordene Dinosaurier von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und Baumarkteröffnung zu Baumarkteröffnung tingeln. Weil Passion und kreatives Potential nach wie vor spürbar sind, weil sie mit einer gewissen Sturköpfigkeit an ihrer musikalischen Vision festhalten, an ihr Tun glauben, sich nicht Launen und Moden unterwerfen. Solch Altersstarrsinn lohnt. Erasure sind weiter die, die sie schon immer waren. Und das ist gut so.

thevioletflame

The Violet Flame ist am 19.09.2014 auf Mute erschienen.

Konzerttermine:

04.12.2014 Köln – Palladium
05.12.2014 Dresden – Schlachthof
07.12.2014 Hamburg – CCH1
09.12.2014 Berlin – Columbiahalle

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Altersstarrsinn lohnt! – Erasure

  1. Bell klingt noch divenhafter als in meiner Erinnerung. Das macht sich ganz gut, und für Erasure hatte auch ich immer eine latente Schwäche. Vor allem aber ist die Review eines solchen Albums an dieser Stelle an sich eine schöne Sache.

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