Begnadetes Alterswerk einer Ikone – Marianne Faithfull

Die Ikonen von gestern taugen oft nur als belächelte Relikte, die in der Gegenwart dahinvegetieren und als Mahnmal der Vergänglichkeit durch eine indignierte Öffentlichkeit vagabundieren. Was wurde eigentlich aus…? ist eine Rubrik, die im besten Falle Nostalgie, im schlimmsten Falle Betroffenheit erzeugt. Umso erfreulicher erscheint es mir, wenn eine der spannendsten, biographisch gebeutelsten Figuren der Musikszene im zarten Alter von 67 Jahren eine ganz starke Platte veröffentlicht, die Logik einstigen Ikonentums somit durchkreuzt. Marianne Faithfull ist mit Give My Love to London ein reifes Alterswerk gelungen, das mit Beiträgen aus dem Who’s who der Musikergilde aufwarten kann. Nick Cave, Anna Calvi, Roger Waters, Tom McRae, Leonard Cohen und Steve Earle haben dem Songwriting dieser Platte Leben eingehaucht. Doch hat die Crème de la Crème nicht nur Songs beigesteuert, mit Adrian Utley (Portishead), Ed Harcourt, Warren Ellis (Dirty Three, Nick Cave and the Bad Seeds) stand jede Menge musikalische Kompetenz im Studio zur Verfügung. Sogar ein Brian Eno hat für Backing Vocals vorbeigeschaut. Produziert wurde das Album von Rob Ellis, dem Leibproduzenten von PJ Harvey, und Dimitri Tikovoi, der in der Vergangenheit etwa Placebos Meds unter seine Fittiche genommen hat. Wem angesichts all der Namen der Kopf schwirrt, sollte sich schlichtweg merken, dass bei Give My Love to London mehr als nur ein goldenes Händchen Hand angelegt hat. Und doch wäre alles Zutun Schall und Rauch, würde Faithfulls mal kratzig-intensiver, mal knorrig-abgeklärter Vortrag nicht zünden. Das aber tut er.

Gleich der eröffnende Titelsong Give My Love to London deutet an, dass Faithfulls stimmliche Furchen nicht für einen Abgesang auf ihr Sein herhalten sollen, eher schon für eine Abrechnung mit Vergangenem. Die einleitenden Zeilen „So give my love to London/ Say I’ll be there soon/ Meet in Piccadilly/ And we’ll dance by the light of the moon“ deuten auf eine Liebeserklärung an eine Stadt hin, deren Image in letzter Zeit ohnehin arg ramponiert scheint. Im Verlauf des Songs wird daraus jedoch eine aufgekratzte Revanche. Der Opener gerät zu einer triumphalen Heimkehr in eine Stadt, die ihr früher arg zugesetzt hat. Als Herzstück der Platte offenbart sich das von Waters verfasste Sparrows Will Sing. Es fasziniert als Fantasie einer besseren Zukunft („The new generation is eager to master the helm/ They cannot be seduced by this candyfloss techno hell/ They put over the helm and a fresh breeze fills the sails„). Man will diesem Erstehen aus gesellschaftlichen Ruinen („The assassins and priests like mythical beasts will surely fade away„) so gerne Glauben schenken. Faithfulls apodiktischer Sprechgesang, ihr zärtlicher Schlachtruf „Callooh, Callooh Callay„, all das untermalt von einem sacht köchelnden Alternative, daraus geht einer der zuversichtlichsten Momente dieses Musikjahres hervor. Mit der bitteren Erkenntnis „The one who has been wronged/ Is always the last to know/ The one who breaks the bond/ Is the first to go“ setzt sich die eingangs bereits angesprochene Rückschau bei True Lies fort. Aller Schmerz einer bewegten Vita bricht sich Bahn, kulminiert in einem kraftvollen Hier und Heute, welches belegt, dass sich Faithfull nicht hat unterkriegen lassen. Die von Streichern und Piano bestrittene Ballade Late Victorian Holocaust scheint Cave ihr geradezu auf den Leib geschneidert zu haben, sie geriert sich als vordergründig süße Reminiszenz, die es allerdings versteht, mit all den pittoresken Erinnerungen abzuschließen, sie zu begraben, der Vergangenheit zu überlassen. Das ist das eigentlich Schöne an Alterswerken, dass der bittere Unterton und der herbe Gesichtsausdruck nicht länger gespielt werden müssen, dass das aufgesetzte jugendliche Leid von einer natürlichen Vergänglichkeit abgelöst wird. In der Zusammenarbeit mit Anna Calvi kehrt Faithfulls lyrisches Ich in die Gegenwart zurück, wenn es noch immer nach dem Liebsten sucht (Falling Back). „Too many hearts have never seen love’s face“ ist eine so schöne wie mit Weisheit ausgestattete Zeile. Gegen Ende der Platte ist es das martialische Mother Wolf, das nochmals an die gesellschaftliche Komponente von Sparrows Will Sing anknüpft. Mother Wolf denkt in Gut und Böse, stellt einem menschlichen Wir ein abgrundtief sadistisches, selbstsüchtiges Ihr gegenüber. Es ist ein archaischer Track, der einem Nick Cave verdammt gut gefallen müsste, obwohl der Titel überraschenderweise nicht aus seiner Feder stammt. Wie Faithfull diese Nuancen aus Verachtung und Anklage einerseits und beschwörendem Humanismus andererseits ausspeit, zählt zu den stärksten Stimmungen der Platte. Nicht unterschlagen möchte ich auch Faithfulls Cover von Cohens Going Home, eben weil es einen zwiespältig Eindruck hinterlässt. So elegant der ungewöhnlich gebrechliche Vortrag auch ausfällt, so viel passender die Lyrics scheinen, wenn sie von ihr vorgetragen werden, so selig der brummende Chor tönt, so wirkt die Ikone von einst hier für ein einziges Mal mit vielen, vielen Runzeln behaftet. Auch darin besteht Größe.


Marianne Faithfull – Falling Back von MarianneFaithfullTV

Dieser Tage befindet sich Marianne Faithfull auf Tour. Eine Tour, die damit beworben wird, dass es unfassbare 50 Jahre her ist, dass sie mit As Tears Go By ihren ersten Hit hatte. Faithfulls Legendentum liegt bis heute freilich weniger in ihrem musikalischen Wirken begründet als in dem Umstand, dass sie eine Überlebende der revolutionären Sechziger ist. Sie hatte den Mix aus Drogen und Rebellion allerdings nur haarscharf überstanden. Sie wird bis heute auf die Gefährtin Mick Jaggers, ja überhaupt auf das Gesicht einer vergangenen Epoche reduziert. Diese Wahrnehmung blendet das aus, was Faithfull vor allem und bis heute war und ist: Eine großartige Interpretin, eine starke Songwriterin, eine charismatische Persönlichkeit. Give My Love to London fängt all diese Talente ein. Es ist ein von vielen begnadeten Helfern mitgetragenes Alterswerk, wie es im Buche steht. Mögen noch viele solche Platten folgen!

GiveMyLoveToLondon

Give My Love to London ist am 26.09.2014 auf Naïve erschienen.

Konzerttermine:

23.10.2014 Zürich (CH) – Volkshaus Zürich
25.10.2014 Monthey (CH) – Théâtre du Crochetan
15.11.2014 München – Circus Krone
16.11.2014 Wien (AT) – Konzerthaus
25.11.2014 Berlin – Tempodrom
26.11.2014 Hamburg – Kampnagel

Links:

Offizielle Homepage

Marianne Faithfull auf Facebook

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