Bestandsaufnahme eines Tausendsassas – PeterLicht

Das perfekte Konzert? Begeistert es durch die Wortlosigkeit zwischen den einzelnen Liedern, durch einen puristischen Fokus auf Musik, der keinerlei Small Talk erlaubt? Oder zeichnet sich ein Konzert dadurch aus, dass der Musiker zum Entertainer mutiert, der den Flickenteppich der Lieder zu einem großen Ganzen moderiert? Beide Extreme vermögen mitunter zu überzeugen. Problematischer dagegen erscheint ein Wischiwaschi dazwischen. Was für Konzerte gilt, verhält sich bei Live-Alben auch nicht anders. Ich bin nicht unbedingt der größte Verfechter von Konzertmitschnitten. Dieser Tage jedoch wurde angesichts der Doppel-CD Lob der Realität schwach, denn sie nicht weniger als das, was ich mir unter gelungenem wie unkonventionellem Einfangen von Live-Atmosphäre vorstelle. Und das ausgerechnet von PeterLicht, der vielleicht unnahbarsten Gestalt des deutschen Pop. PeterLicht treibt die Ambivalenz von öffentlicher Person und privater Existenz auf die Spitze. Er ist der, der in einer durchmedialisierten Zeit seinem Tun kein Gesicht gibt. Er ist der, der Anonymität als Markenkern definiert hat. Der das Spiel des Musikgeschäfts mitspielt – doch nach seinen eigenen Regeln. PeterLicht scheint nicht nur unnahbar, sein Schaffen ist ebenfalls schwer fassbar. Er gibt einerseits den Autor, der sich in die Niederungen des Ingeborg-Bachmann-Preises herablässt, macht andererseits Pop mit politischer wie auch zur Groteske neigender Singer-Songwriter-Attitüde. Dass er am Anfang der Karriere gleich mit Sonnendeck einen unvermuteten Hit verbuchen konnte, mag all die Dinge erst ermöglicht haben. Lob der Realität gerät somit zur Bestandsaufnahme eines Vielseitigen.

Einer der Knackpunkte dieser Platte ist wohl das Stück Der Arbeitgeberpräsident kommt auf eine Idee. Wenn PeterLicht in einem über 10 Minuten dauernden Monolog Gesellschaftskritik nicht etwa mit gerechtem Zorn und geballter Faust äußert, sondern die asoziale Haltung eines ehemaligen Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände absurder Lächerlichkeit preisgibt, wird die satirische Schärfe augenscheinlich. PeterLicht steht dabei in der Tradition eines Wiglaf Droste oder eines Max Goldt. Und wie er in der Folge bei Benimmunterricht (Der Arbeitgeberpräsident) eine gesangliche Interaktion mit dem Publikum initiiert, viele Kehlen in diese Ver­hoh­ne­pi­pe­lung miteinstimmen lässt, zählt zu den Höhepunkten des Doppelalbums. Ebenso wie das Lied vom Ende des Kapitalismus, dessen Zeile „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner/ Is uns lang genug auf der Tasche gelegen“ aus dem utopischen Abgesang hervorsticht. Doch darf man PeterLicht keineswegs auf den eindimensionalen Status eines linken Liedermachers mit Humor reduzieren. Er beherrscht auch die Ergründung der Sehnsucht (Alles was Du siehst gehört Dir), entwickelt Fantasien des Grotesken (Fuzzipelz, Die transsylvanische Verwandte ist da). Einflüsse aus der Hamburger Schule treffen auf NDW-Gestus, ein Funny van Dannen schaut auch mal um die Ecke. Und das Publikum hängt PeterLicht völlig an den Lippen, eskaliert freudig, sobald dadaistische Erzählungen aus dem Ruder laufen (Der Hosengott), stimmt ein ins kakophonische Mantra Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich wären noch die Momente voll Magie, etwa wenn Wir sollten uns halten live zu einer Luftschlösser bauenden, fragilen Hymne ummodelliert wird, sich von der Originalversion auf Das Ende der Beschwerde abhebt. Somit fasst Lob der Realität also nicht etwa das Schaffen eines Tausendsassas zusammen, es überwindet jegliche Distanz, zeigt einen PeterLicht, dessen Poesie auf der Bühne ganz und gar glitzert und funkelt („Diese Nacht sollten wir bleiben/ Diese Nacht im Komaland/ Und wir sollten uns halten/ Wenn wir auseinandergehen„).

Lob der Realität erstrahlt als in seiner chaotischen Fülle großartiges Live-Album, das seine Intention perfekt umsetzt. Wie sich Agitation und Reflexion abwechseln und sich Satire und Träumereien die Klinke in die Hand geben, wie Kunst und Gefühl einander umarmen, verrät mehr über die Person PeterLicht, als dies der Klarname oder das Weiße im Auge offenbarende Fotostrecken je tun könnten. Darum macht die Platte Sinn. Sowohl für den ausgewiesenen Fan als auch für den Unbeleckten. PeterLicht entpuppt sich als einer, der live aus dem Schatten tritt und seine Kunst zum vollkommenen Erlebnis steigert. Wie staunenswert!

lobderrealitaet

Lob der Realität ist am 03.10.2014 auf staatsakt erschienen.

Konzerttermine:

29.10.2014 Wien (AT) – Schauspielhaus
07.11.2014 Osnabrück – Lagerhalle
09.11.2014 Hamburg – Kampnagel
12.11.2014 Karlsruhe – Tollhaus
13.11.2014 Luzern (CH) – Schüür
21.11.2014 Nürnberg – Staatstheater
10.12.2014 Schorndorf – Manufaktur
18.12.2014 Frankfurt – Mousonturm
19.12.2014 München – Schwere Reiter

Links:

Offizielle Homepage

PeterLicht auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.