Der Triumph der Geschichte, das zweite Kapitel – Oasis

(What’s the Story) Morning Glory? verdeutlicht einen Triumph der Geschichte. Als Oasis ihren Zweitling im Oktober 1995 veröffentlichten, wurde das Werk von einigen Musikkritikern geschmäht. Zumindest aber in seiner Strahlkraft hoffnungslos unterschätzt. In der britischen Zeitung The Independent wurde Noel Gallagher gar als diebische Pop-Elster bezeichnet. Im reputablen Melody Maker wurde die Besprechung der Platte mit der Überschrift „Tale Ending?“ eingeleitet und mit den Zeilen „So what’s the story? Lots of moments, but too many quarters of an hour in between. Oasis are fallen, fallen short of the stars. They sound knackered.“ beendet. Doch natürlich klangen Oasis auf dem Album nie und nimmer geschafft oder erschöpft. (What’s the Story) Morning Glory? sollte gar zum Referenzwerk des Britpop geraten. Wo die Musikkritik damals also jämmerlich versagt hat, vermag die historische Einordnung dieser Platte mit der angemessenen Ehrfurcht zu begegnen. Was einst wie ein Strohfeuer wirkte, entpuppt sich in der Rückschau als großes Feuerwerk. Bis heute ist diese Scheibe unter den Top 5 der meistverkauften Alben in Großbritannien. Mit Recht!

Nachdem das Debüt Definitely Maybe im Mai bereits auf 3 Silberlingen aufgefächert wurde, steht nun eine 3 CDs umfassende Special Edition von (What’s the Story) Morning Glory? zur Würdigung an. Wie schon zuvor wurden auch hier B-Seiten, Extra-Tracks, Live-Aufnahmen und Demoversionen dem eigentlichen Album hinzugefügt. Sie zeichnen das gesamte Stimmungsbild einer Band, die mit dieser Platte Großbritannien und nebenbei noch fast die gesamte Welt eroberte. Da es mittlerweile nicht mehr an Lobhymnen auf das Werk mangelt, sehen wir also lieber den Mehrwert dieser Special Edition an. Schon mit der ersten, im April 1995 veröffentlichten Single Some Might Say erklommen Oasis erstmals die Spitze britischen Charts. Diesem epochalen Track wurden als B-Seiten die Songs Talk Tonight, Acquiesce und Headshrinker beigefügt. Ersterer ist ein akustischer, von Noel gesungener Song der unscheinbaren Sorte. Acquiesce scheint da ein wohl interessanterer Titel, auch weil sich die Gallaghers hier am Mikrofon abwechseln. Wäre der Refrain einen Tick pfiffiger ausgefallen, hätte der Song dem Album keineswegs geschadet. Headshrinker ist Some Might Say sogar ebenbürtig, besticht als Nummer, die den Rolling Stone zum Urteil kommen ließ: „Oasis missed their true calling as pure glam-rock revivalists.“. NME dagegen konstatierte hinsichtlich Acquiesce und Headshrinker: „Oasis were as punk as anyone since Nirvana.“ So wird deutlich, dass Oasis geradezu verschwenderisch mit ihren B-Seiten umgegangen sind. Wer das Ende der Neunziger veröffentlichte B-Seiten-Best-of The Masterplan kennt, wird dieser Einschätzung kopfnickend zustimmen. Neben all diesen Stücken, die jener ersten Single in der regulären Version beigefügt waren, hatte die japanische Single-CD sogar eine Coverversion des Beatles-Klassikers You’ve Got to Hide Your Love Away zu bieten. Auch solch eine Perle findet sich auf Disc 2 dieser Special Edition. Mitte August des Jahres 1995 brachten die Gallaghers mit Roll With It die zweite Auskoppelung auf den Markt. Es sollte zum Showdown mit den ebenfalls als Aspiranten auf den Britpop-Thron angetretenen Blur kommen, die am selben Tag das Lied Country House ins Rennen schickten. Dieser medial befeuerte, vermeintliche High Noon wurde von Noel und Liam mit der ihnen eigenen Zurückhaltung betrachtet (O-Ton Noel: „I hate that Alex and Damon. I hope they catch Aids and die.“). Roll With It musste dennoch mit dem zweiten Chartsplatz vorliebnehmen, Blur trugen den Sieg davon. An den B-Seiten hat es abermals nicht gelegen. It’s Better People ist ein aufgeräumt-akustischer Song, bei dem sich Noel als Sänger verwirklicht. Und Rockin‘ Chair lässt erahnen, wie die Mannen in einem Anflug von Bescheidenheit geklungen haben, wenn sie sich einen Moment lang nicht als Inbegriff von Genie und Wahnsinn verstanden. Bald nach dem Erscheinen von (What’s the Story) Morning Glory? wurde im Oktober 1995 die dritte Single Wonderwall veröffentlicht. Aus heutiger Sicht gleicht es einer Majestätsbeleidigung, dass es Wonderwall auch nur auf Platz 2 der Charts brachte. Die Spitze blieb einem als Robson & Jerome wirkenden Schauspielerduo vorbehalten, die in einer populären TV-Serie namens Soldier Soldier eine Interpretation von Unchained Melody trällerten und deshalb Mitte der Neunziger mit einer Reihe von Coversongs große Popularität erlangten. Heute kräht längst kein Hahn mehr danach, doch dem heute legendären Wonderwall blieben die Weihen des Nummer-1-Hits verwehrt. Dabei waren auch die übrigen Stücke allesamt stark. Round Are Way lässt Oasis einmal mehr und geradezu fröhlich die inneren Beatles austoben, während der in zwei kurzen Schnipseln bereits auf dem Album intonierte, instrumentale The Swamp Song nun satte vier Minuten dahinjault. Mit The Masterplan verhält es sich laut einer Anekdote wie folgt: Nachdem der Boss der Plattenfirma The Masterplan angehört hatte, versuchte er Noel Gallagher davon zu überzeugen, dass dieses Lied viel zu gut sei, um als B-Seite verbraten zu werden. Noel hatte die Antwort „Well, I don’t write shit songs!“ parat. Wobei er solch Verschwendung später selbst bereute und bereits erwähnte B-Seiten-Zusammenstellung The Masterplan nannte, wodurch der üppig instrumentierte Track eine völlig verdiente Würdigung erfuhr. Bei der vierten Auskoppelung Don’t Look Back in Anger erfuhr die balladeske Britpop-Hymne ihre Vollendung. Das ausnahmsweise von Noel Gallagher vorgetragene Lied erklomm im Februar 1996 die Spitzenposition der britischen Charts. Und wieder ließen sich Oasis bei den B-Seiten nicht lumpen. Da wäre zunächst Step Out zu nennen, dessen Refrain Anleihen bei Stevie Wonders Uptight (Everything’s Alright) nimmt. Auch wegen Wonders Forderungen kam der wie ein in die Saiten dreschender Derwisch tönende Song nicht für das Album in Betracht. Dem gelegentlich geäußerten Vorwurf, wonach sich Noel Gallagher Kompositionen gern bei anderen Musikern bedienen, lässt sich entgegensetzen, dass Noel aus seiner Bewunderung für die Beatles nie ein Geheimnis gemacht und manch Einfluss als Hommage angesehen werden darf. Die tatsächlichen Plagiatsfälle kann man an einer Hand abzählen. Als weitere Beigabe zu Don’t Look Back in Anger fällt Underneath The Sky ins Gewicht, das Allmusic zu dem Schluss kommen ließ: „Most bands‘ singles can’t match these ego-bloated, but always excellent, pop princes‘ supposed B-material.“. Auch ein exzellentes Cover von Slades Cum on Feel the Noize ist auf dieser vierten Single vertreten. Da die letzte Single des Erfolgsalbums, Champagne Supernova nämlich, lediglich einen Radio Edit und eine Albumversion des Songs vorzuweisen hatte, existiert somit keine eigentliche B-Seite. Die Band hat stattdessen Champagne Supernova (Brendan Lynch Mix) als Extra-Track dieser Edition hinzugefügt, das in dieser Version bislang nur auf diversen Promos vorzufinden war. Was auf dieser Sammlung natürlich letztlich nicht fehlen darf, ist Bonehead’s Bank Holiday, welches als Bonus auf der Vinylausgabe von („What’s The Story) Morning Glory? aufscheint. Was die Band dazu getrieben hat, ausgerechnet diesen seltsamen Tralala-Titel auf Vinyl zu hieven, bleibt eines der Geheimnisse von Oasis.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf Disc 3, die mit Demos und Konzertaufnahmen gespickt ist. Da wäre zu einem natürlich der Auftritt beim Roskilde-Festival im Sommer 1995 zu nennen, zu einer Zeit, als erst Some Might Say als Single herausgekommen war. Insgesamt vier Tracks dieses Festivals sind dieser Ausgabe beigegeben, wohl weil andere Auftritten aus dieser Zeit bereits auf der Konzert-VHS …There and Then aufzufinden sind. Abgesehen von den Aufnahmen in Roskilde (Some Might Say, Hello, Roll With It, Morning Glory) sind es vor allem die B-Seiten, die hier live vorgestellt werden. Etwa Acquiesce, das im November 1995 im Londoner Earls Court dargebracht wurde, oder auch Talk Tonight, im Juni 1995 als Auftakt zur Vorbereitung auf die anstehende Festivalsaison im Bath Pavilion gespielt, und natürlich The Masterplan, im August 1996 im legendären Knebworth Park aufgenommen. In der Summe erscheint die Auswahl eher willkürlich. Augenfälliger fallen da die Demos aus, etwa eine herrlich abgespeckte Variante von Some Might Say. Die akustische Fassung von She’s Electric, dem eigentlich schwächsten Track der Platte, zeigt das volle Potential des Songs auf. Auch der satte Sound von Hey Now! weicht in der Demoversion einer zarten Melancholie. Und so sind es eben solche Varianten, die Disc 3 nicht zum Füllmaterial verkommen lassen.

(What’s the Story) Morning Glory? entstammt der letzten Blüte des Musikgeschäfts, ehe kurz danach das aufkommende Internet die Musik für immer veränderte. Es repräsentiert eine Epoche, in der die bewährten Mechanismen noch griffen. Singles und B-Seiten einen höheren Stellenwert besaßen. Es zeigt eine Band am Zenit, als Eskapaden und musikalisches Schaffen noch gleichermaßen für Schlagzeilen sorgten. In der Rückschau staunt man Bauklötze, weshalb die Musikkritik dem Werk nicht gleich mit ausgestreckten Armen begegnet ist. Denn das oft euphorische Lebensgefühl einer Zeit, die sich auch von der fiesen Thatcher-Ära nicht hatte brechen lassen, wurde von Oasis bestens gespiegelt. Die dreckige Unschuld jenes Britpops wich in der weiteren Folge einer postmodernen Unbehaglichkeit, die Radiohead perfekt symbolisierten. Doch noch war es nicht soweit, noch hatten Noel und Liam Gallagher die Zügel in der Hand. Dieses auf 3 CDs aufgefächerte Meisterwerk lässt schwärmen, von großem Songwriting und von charismatischer Unangepasstheit, somit von einer Zeit vor unserer Zeit. Früher war eben alles besser – und Oasis noch im Streit vereint.

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(What’s the Story) Morning Glory? (Special Edition) ist am 26.09.2014 auf Big Brother Recordings erschienen.

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Offizielle Webseite

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