Die neuen Achtziger – The Dø

Ein frankophones Achtziger-Synthie-Dancefloor-Pop-Kuddelmuddel gefällig? Dann sollte man sich schleunigst das Album Shake Shook Shaken des französisch-finnischen Duos The Dø besorgen. Die von ABBA über futuristischen Electro-Soundtrack vergangener Tage bis hin zu gegenwärtigen Protagonisten wie den Chromatics reichenden Einflüsse sind gut gewählt. Die angeschwülte, oft sogar fiebrige Note des Werks beschert ein zum Mitsteppen anregendes Album. Es ist eine angenehm rückwärtsgewandte Platte, die sich durch die Musikgeschichte zitiert und auch darum zum Besten zählt, was uns 2014 an Klängen beschert hat. Vor allem entzückt es als Lebenszeichen aus französischen Breiten. Dabei müssen The Dø gar keinen lasziven Akzent aus der Mottenkiste kramen, um Shake Shook Shaken mit Charme zu verbrämen. Eigentlich scheint der glorreiche French Pop vergangener Dekaden längst vergessen, in der internationalen Wahrnehmung haben französische Acts in den letzten 20 Jahren massiv an Bedeutung verloren. Diese Platte aber trotzt dem Trend!

Der Opener Keep Your Lips Sealed ist das Paradestück dieser Platte, wer hier in Enthusiasmus ausbricht, wird diesen für die nächsten 40 Minuten nicht mehr los werden. Keep Your Lips Sealed klingt wie aus einem schummrigen Proberaum entfleucht, undergroundiger Flair trifft auf Ladytron, ein in dunstigen Synthie-Sphären schwebender Refrain wird von einem fordernd intonierten, aufmüpfig dreinblickenden Gesang konterkariert. Das Duo Dan Levy und Olivia Merilahti kreiert eine Aura der Abgründigkeit und des Hochgefühls, eine für Electro-Pop geradezu ungehörige Atmosphäre, die sich an den Sinnen reibt. Trustful Hands dagegen versöhnt schwülstig-trashigen Pop mit der Melodik der guten, alten ABBA. Das ist skandinavischer Europop mit viel französischem Pfiff. „Do you really wanna go back in time?“ gerät nicht nur zur Kardinalfrage von Miracles (Back in Time), es ist sogar ein Frage, die das gesamte Album heftig nickend bejaht. Bei allem Hitpotential, das etwa diesem Song innewohnt, wirkt jene Rückführung durchaus wie ein Streifzug durch vergangene Subkulturen, an Erinnerung an eine Epoche, als Musik noch in verrauchten Clubs geboren wurde. Auch darum ist Shake Shook Shaken ein romantisch-nostalgisches Werk. Als weiteres Highlight entzückt Sparks, weil The Dø nie vor einem satt-säuselnden Sound zurückschrecken. Ihre Bewertung der Geschichte gewichtet Mainstream, Trash und Underground gleichermaßen. Das famose Going Through Walls etwa bringt punkige Attitüde in die Platte ein, während Despair, Hangover & Ecstasy in manch Weise an eine spukige, überdrehte Version der frühen Erasure erinnert. In dieser Unberechenbarkeit geht es weiter, die eher langweiligen Strophen von Anita No! werden vom beschwörerischen wie sirenesken Refrain überlagert, die zunächst deplatziert wirkende Ballade A Mess Like This macht nach einigen Wiederholungen eine zunehmend ansprechende Figur. Denn Merilahti versteht sich aufs Drama, entwickelt einen nuancenreichen Gesang, der mal auf kultivierte Inbrunst gebürstet und dann wieder auf gebrochenen Pathos gepolt tönt. Gegen Ende hin entfaltet Lick My Wounds einen starken Kontrast aus Gefühls-Pop und schillernder Synthie-Pop-Hymne. Noch besser gerät Opposite Ways, das sehr an das erinnert, was 80er-Girlgroups wie Bananarama einst durchs Radio gepustet haben. Doch hätte man den Bands von damals auch diese Qualität gewünscht! Nach dem im Refrain zu einem Triumphmarsch mutierenden Nature Will Remain wird ganz zum Schluss die Platte nochmals in eine gänzlich neue Richtung gelenkt. Omen nämlich orientiert sich mehr an einem Jean Michel Jarre als an herkömmlichen Pop-Strukturen. Es wäre durchaus reizvoll, das Duo zukünftig noch stärker in diese Richtung agieren zu sehen. Diese roboterhafte und exotisch-futuristische Fingerübung passt zum würdigen Ausklang einer unberechenbaren Scheibe.

The Dø ist eine unerschrockene Hommage an vergangene Zeiten gelungen, die sich doch stark vom ungelenken Retro-Kram unterscheidet, der seit einigen Jahren die Szene flutet. Shake Shook Shaken zitiert, paust jedoch nie an ab, es erinnert sich nicht nur, sondern puzzelt sich das Gestern mit viel eigener Fantasie zurecht. Vor allem aber glorifiziert die Platte das Gestern nicht, sondern geht mit historischem Eifer an die Sache ran. The Dø schreiben die Achtziger neu. Und diese Zeitreise gelingt. Sehr sogar!

shakeshookshaken

Shaken Shook Shaken ist am 24.10.2014 auf Embassy of Music erschienen.

Konzerttermine:

26.10.2014 München – Ampere
28.10.2014 Frankfurt – Zoom
29.10.2014 Köln – Luxor
30.10.2014 Leipzig – Täubchenthal
31.10.2014 Berlin – Heimathafen

Links:

Offizielle Homepage

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2 Gedanken zu „Die neuen Achtziger – The Dø

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