Harte Schale, Wiener Kern – Wanda

Vor ein paar Wochen schon habe ich das sagenhafte Debüt der Wiener Formation Wanda über den grünen Klee gelobt und als fehlendes Verbindungsglied zwischen Austropop und Indie-Rock bezeichnet. In der Begeisterung hatte ich gar gemutmaßt, dass ein Pete Doherty, wenn er denn mit Wiener Schmäh anstatt britischer Rüpelhaftigkeit sozialisiert worden wäre, wohl allzu gern mit den Jungs von Wanda musizieren würde. Gerade in den letzten Jahren haben sich einige pfiffige österreichische Bands dadurch verdient gemacht, dass sie dem Vakuum zwischen gediegener Hochkultur und provinzieller Volksmusikalität jede Menge frischen Wind einhauchen. Mit dem Album Amore läuten Wanda endgültig eine Renaissance des Austropop ein, der seit den Siebzigern und Achtzigern doch nur noch in der nostalgischen Erinnerung bestand. Was mir an dieser Platte so imponiert, ist die spezielle österreichische Mentalität, jene Melange aus suderndem Überschwang und lässigem Schlawinertum. Kraftvolle Emotion trifft hier auf die morbide Wiener Seele, der herbe Charme des Gemeindebaus auf das ganz große Leben.

Schon das erste Lied der Platte gerät zum Volltreffer. Bologna gefällt als verhinderte Inzest-Hymne („Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen/ Obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht„), lässt Italien als Sehnsuchtsort für Amore und Dol­ce­far­ni­en­te wiederauferstehen. All den Irrungen und Wirrungen des Fühlens steht ein kehlig geschmettertes, die Liebe bejahendes Lebensgefühl entgegen. Auch das nachfolgende Jelinek, dessen Namenspatin die österreichische Literaturnobelpreisträgerin ist, betont abermals das Wörtchen Amore. Die Chuzpe Jelinek in irgendeiner Form mit Amore in Verbindung zu setzten, solch Dreistigkeit muss man sich erst einmal leisten können. Und nochmals funkelt ein lebenfroher, liebestoller, mit Schmackes vorgetragener Refrain. Luzia wiederum mit diesem gewissen hoffenden Masochismus reiht sich nahtlos in die Reihe überkanditelter, energiegeladener Lieder ein. Die unbändige Lust am Jetzt wird durch die Aussicht auf ein unvermeidbares Ende weiter angeheizt („Ich glaub, das sieht ein jeder ein/ Am Ende seines Lebens wird ein jeder einsam sein„). Das ist rumpelnde Weltklasse, wie ich meine, fingert am Puls einer in jeder Hinsicht schrägen Metropole. In solch einzigartiger Tonart setzt sich die Platte fort, Auseinandergehen ist schwer etwa besticht mit alkohlschwangerer, larmoyanter Verliererattitüde. Wenn Sänger und Mastermind Marco Michael Wanda ins Mikro rotzt, röhrt und fleht, wird das Sprichwort von der harten Schale und dem weichen Kern sehr lebendig. Wanda sind wahrlich keine Schönwetterband, die dem Abenteuer Leben mit unendlicher Naivität begegnen, Wanda sind auch keine Vorstadtkanaillen, die ohne Ziel und Verstand dem wilden Leben huldigen. So kraftstrotzend die Texte oft daherkommen, so hintersinnig sind sie. Der verschwenderische jugendliche Elan holt sich seine Schrammen ab. Und begreift, wie die Zeile „Leidenschaft heißt Leiden und es lässt sich nicht vermeiden/ Dass die Wunde klafft“ verrät. Stehengelassene Weinflaschen ist nur dem Titel nach im Tran, es entwickelt durch sein wackeres Außerseitertum und die behüteten Momente des Glücks eine Dynamik, die dazu führt, dass man Herrn Wanda als James Dean des Gemeindebaus abfeiern möchte. Das nachfolgende Schickt mir die Post verrät eine Humorigkeit, die man im Zusammenhang mit Amore ebenfalls nicht unterschlagen darf. So etwa wird eine Himmelfahrtssehnsucht mit der Bitte „Besucht die Mama, wenn sie schläft/ Schlagt ihr für mich den Schädel ein“ verbunden. Bleib wo du warst dagegen besingt die große, weite Welt (Rom, Berlin, Hawaii), nur um letztlich im gepflegten Schalala ein fast höhnisches „Sterben wirst du leider in Wien/ Da g’hörst du hin“ erschallen zu lassen. Die österreichische Tradition der Nestbeschmutzung wird also einmal mehr fortgeführt. Nach zwei Dritteln der Platte ist man von der hermdsärmeligen Verve Wandas längst im positivsten Sinne geplättet. Doch noch hat die Formation nicht alle Pfeile verschossen, nach wie vor sind die Arrangements großartig, weiterhin betören in Popgeschichte gemeißelte Melodien, noch immer stimmt die ausgefuchste Inbrunst des Vortrags. Ob bei der makabren Säuferhymne Ich will Schnaps oder dem funky Austropop-Potpourri Easy Baby, stets wohnt den Liedern ein Hauch von Poesie, eine mit der Realität ringende Emotion inne. Dass es uns überhaupt gegeben hat ist ein Titel, der sich in seinem Widerspruch aus Zeitfülle und Seinslosigkeit verheddert. Mit Volldampf ins Nichts, in ein tiefes Loch sogar, mit solch einer Empfindung wird bei allen Anklängen an eine glorreiche Vergangenheit letztlich doch der Gegenwart Rechnung getragen. Bravo!

Amore entzückt mich als Album, wie man es allzu lange nicht mehr aus österreichischen Breiten vernommen hat. Es lässt das Kulurgut Austropop in der Moderne ankommen. Wanda sind so robust wie feinsinnig, so euphorisch wie wehmütig, so schlawineresk wie direkt. Mehr noch, Wanda sind die, die all der Heurigenseligkeit und dem ganzen Walzerflair ein Stückchen Wien abtrotzen, es wieder auf der Landkarte des Pop-Rock verorten. Es wurde aber auch Zeit!

amore_wanda

Amore ist am 17.10.2014 auf Problembär Records erschienen.

Konzerttermine:

14.11.2014 Mödling (AT) – Red Box
15.11.2014 Oberwart (AT) – Zooming Culture
19.11.2014 Salzburg (AT) – ARGE
20.11.2014 Zürich (CH) – Gonzo
21.11.2014 München – Milla
23.11.2014 Villingen-Schweningen – Limba
25.11.2014 Passau – Kreuzweis
28.11.2014 Rohrschach (CH) – Treppenhaus
29.11.2014 Freiburg – Great Räng Teng Teng
07.12.2014 Wien (AT) – Flex
28.01.2015 Graz (AT) – Forum Stadtpark

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