In einer unterdrückten wie rebellischen Zukunft – Warm Graves

Man nehme die Unangepasstheit des Krautrock, die ausufernde Imposanz von Pink Floyd, die rätselhafte Aura des Ambient, vermenge dies mit Ritualtanzästhetik und stelle diesem mächtigen Soundgewitter einen Chor entgegen, der seinerseits wie eine Mischung aus griechischer Tragödie und sakraler Inbrunst sowie einem die Internationale intonierenden Arbeitergesangsverein erinnert. Wem diese Beschreibung die Neugier in die Ohren treibt, der sollte die Formation Warm Graves für sich entdecken. Die Tracks des demnächst erscheinenden Debüts Ships Will Come funktionieren zwar allesamt fast nach dem selben Muster, jenes aber ist verdammt clever gestrickt.

Der Pressetext bezeichnet Ships Will Come als „ein Konzeptalbum, welches sich inhaltlich eng mit dystopischer Sciencefiction-Literatur verknüpft sieht“. Und eben diese Intention wird erstaunlich anschaulich vermittelt, vor allem wenn man die Visionen aus der Zukunft als irdische interpretiert und nicht in die Weiten des Universums schielt. Wobei der dystopische Anstrich manchmal bröckelt und dem Frohlocken einer Utopie Platz macht. Meine Lesart dieses Werks ist die eines Soundtracks, der auf einem oftmals schmalen Grat zwischen gesellschaftlichem Untergang und zivilisatorischem Hoffnungsschimmer wandelt. Ships Will Come verbreitet eine unterschwellig revolutionäre Stimmung, die aus vielen Kehlen erschallt und damit auch auf Distanz zu einer individualistisch fokussierten Gegenwart tritt. Warm Graves entwickeln einen in die Ferne schweifenden Post-Rock, der Einsprengsel von Ennio Morricone und The Flaming Lips aufweist. Aus diesem so kruden wie dynamischen Mix entsteht ein Wechselbad aus Behagen und Unbehagen. Es beginnt eine Trance, die Gedanken nährt, Träume träumt. Zu den Highlights dieses Debüt zählt etwa Ravachol, das wohl nach einem französischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts benannt ist. Es ist einer der verdichtetsten, visionär gehaltenen Tracks der Platte. Der in forcierter Sehnsucht gehaltene Titelsong Ships Will Come strahlt eine subtile, denoch gefährliche Erlösungsfantasie aus, so als wäre sie einem Jonestown ähnelnden Sektenrausch ferner Tage entsprungen. Dagegen entwickelt Roulaux mit seinem repetitiven Chor-Sample eine sachte Euphorie, die den Hörer zu berühren versteht.

Dem im Leipzig ansässigen, aus den USA, Italien und Deutschland zusammengewürfelten Trio Warm Graves ist mit Ships Will Come ein in dieser Darreichungsform einmaliges Album geglückt. Die Kombination aus Synthie-Flächen, der tribalhaften Rhythmik und dem gedämpft aus dem Hintergrund agierenden Chor macht das Werk zum Soundtrack einer unterdrückten wie rebellischen Zukunft. Solch ein futuristischer Entwurf hätte besser nicht ausfallen können. Man höre, man staune!

shipswillcome

Ships Will Come wird am 17.10.2014 auf This Charming Man veröffentlicht.

Konzerttermine:

13.10.2014 Jena – Cafe Wagner
14.10.2014 Mannheim – Teufel
15.10.2014 Halle – Reil 78
16.10.2014 Berlin – Schokoladen
17.10.2014 Hamburg – Astrastube
19.10.2014 Solingen – Waldmeister
20.10.2014 Trier – Villa Wuller
21.10.2014 Haldern – Haldern Pop Bar
23.10.2014 Offenbach – Kapelle
24.10.2014 Rorschach (CH) – Treppenhaus
25.10.2014 Esslingen – Komma
26.10.2014 Wien (AT) – Fluc
28.10.2014 Dresden – Ostpol
29.10.2014 Nürnberg – MUZ

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