Wiegenlieder für verirrte Schäfchen – Saint Saviour

Es mag Gefühle geben, bei denen man sich die Kehle aus dem Hals brüllen muss. Auch in der Musik scheint Gejodel zur Stimmbarmachung von Emotion legitim. Und doch: Leise ist das neue Laut. Unter anderem durch das Erstarken des (Indie-)Folk wurden in den letzten Jahren vermehrt Stimmungen gepflegt, die keinem schrillen Pathos huldigen. Auch getragene Empfindsamkeit entwickelt eine große musikalische Kraft, die den Hörer zu fesseln weiß. Das Album In The Seams der Britin Saint Saviour belegt dies. Mit ihrem sanften, vergrübelten Piano-Pop und nachdenklichen, folkigen Gitarren-Balladen ist Saint Saviour die Ruhe in Person. Sie träumt, sinniert, flüstert und erzählt, krakeelen tut sie dagegen nie. Vielmehr hängt sie Gedanken nach, singt sich mit viel Anmut ein zartbesaitetes Stück Leben von den Lippen. All das gleicht einer Beichte in ein Tagebuch, Hoffnungen inbegriffen.

In The Seams hat sich dem Heranwachsen verschrieben. Es thematisiert den Ausbruch aus gesellschaftlicher Enge ausbrechen, die Suche nach einem Begreifen und Verstehen, den Glanz verschworener Liebe, all die Mühen der Identitätsfindung, Heimkehr und Trost inklusive. Saint Saviours lyrisches Ich ergeht sich dabei nicht in dramatischen Schilderungen, es deutet an, überlegt, verliert dabei nie den Kopf. Es raunt sich auch mal ein „Alles halb so schlimm“ zu, schließlich sei ja niemand gestorben. Nobody Died ist in den schummrigen Schein des Pianos getaucht, dazu bewirkt ein Streichereinsatz eine Art Absolution. Harm und Weh werden weggewischt („And the stupid things won’t matter in the light/ So hold tight). All die Unglücke der Adoleszenz scheinen nicht unumstößlich oder ewig. Auch wenn eine Entschuldigung mitunter schwer fällt, der eigene Stolz im Wege steht. Schon mit dem eröffnenden Intro (Sorry) wird unterstrichen, dass die Behebung vieler Fehler möglich wäre, wenn man bloß nicht oft den Gesichtsverlust fürchten würde. In solch einer ehrlichen, ruhigen Beichte liegt mehr Wahrheit und Intimität als in tausend funkelnden Tränen. Saint Saviour vermag so schlicht wie wunderbar zu reflektieren, nach Worten zu tasten, sie in Wiegenlieder für verirrte Schäfchen zu fassen. Sad Kid etwa grübelt über das Schicksal eines den Träumen hinterherziehenden Ausreißers („Wandering troubadour oh young libertine/ Your blue eyes betraying the trouble you’ve seen/ Well I see you struggling betwixt and between/ The steel and the shipyards eclipse your Parisian dream„), sehnt die Rückkehr herbei. Auch Bang stößt sich die Hörner ab, die Zeilen „Let’s go out with a bang/ Steal a car let the sirens sing“ wagen die Flucht. Aber das pittoreske Piano lässt schon vermuten, dass es hier nicht um die Reinkarnation von Bonnie und Clyde geht, vielmehr Liebe mit Karacho von allem Unglück fortstrebt. Einmal mehr ersehnt Let It Go den gemeinsamen Aufbruch in ein neues Glück, spitzt jenen Wunsch auf den simplen Satz „Run away with me“ zu. Der Moment, in welchem man sich nicht länger selbst im Weg steht und Probleme endlich überwinden möchte, dieser Augenblick wird immer wieder beschworen. Und dazu muss Saint Saviour nie in Theatralik verfallen, nicht einmal beim sehnsüchtigen, gefühlig aufbereiteten Let It Go. Die Liebe, jenes sprichwörtlich seltsame Ding, nimmt bei diesem Album naturgemäß einen großen Platz ein. Sie ist ein Antrieb des Grübelns, sie verneint die Kapitulation. Und die Ergebnisse der Gedankengänge erschöpfen sich nie in herkömmlichen Liebeserklärungen. A Word beispielsweise bekennt sich zu einer Zuneigung ohne große Worte („I can be kind without saying a word„). Die Zärtlichkeit, mit der die eigenen Unzulänglichkeiten vertrauensvoll ausgebreitet werden, die feine Selbstironie, die auch die stärksten Zweifel begleitet, geben diesem Song eine entwaffnende Note („Maybe I just don’t have what it takes/ Maybe you could just put up with all my mistakes/ Not exactly a sweet serenade/ But I need you near me and words only get in the way„). Saint Saviours Idylle sind freilich nie mit dicken Pinselstrichen gemalt, sie sind ein bisweilen flüchtiges Glück in widriger Umgebung. Musikalisch erinnert dies an einen Mix aus Vashti Bunyan und The Innocence Mission. Man will dieser Singer-Songwriter oft und gerne Glauben schenken, ihrem keinesfalls leichtfertig geäußerten Verlangen nach einem Wir, das sich der Welt entgegenstemmt (Intravenous). Man möchte ihre Betrachtungen teilen, wenn sie am Hafen die Geister der Vergangenheit aufscheucht, eine Demut ob der eigenen, unbedeutenden Existenz entwickelt (Craster). Es liegt ein Gewicht in jener Poesie, eine Form der Wahrnehmung und Erkenntnis, die sich weder auf Plattitüden noch auf philosophische Wälzer stützt.

Ein bisschen Piano, eine akustische Gitarre, ab und an Streicher, dazu liebliche Melodien; nach diesem Schema funktioniert sonst gern Blümchen-Folk-Pop, der in seiner Harmlosigkeit und angestrengten Nachdenklichkeit nie weh tut, aber eben auch nie die Seele tätschelt. Im Falle von Saint Saviour sollte man sich von alledem nicht täuschen lassen. Die simple und zugleich kunstvolle Schönheit von In The Seams schöpft aus wachem Hirn und weichem Herz, aus jugendlicher Unverstandenheit und der Hoffnung auf Erfüllung. Der helle Gesang entwirft ein Schicksal, das vielleicht strauchelt, aber (noch) nicht fällt. All die Lieder sind Lullabys für unangepasste Gemüter, deren Träume noch nicht in die Sphären der Unmöglichkeit abgeglitten sind. Diese Songs müssen auch nie laut werden, um dennoch im Gemüt zu knistern. Zumindest bei denen, die sich dem Sein noch nicht ergeben haben.

intheseams

In The Seams erscheint am 31.10.2014 auf Surface Area/Believe Digital.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Wiegenlieder für verirrte Schäfchen – Saint Saviour

  1. Diese Britin hat wirklich eine Stimme zum Träumen das Album darf man sich wirklich nicht entgehen lassen. Ich frage mich wo die sich die ganze Zeit über versteckt hat, da twittere ich doch gleich mal hinterher.

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