Der Muh-Muh-Müßiggang der Taugenichtse – Barbarisms

Ich habe ein ausgesprochenes Faible für den melodischen wie ein wenig verpeilten Lo-Fi-Americana-Indie-Rock der US-Band Clem Snide. Ohne Frage zählt deren Album The Meat of Life zu den liebsten fünf Platten, die ich der letzten 6 Jahren seit Bestehen dieses Blogs besprochen habe. Wenn ich also die amerikanisch-schwedische Formation Barbarisms und ihr gleichnamiges Debüt mit Clem Snide vergleiche, dann drückt dies bereits große Wertschätzung für die Band rund um Mastermind Nicholas Faraone aus. Denn Barbarisms besticht mit lakonischer Slacker-Attitüde, die sich Gepflogenheiten verweigert. Oftmals klingt diese Platte nach dem Muh-Muh-Müßiggang von Taugenichtsen, die in der Beschaulichkeit der Provinz am Leben knabbern und knuspern. In dem willentlich wirren Bewusstseinsstrom der Lyrics steckt der Reiz von Leichtigkeit, die eine Alternative zum biederen Sein unserer Tage birgt.

In einem Song wie Backwards Falconer #2 mit seinen Zeilen „There will always be one more dick to suck/ There will be the cat who caught your tongue“ versteckt sich die ganze Schönheit des Albums. Dieses auf Außenseitertum getrimmte Werk hält oft eine flapsige bis tröstliche Erkenntnis auf Lager. Das Leben scheint immer einen Glücksmoment parat zu haben („There will always be an Eden just over there„), wie es aber eben auch den Augenblick der Sprachlosigkeit offeriert (cat got your tongue). Macaulay Culkin On Pizza dagegen ist ein kalkuliert kurioser Titel, der sich in belanglosen Vergnügungen und Ziellosigkeit ergeht, dann quasi nebenbei und nonchalant die Eingebung „Everybody takes what they can out of their lives/ Until their lips turn blue/ Everybody flies into the fly-tape of a life“ hat. In solch leicht verlottertem Lo-Fi-Alternative-Folk lauert eine schnarrende Weisheit, die die Generation X in den Neunzigern einst ausgemacht hat. Die Träume, die Barbarians schildern, sind nie die einer zielstrebig verfolgten Karriere, sie scheinen vom Vertrauen auf den Zufall durchdrungen. Katherine Anne Porter mit einem anbetungswürdig dargebotenen Refrain „I could have been priced out of the raffle but I won at the odds/ Now it’s like I’ve got time for everything“ und den artikulierten Sehnsüchten „I want a couple kids to love, I don’t want anything to happen to them“ gerät zum berührenden Mittelpunkt des Debüts. Jenes so bittersüße Leben als Glückssache ist bei näherer Betrachtung eben keine Plattitüde, funktioniert vielmehr als Gegenentwurf zur Zielstrebigkeit und Planbarkeit der Gegenwart, bleibt mit allen Wünschen auf dem Teppich, verillusioniert sich nicht in Richtung Weltfrieden oder ewiger Wonne. Pail Of Water reift in eindringlicher Melancholie zum wehmütigsten Stück des Albums. Es schwankt zwischen Fantasien („I would have gone nuts for you in your salad days„) und Desillusionierung („I wouldn’t call you the love of my life„). Faraones Stimme, die mal jammrig, mal zerknautscht-hoffend tönt, steht der Chose bestens zu Gesicht. Mit einem Erzählen neben der Spur, mit einem rhythmischen Trotten schlendert Explorer durch eine Ungewissheit. Es ist eine in die Unwirtlichkeit steuernde Expedition, die stets Gefahr läuft, Schiffbruch zu erleiden. Man sollte nie den Fehler machen, das Slackertum ausschließlich als leichtlebige Lethargie zu begreifen, es schöpft vorwiegend aus Orientierungslosigkeit und einer gewissen Angst vor den Ansprüchen des Seins („And the fear of it takes you like a drink takes a cube of ice„). Und weil Explorer all dies auf den Punkt bringt, zählt es zu den stärksten Liedern des Werks. Ganz zum Ende schließlich bietet Figures Of Men einen veritablen Stream of Con­scious­ness, das mit Dylanschem Zungenschlag dahinmäandert. Die Worte „I’ve been killing my time talking to god/ He’s my insurance plan, safer than State Farm“ bemühen nochmals das Prinzip Hoffnung.

Wenn ich vorhin salopp von einem Muh-Muh-Müssiggang gesprochen habe, dann wollte ich damit auch die provinzielle und wunderbar unambitionierte Einstellung der Platte feiern. Sie fängt ein Stück Amerika ein, das sich nicht dem American Way of Life zwischen Wolkenkratzerfassaden verpflichtet fühlt. Faraone und seine schwedischen Kollegen Tom Skantze und Robin Af Ekenstam ist gleich mit ihrem Debüt ein eigenständiges, eigentümliches und eigenbrötlerisches Werk gelungen, hinter dessen augenzwinkernd auf Taugenichts gestrickten Fassade ein nachdenkliches Suchen und Hoffen lauert. Barbarisms haben somit der Melancholie des Slackertums ein schönes Denkmal gesetzt. Ich kann das Staunen kaum mehr lassen!

barbarisms_cover

Barbarisms erscheint am 07.11.2014 auf Control Freak Kitten Records.

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