Ewiger Schwerenöter, zeitloser Galan – Bryan Ferry

Der Typus des ewigen Verführers ist in der Gegenwart ein wenig unter Beschuss. Den verbliebenen Charmeure wird gerne ein antiquiertes Frauenbild attestiert, die Öffentlichkeit betrachtet das Tun der letzten Playboys durchaus kritisch. Herrscht bei diesen Affären denn auch wirklich gegenseitiges Einvernehmen? Oder wurde frau gar auf die Bettkante gezwungen? Zwischen den lauschigen Hausfrauentabus von Shades of Grey und einer auf Shitstorm getrimmten, von Politcal Correctness besessenen Gesellschaft liegt nur ein schmaler Grat. In Kanada etwa ist der Radio- und TV-Moderator Jian Ghomeshi gerade unter die Räder gekommen, weil er seinen One-Night-Stands mindestens mit großer physischer Präsenz nachging. Der Vorwurf von Gewalt wird untersucht. Erst vor wenigen Tagen haben sich die Medien hierzulande mit der wohl neuen und moralisch verwerflichen Profession des Pick-Up-Artists empört auseinandergesetzt. Kurzum, Verführer und Casanovas und alle, die sich dafür halten, sind in einer oftmals sehr gerechtfertigten, tiefen Wirkungsklemme. Doch meist zieht bereits ein nicht eben dezenter Schlafzimmerblick einen Schweif von Zeter und Mordio nach sich. Hysterie und emanzipatorische Notwendigkeit sind manchmal schwer zu trennen. Auch an einem meines Wissens völlig untadeligen Bryan Ferry gehen all die Veränderungen nicht spurlos vorbei. Er repräsentiert bis heute den Gentleman der alten Schule, den Dandy unter den Bonvivants. Sein neues Album Avonmore wirkt daher gänzlich aus der Zeit gefallen, steht für ein edel-männliches Selbstverständnis, wie man es so heute noch selten antrifft. Der Schwerenöter in der Krisis, so lässt sich die Platte zusammenfassen.

Avonmore ist ein in Satin gekleidetes Album für lauschige Nachtstunden, in denen ein Tête-à-Tête zu kippen und in Tränen, Bitterkeiten und Zweifeln aufzugehen vermag. Schon das eröffnenende Loop De Li setzt den ersten Akzent, wenn es das Ende einer Beziehung durchdekliniert. Dieser Pop rettet das Saxophon aus den guten alten Zeiten herüber, verlangt förmlich nach einem Cocktailglas und dezentem Hüftschwung, während Gitarren und Keyboard in bester Ferry’scher Manier zusammenwirken. Im Kontrast zum chicen Sound stehen die galligen Zeilen „And so you cry/ Sweet hatred tastes bitter/ Loop de li„, denen jedwede Nonchalance entwichen ist. Auch Midnight Train verschanzt sich routiniert hinter größtmöglicher Eleganz und Sophisti-Pop, um einem abgefahrenen Zug nachzugrübeln. Vertane Chance, verpasstes Glück („The way you look/ They way you hold me tight/ Midnight train/ Where are you tonight?„). Ferry versteht es, den melancholischen Verlierer und von den Umständen und Unwägbarkeiten gebeutelten Kavalier zu geben. Er begreift sich als Glücksritter, der um die Beherrschung seiner Sinne ringt. Noble Fassade, begierigstes Innerstes, derart gerät das zusammen mit Johnny Marr verfasste Soldier of Fortune zu einem markantesten Songs dieses Albums. Nicht nur dieser Titel fügt sich mit großer Selbstverständlichkeit in das bisherige Schaffen ein. Denn Ferry zählt längst zu den Ikonen, die sich auch gar nicht neu erfinden müssen. Er irrlichtert aus einer Vergangenheit herüber, passt sich nur in Kleinigkeiten an die Moderne an. „I keep on blaming myself/ I’m a wise guy/ Why do I end up on the shelf?“ kokettiert tatsächlich auch mehr mit Altersweisheit, als dass es wirklich an Eitelkeiten kratzt. Und dennoch verkörpert Driving Me Wild den Zwiespalt dieser Platte, wenn das noch immer flackernde Feuer auf ein zunehmendes Alter trifft. Es ist ein bedauerndes Sinnieren, ein Nachtrauern von Gelegenheiten, das sich allerdings nie die Blöße gibt. Sogar A Special Kind of Guy deutet alles Bitten und Betteln fast noch zum eigenen Akt der Wohltätigkeit um („Others tell me that you’re lonely„). Ferry ist ein Schmeichler vor dem Herren, daran kann auch eine veränderte Verfasstheit kaum rütteln. Mit dem Titeltrack Avonmore erlebt die Platte ihren Ritterschlag, weil es mit sinistrem Groove, hektisch-lamentierender Ruhelosigkeit am Puls der Zeit scheint, die Getriebenheit des urbanen Dschungels einfängt, sich einen Flea von den Red Hot Chili Peppers für den Bass holt. Der Refrain „I want a love that’s never ending/ Through all the thunder and the rain/ But there’s no sense in pretending/ I know I’ll never fall in love again“ gibt sich pessimistisch, sorgt für die Kratzer im Lack. Wenn Mark Knopfler bei Lost dann auch mal zur Gitarre greift, sich in die illustre Gästeschar einreiht, erfährt die Achtziger-Seligkeit ihre Vollendung. Hier ist er wieder, der ewige Ferry, der samtene Schwärmer, dessen großartige Stimme samt ein bisschen Patina noch immer um den Finger zu wickeln versteht. Auch die Verlockungen von One Night Stand muten vielversprechend an. Zwei Mensch in der Masse, ein flüchtiges Glück, Namen bloß Schall und Rauch. Solch Unverbindlichkeit wohnt Trost inne.

Zum Ende des Albums wendet sich Bryan Ferry schließlich zwei Coverversionen zu, die gut zum Tenor dieses Werks passen. Send in the Clowns wird überraschend viel abgerungen, obwohl es sich ja als Standard über die Jahrzehnte schon recht abgenutzt hat. So wurde aus der Bitterkeit des Originals oft ein triumphales Leckt-mich-doch-am-Allerwertesten gestrickt. Bei der so üppig wie dezent arrangierten Version Ferrys scheint die Nachdenklichkeit wieder in den Vordergrund gerückt. Mit dem andächtigen Johnny and Mary wird schließlich Robert Palmer dadurch Tribut gezollt, dass es in gedämpften Synthies und zärtlicher Wehmut schwelgt. Dieser Song wurde vom norwegischen Produzenten und DJ Todd Terje mitverantwortet und ist bereits vor einigen Monaten auf seinem Werk It’s Album Time zu hören gewesen. Es ist ein Abschluss voller Grandezza, welcher den Briten nochmals von seiner Schokoladeseite zeigt. Bryan Ferry war nämlich nie Faserschmeichler mit Speichel in der Stimme, er gab stets den stilsicheren Verführer, für den Frauen Wohl und Wehe bedeuten. In dieser Rolle besticht und brilliert er auch mit bald siebzig Jahren am Buckel. Denn die auf Avonmore geschilderte Krise ist eine des Alters und der Vergänglichkeit. Er steht folglich keineswegs vor den Scherben einer überholten Weltanschauung. Er ist der zeitlose Galan, der auch im Heute seine Berechtigung hat. Erst recht dank einer wunderbaren Platte wie Avonmore.

avonmore_cover

Avonmore ist am 21.11.2014 auf BMG Rights erschienen.

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