Kein Sturm im Wasserglas – Haley Bonar

Manchmal muss man ausholen, um auf den Punkt zu kommen. Bevor ich also diesmal das wunderbare Album Last War der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Haley Bonar bespreche, möchte ich kurz in die Grundsätzlichkeit abgleiten. Und darum folgende Fragen anreißen: Wie nimmt man eine weibliche Liedermacherin heutzutage wahr? Legen Mann und Frau an Sängerinnen noch immer andere Maßstäbe an als an Sänger? Ist die vielgepriesene Emanzipation vielleicht nur ein schöner Schein? Wie stereotyp vollzieht sich die Wahrnehmung weiblicher Stimmen im Indie- und Alternative-Bereich? Werden Sängerinnen nicht immer noch arg benachteiligt? Die ganze Leidensgeschichte beginnt bei männerdominierten Plattenfirmen, setzt sich im Bereich der ebenfalls männerdominierten Rezeption fort und macht auch vor Hörern und Hörerinnen nicht Halt. Frauen müssen weitaus mehr Erwartungshaltungen und Klischees bedienen. Wo Mann nach Herzenslust experimentieren darf, sollte Frau süß, engelsgleich oder zumindest herzzerreißend leidend agieren. Wo Mann im zerzausten Hipster-Outfit samt Bart und Brille auf der Bühne stehen darf, möchte man Frau adrett geschniegelt im Kleidchen auftreten sehen. Natürlich darf Frau auch görig daherkommen, allerdings verfestigt sich auch hier der Eindruck, dass damit lediglich ein männlicher Fetisch befriedigt wird. Nun will ich unbedingt daran glauben, dass die Mehrheit aller aufgeklärten Männer das andere Geschlecht als völlig gleichwertig wahrnimmt. Es ist meiner Meinung keine Frage der künstlerischen Ausdruckskraft und des handwerklichen Geschicks, es scheint vor allem diese Extraportion Optik, die von Sängerinnen zusätzlich zu ihrem Können abverlangt wird. Aber nicht nur. Während der Singer-Songwriter über das Leben erzählen darf, dreht sich die Texte von Liedermacherinnen oftmals um eine emotionale Verfasstheit. Frauen will Mann fühlen hören. Aus all den angedeuteten Problemstellungen ergibt sich einmal mehr der Eindruck, dass Singer-Songwriterinnen wesentliche Widrigkeiten überwinden und Kompromisse eingehen müssen, um ihre Kunst unters Volk zu bringen.

Diese Misere muss man sich ab und an vergegenwärtigen, speziell wenn eine wie Haley Bonar ein bisschen aus der Reihe tanzt. Bonar ist weder anmutiges Liebchen noch verwünschtes Prinzesschen, sie geriert sich auch nicht als toughe Braut mit Lederpeitsche oder als allen Sphären und Maßstäben entschwebende Kunstfigur. Last War entpuppt sich als mutige Platte, die zwischen Stühlen Platz nimmt, die den fiebrigen, ausbrechenden Gesang der Achtziger mit den (vorerst) geplatzten Träumen kleiner Leute kombiniert, quasi zu einem weiblichen Springsteen mutiert. Solch Musik trägt schon die ersten Furchen der Enttäuschung im Gesicht und entwickelt zugleich die Kraft, noch nicht aufzugeben, ans Leben neu zu glauben. Schon die ersten Takte des Eröffnungstrack Kill The Fun wecken eindeutige Assoziationen: The Bangles treffen auf The Cure aus ihren Tagen von Friday I’m In Love. Das Resultat ist ein wunderbar eingängiges Popjuwel, das mit Verve gegen die absehbare Beiläufigkeit einer Affäre ankämpft („You’ll be here til morning/ You will get back on the plane/ Go back to the world/ Where you never knew my name„). No Sensitive Man wiederum dreht den Spieß um, gerät vehement in der Ablehnung. Es liegt eine aufmüpfige Fröhlichkeit in dieser post-punkigen Nummer. Wenn Bonar beim Titelsong Last War ins Mikro haucht und säuselt, dann nicht in dem Ton, der bei männlichen Hörern Beschützerinstinkte weckt. Bonar entwickelt filigrane Nuancen voller Bodenständigkeit, sie verdichtet damit Emotionen, entwirft so dynamische Szenen. All die Lieder offenbaren eine starke Persönlichkeit, die weniger gefallen denn mit Geschichten konfrontieren will. Heaven’s Made For Two etwa tönt fast nonchalant und ironisch („You’re the only one that loves me unconditionally/ If the condition’s like the dishes and the laundry„), wenn es einer Beziehung gen Mexiko entflieht. Und sich dabei eben nicht in Selbstzerfleischung ergeht, sondern voller Aufbruchsstimmung in ein neues Leben prescht („I’ll be drinking coca cola gladly wasting time/ Half naked on the great divide„). Bonars Protagonistinnen erkennen Abhängigkeiten, wagen eine natürliche Selbstbestimmtheit, die halt nicht wie aus einem feministischen Lehrbuch geschnitzt wirkt. Woke Up In My Future ist in seinem Americana-meets-Post-Punk-Sound ein weiteres Prunkstück der Platte, auch wegen Zeilen wie „And I spoke to the dead before I learned how to fear them, they sat with me on my bed/ Watched me as I slept and I felt safe and sound/ A leader with my confidence, I cut the evil down with a sword of common sense/ And I took care of things I loved with all my heart„. Solch textliche Befindlichkeiten sind nie abstrakt, jegliche Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen wirken warm, voller Seele und sehr unmittelbar geäußert. Auch den Tücken der Reifewerdung, den Frustrationen fortschreitenden Erwachsenwerdens, dem unwiderruflichen Ende wilder Zeiten wird Bonar gerecht, wenn sie bei Bad Reputation bekennt: „I wish I could date my former self/ She’d be a fun girlfriend/ She got a bad reputation„. Das ist der Geist, der auch durch Ü-30-Parties weht, wenn ein nostalgisches Feuer durch den Saal knistert. Während einst eine Joan Jett in einem ebenfalls Bad Reputation benannten Track eine neue Ära anbrechen sieht, ihren zweifelhaften Ruf mit hedonistischem Optimismus feiert, ist der Ruf bei Bonar lediglich noch lästiges Anhängsel eines leider beendeten Lebensabschnitts, eine Wehmut für ganz gewisse Augenblicke. Mit dem reduzierten, folkigen Eat For Free endet das Album schließlich auf nachdenkliche Weise, es fungiert quasi als Gegenstück zum aufweckten Anfang mit Kill The Fun. Was mit einem von den The Bangles inspirierten Gesang begann, ist nun in der liedermacherischen Gegenwart einer Sharon Van Etten oder einer Nina Nastasia angelangt.

Man darf, so meine ich, Haley Bonar durchaus zu ihrem Weg beglückwünschen. Last War ist ein Werk, das sich nie Erwartungen anbiedert oder in Stereotypen erschöpft. Es besticht als ungewöhnliches aber nie unzugängliches Album, das auf großem textlichem Talent fußt. Wo Lyrics oft einen Sturm im Wasserglas zum Orkan aufplustern, zeugt das erzählerische Temperament Bonars von großer Authentizität, die die Zuspitzung nie überstrapaziert. Ihre Figuren sind keinesfalls darauf angelegt, Männerfantasien zu bedienen. Und weil all dies in genau jener Art und Weise gelungen ist, sollte man sich die Fragen stellen, warum das nicht sehr viel öfter geschieht. Und da wäre ich schon wieder beim Ausgangspunkt der Überlegungen angekommen. Sängerinnen müssen sich leider viel zu oft in ein Klischee pressen lassen. Mann will das eben so.

 lastwar_cover

Last War ist am 17.10.2014 auf Memphies Industries erschienen.

Konzerttermin:

05.11.2014 Berlin – Monarch

Links:

Offizielle Homepage

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